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Amazonen-Kolumne tink.ch

Mittwoch, 16. September 2009

Coiffeurgeschichten

amazonen_negativWir alle tragen Geschichten aus unserer Vergangenheit in uns, die uns ganz besonders am Herzen liegen. Noch Jahre später geben wir sie mit vor Stolz geschwellter Brust zum Besten. Was wir gerne vergessen: Unser Blick ist voreingenommen, verschleiert vom Gefühl der Nostalgie. Für jemand, der nicht dabei gewesen ist, hat die Geschichte nicht die gleiche Sogwirkung. Unter den Amazonen heissen solche Geschichten «Coiffeur-Geschichten». Und das kam so:

Lockenkopf, Kaktusblüte und ich fahren im Auto, Lockenkopf sitzt am Steuer, als Kaktusblüte, scheinbar aus dem Nichts, von ihrem früheren Coiffeur Guido zu palavern beginnt. Jener Guido, der ihr als Mädchen die Haare geschnitten hat und ihr am Ende immer einen Lollipop in die Tasche steckte. Mit grösster Detailtreue zeichnet Kaktusblüte Leben und Biografie dieses Guido nach, inklusive der Tolle auf seinem Kopf und den Papagei im Salon.

Als Kaktusblüte ihren Monolog beendet hat, können weder Lockenklopf noch ich irgendeine Pointe darin erkennen. Eine verräterische Stille macht sich im Wagen breit, bis ich zu sagen wage: «Ähm... habe ich irgendwie die Pointe verpasst oder gibt es wirklich keine?» Wie sich herausstellt, war es ein unscheinbarer Salon am Strassenrand, der all diese wilden Assoziationen in Kaktusblüte ausgelöst hatte. Weder Lockenkopf noch ich hatten Guidos Salon überhaupt wahrgenommen.

Manchmal necken wir sie noch heute mit ihren Coiffeurgeschichten. Doch ob jemand einen Hang zu Coiffeurgeschichten hat, an den unmöglichsten Orten einschläft, vergesslich ist oder ständig in der Nase bohrt... genau solche kleinen Unzulänglichkeiten sind es doch, die unsere Freunde letztendlich so unverwechselbar machen.

Dienstag, 18. August 2009

Das Recht auf Liebestöter

amazonen_negativBridget Jones, die liebenswürdig-tapsige Katastrophen-Frau, die so gerne Tagebuch schreibt, hat den Begriff salonfähig gemacht: Liebestöter. Ein Liebestöter ist eine überdimensional grosse Unterhose, unmöglich in Schnitt und Farbe, die unter mysteriösen Umständen in die eigene Wäschekollektion geraten ist und darin eigentlich überhaupt keine Existenzberechtigung hat. Sie fällt völlig aus dem Rahmen, tummelt sich munter und hässlich zwischen all den Cadillacs ihrer Sorte. Die Eremitin hat dafür auch den schönen Begriff „Gammler“ geprägt. Fast jede Frau hat irgendwo noch so einen vergammelten Liebestöter in ihrer Kommode, wenn sie nur tief genug in der Schublade gräbt.

Peinlich wird es erst dann, wenn unsere Liebestöter plötzlich Blicken ausgesetzt sind, die nie für sie bestimmt waren. Einmal geriet der Gammler einer Freundin in die Schmutzwäsche der Männer-WG ihres damaligen Freundes. Einen Vollwaschgang später sah sein Kumpel den Liebestöter in seiner ganzen Pracht an der Wäscheleine hängen und konnte sich einen abschätzig-ironischen Kommentar nicht verkneifen. Ihr Freund nahm das unappetitliche Textil seiner Freundin in Schutz, indem er sagte: „Das sind eben ihre 'Mensunterhosen'.

Unterhosen, die frau nur während ihrer Tage trägt? Woher er das wohl hatte? Die Amazonen waren sich für einmal alle einig: Auch wir wünschen uns einen Mann, der
unsere Liebestöter vor seinen Kumpels in Schutz nimmt und sogar dann noch schmeichelnde Worte für uns findet, wenn wir in dieselben gehüllt vor ihm stehen. Mut zur Hässlichkeit ist gefragt! Denn Liebestöter sind vor allem eins: der eindrückliche Beweis dafür, dass wir uns selbst nicht allzu wichtig nehmen. Bridget Jones würde mir beipflichten.

Donnerstag, 6. August 2009

Die falsche Braut

amazonen_negativManche Leute machen sich einen Spass daraus, uneingeladen an einer Party zu erscheinen und zuerst die Bar und dann danach das Kuchenbuffet zu plündern. Die Amazonen haben sich für diesen Sommer einen viel besseren Zeitvertreib ausgedacht. Das Spiel heisst: „Tu so, als ob du Polterabend feiern würdest“ oder „Fake the Polterabend“. Schliesslich gibt es keine Regel, die besagt, dass man kurz vor der Vermählung stehen muss um sich einen Rausch anzutrinken und sich ungebührlich zu benehmen. Die Amazonen schaffen das auch ganz ohne baldige Limousinenfahrt mit Schleppe und langem Kleid!

Und so verabreden sich die Eremtitin, Kaktusblüte und Lockenkopf mit ein paar Freundinnen zu einem gestellten „Polteri“. Wer sich als Braut der Lächerlichkeit preis geben muss, wird an Ort und Stelle per Los entschieden. Sich mitten in der Innenstadt mit bemalten T-Shirts zum Deppen zu machen, ist befreiend und für einmal bekommt man dafür sogar noch Geld. Treffen wir auf andere Poltergruppen – an diesem Abend sehr zahlreich vorhanden – entsteht sogleich ein erhebendes Solidaritätsgefühl. Die unechte Braut spielt wunderbar mit und schwärmt in den buntesten Farben von ihrem Verlobten namens Massimo... der genauso unecht ist wie die Braut selbst.

Als wir gerade in einer Bar abtanzen, trifft Lockenkopf auf eine Schulfreundin aus früheren Tagen. Sie heiratet bald und hält in der gleichen Bar ihren Polterabend ab wie wir ­- einen echten, versteht sich. „Wer heiratet bei euch, etwa du?“, will sie wissen, woraufhin Lockenkopf ein bisschen zu schnell und zu vehement den Kopf schüttelt. Allein ihrem Losglück ist es zu verdanken, dass Lockenkopf der echten Braut nicht im Nachthemd und mit orangen Schwimmflügeli am Oberarm irgendwie glaubhaft machen musste, dass es im Moment zugegebenermassen ein bisschen danach aussehe, sie aber dennoch nicht vor habe zu heiraten...

Dienstag, 21. Juli 2009

Frauen telefonieren anders

amazonen_negativNirgendwo sonst im Alltag unterscheiden sich die Geschlechter so stark in ihrem Verhalten wie beim Telefonieren. Wenn Männer mit Männern telefonieren, besteht dieses Telefonat aus einem kurzen Wortwechsel, gefolgt von einem abrupten „ciao“.Maximale Gesprächsdauer: 3 Minuten. Ich denke an die Telefongespräche mit meinen Geschlechtsgenossinnen und stelle fest: Der Unterschied könnte grösser nicht sein.

Ein Telefongespräch unter Frauen dauert, und hier sprechen wir noch nicht von der Verabschiedung. Denn eine Verabschiedung unter Freundinnen ist keine blosse Verabschiedung, sondern ein Ritual. Ein Ritus, das durchaus monumentale Ausmasse annehmen kann. Da heisst es dann: «Also, okay, tschau, tschüss, mach’s gut…», und dann lässt sich Gesprächspartnerin Nummer eins nochmals zu einer Bemerkung hinreissen und ab geht’s in die nächste Runde, die wieder endet mit «also, okay, tschau, tschüss, mach’s gut, woraufhin Gesprächspartnerin zwei der letzte, aber dieses Mal ist es wirklich der letzte, Einschub einfällt… Eine Unsitte! Und noch dazu genetisch bedingt, versuchen die Eremitin und ich doch immer wieder, den langen Weg der Verabschiedung zu verkürzen – und scheitern kläglich.

Doch es gibt eine Erklärung dafür. Für Frauen bedeutet eine Verabschiedung immer gleich eine Art Trennung, die sie mit möglichst viel Zuwendung kompensieren müssen. Sehr wortreich möchten sie einander auf dem berühmten Beziehungsohr versichern, dass dieser Abschied nur eine Beendigung des Gesprächs ist und nicht etwa das Ende ihrer Freundschaft… kompliziert, würden Männer sagen.

Entsprechend schwierig gestaltet sich der geschlechterübergreifende Versuch eines Telefonats. Lockenkopf beschwert sich regelmässig darüber, dass ihr Freund immer so monoton redet am Telefon. „Zeig doch ein bisschen Emotionen!“, ruft sie dann aus. Und wehe, der Angebetete hinterlässt eine monotone Nachricht für sie auf dem Telefonbeantworter! Da muss er mit Sanktionen rechnen. Die Römerin hat ebenfalls resigniert, was Männer und das Telefonieren anbelangt, ihr trockener Kommentar: „Wir können nicht miteinander telefonieren.“ Hätte es im Paradies schon ein Telefon gegeben, die Menschheit wäre wohl längst ausgestorben.

Vielleicht sind nie enden wollende Telefongespräche so etwas wie die Essenz jeder richtig guten Frauenfreundschaft. Da kommt es auf die zehn bis fünfzehn Minuten, die so ein Abschiedsritual locker in Anspruch nimmt, doch wirklich nicht mehr an.

Dienstag, 7. Juli 2009

Der Bleistift-Test

amazonen_negativDie Sauna ist wie der Zug ein idealer Ort, um Fremde beim Gespräch zu belauschen. Eine Zeitlang war Lockenkopf eine ziemlich exzessive Saunagängerin. Einmal hatte sie es sich gerade mit ihrem Badetuch auf den heissen Holzbrettern bequem gemacht, als sie den Begriff „Bleistift-Test“ aufschnappte. Der Bleistift-Test, erklärte eine Frau ihrer Kollegin, sei ein Trick, um zu eruieren, inwieweit die Brüste dem Gesetz der Schwerkraft bereits gefolgt seien. Dabei klemme frau sich ganz einfach einen Bleistift zwischen Brust und Bauch. Findet der Bleistift kein Fleisch, um sich festzuklammern und fällt deshalb runter, kann das nur eins bedeuten: Die Brust ist immer noch straff. Die Saunafrau in Lockenkopfs Sauna meinte dazu trocken: «Weiss du, früher war es noch ein Bleistift, heute findet an dieser Stelle eine ganze Farbstiftschachtel Platz!»

Lockenkopf und ich sind natürlich gleich gerannt, um die Probe aufs Exempel zu machen. Kaum zu Hause, entledige ich mich meinem T-Shirt und dem BH und platziere den Bleistift am besagten Ort. Mit dem Telefonhörer zwischen Kopf und Schulter geklemmt, berichte ich Lockenkopf brühwarm von der Test-Front: “Zwischen meinen Hautfalten findet locker ein Bleistift Platz“, sage ich zu ihr. «Sitzt Du?», fragt mich Lockenkopf am anderen Ende der Leitung. Ich bejahe. «Du musst halt schon aufstehen!» In stehender Position ergibt sich jedoch dasselbe Bild: Der Bleistift hält und hält, wenn auch mit etwas mehr Spielraum.

Geknickt von diesem Resultat, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass es immerhin mit der Farbstiftschachtel schwierig werden könnte. Ausserdem nehme ich mir vor, den Test bei Gelegenheit zu wiederholen. Dabei ertappe mich bei der Vorstellung, dass ich den Bleistift glatt unter der Brust vergessen und mir beim Sex plötzlich aus der Wäsche fallen könnte. Wie ich das meinem Partner wohl erklären würde? Vielleicht mir einem 100 Prozent originalen und copyrightgeschützten Amazonen-Schrei: «Cheerio, ich liebe meinen Körper... und du hast das gefälligst auch zu tun!»

Donnerstag, 25. Juni 2009

Apfelwähe für alle

amazonen_negativ Lockenkopfs Freund hat das Apfelwähenbacken für sich entdeckt. Und man muss dazu vielleicht noch sagen, dass er in der Küche nicht zu gebrauchen ist. Jedes Mal, wenn er sich darin zu schaffen macht, sind wesentliche Utensilien danach unbrauchbar. Lockenkopf und Kaktusblüte geben noch heute die Geschichte zum Besten, wie er vor Jahren einmal versucht hat, Popcorn zuzubereiten und die Pfanne dabei so ausbrannte, dass man sie gleich in den Mülleimer schmeissen konnte. Das mit den Pfannen lässt er seither sein, dafür hat er jetzt das Backblech für sich entdeckt. Sei einigen Wochen bäckt er nämlich mit rühriger Hingabe Apfelwähe. Seine Schwiegermutter in Spe hat ihm bereits ein Wähenkochbuch geschenkt. Lockenkopf muss derweil nicht auf den verwegenen Gedanken kommen, sie könne im gemeinsamen Haushalt je wieder selbst eine Wähe backen. Das ist jetzt sein Revier, in Sachen Apfelwähe ist ER der Experte. Schluss, Punkt, Ende der Diskussion.

Schon seltsam, wie Männer dazu neigen, die wenigen Handreichungen, die sie normalerweise im Haushalt ausführen, so dermassen überzubetonen. Als könnten sie sich damit einen Orden verdienen. Eine Prestige-Angelegenheit ist Haushaltsführung definitiv nicht. Damit lassen sich keine Lorbeeren einheimsen. Doch anstatt die Erfahrung zu machen, dass auch „niederträchtige“ Arbeiten mit Hingabe ausgeführt werden können, haben Männer die Tendenz, jedes noch so kleine „Ämtli“ zum Prestigeobjekt hoch zu stilisieren. Die Frau ist der Allroundertyp, Männer möchten sich spezialisieren, Experte sein.

Und dennoch rührt mich die Apfelwähen-Geschichte. Für Männer wie Frauen ist es gleichermassen wichtig, die bemutternde, fürsorgliche Seite in sich zu entdecken und ihr Ausdruck zu verleihen. Die Anima, so heisst diese weibliche Seite in der Psychologie, macht, dass wir uns um unsere Liebsten sorgen, wenn sie sich verspäten, sie lässt uns Gäste mit Hingabe bewirten und... sie sorgt dafür, dass wir Wähen backen. Eine Wähe mit saisonalen Früchten ist so etwas wie der Inbegriff der liebevollen, gütigen Seite in ein jedem von uns. Auf den Wähenboden kommt je nach Jahreszeit das drauf, was die Natur oder der Boden hergibt. Das erinnert an den Zyklus von Geburt, Sterben und Wiedergeburt, was Frausein ja letztendlich ausmacht. Oder vielleicht bringe ich Wähe auch deshalb in Zusammenhang mit Mütterlichkeit, weil eine Wähe zu jenen Dingen im Leben gehört, die hausgemacht einfach tausendfach besser schmecken als gekauft. Das Elternhaus betreten, den vertrauten Geruch einatmen, das Büsi spüren, das einem um die Beine streicht und eine Wähe auf dem Tisch vorfinden – das ist Heimkommen.

Freitag, 12. Juni 2009

Naschen mit dem Popcorn-Mann

amazonen_negativEs gibt Menschen, die sind so richtig grosse Nascher. Lockenkopf gehört zu dieser Spezies. Nun hat sie auch noch das ganz grosse Los gezogen, arbeitet ihr Freund doch neben seinem Studium im Kinokiosk. Für den Popcorn-Nachschub im Hause Lockenkopf ist also gesorgt. Etwas Besseres hätte ihr nicht passieren können. So geht Lockenkopf als neugeborene Cineastin jetzt regelmässig ins Kino, während ihr Freund treuherzig die Popcorn-Maschine rattern lässt, sobald die Dame seines Herzens eintrifft. Weil die Becher jedoch abgezählt werden, muss er regelmässig und unter Einsatz all seiner Kräfte für behältertechnischen Ersatz suchen. So kommt es vor, dass Lockenkopf im Kinosaal neidvolle Blicke auf sich zieht, weil sie mit einem riesigen Getränkepappkarton voller Popcorn im roten Plüschsessel sitzt, während sich die Nachbarn links und rechts mit einer durchschnittlichen Bechergrösse zufrieden geben müssen. Ein bisschen würde sie sich jeweils schon schämen, räumte sie noch ein. Schon früher waren die Amazonen grosse Chips-Nascher. Eine Zeitlang waren Erdnussflips bei uns ganz hoch im Kurs. Wir vertilgten ganze Packungen dieser Dinger, und Lockenkopf war ernsthaft beunruhigt, als sie eines Tages feststellte, dass sie keine ganz Packung Erdnussflips auf einmal mehr vertilgen konnte. Na so was! Da konnte doch etwas nicht mehr stimmen! War sie etwa ernstlich erkrankt? Bei der nächsten Arztkonsultation wies sie den Mediziner vehemment auf ihren besorgniserregenden Zustand hin. Was dieser genau diagnostizierte, ist leider nicht überliefert. Wahrscheinlich hat er sie kopfschüttelnd nach Hause geschickt, mit dem Ratschlag, es doch morgens nochmal zu probieren.

Dienstag, 19. Mai 2009

Ode an die Kurven

amazonen_negativFrancine Jordi hat den schönsten Ausschnitt der Schweiz. Wir sitzen gerade in einer ausgelassenen Runde und trinken Rotwein, als dieser Satz fällt. Ein Hinhörer. „Das hat die Glückspost neulich geschrieben“, erklärt die Regenbogenpresse-Leserin der Runde beflissen in die entstandene Stille hinein. Und ehe ich mich versehe, entfährt es mir: „Francine Jordi hat wirklich einen Wahnsinns-Ausschnitt.“ Die Männer in der Runde sagen plötzlich keinen Ton mehr, während die Eremitin unter Lachen zu mir meint: „Ich kann mich nicht entscheiden, was mich mehr schockiert: Dass Du Dich für Francin Jordis Ausschnitt interessierst oder dass Du überhaupt weisst, wer Francin Jordi ist?“ (Francine Jordi ist eine Schlagersängerin, Anm.)

Drall im prallen Leben stehen
Gross gewachsene Frauen mit barocken Körpermassen sind schön. Und ich will das sagen können, ohne mich gleich dem Generalverdacht ausgesetzt zu sehen, dass ich etwas schön reden will, was sowieso nicht zu ändern ist. Ich würde üppige, vollbusige Frauen wie Francine Jordi, Cecilia Bartoli oder Marilyn Monroe auch dann schön finden, wenn ich selber eine keine solche wäre. Es ist ein nettes Geschenk der Natur, dass ich bekommen habe, was mir auch an anderen gut gefällt.
Doch wir leben in einer widersprüchlichen Welt. Überall herrscht Überfluss, aber ausgerechnet unsere Körper sollen nicht überfliessen dürfen? Dabei ist es doch ein herrliches Gefühl, zu überfliessen! Man kann vor Liebe überfliessen, sodass man dem Liebsten auf offener Strasse ungestüm einen Kuss aufdrückt oder man kann vor Kreativität überfliessen, sodass man vor lauter Ideen des nachts kaum schlafen kann. Wenn wir überfliessen, spüren wir es als eine innerliche Erregung, eine Mischung aus Tatkraft, leichte Überforderung und Aufgeregtsein. Es ist doch so: Wer mager ist, ist krank. Wer rund ist, ist gesund. Eine Ode an die üppige Frau ist also gleichzeitig eine Anrufung an ein pralles und verrücktes Leben, an Lebensmut- und Lebenskraft.

Dieser Hunger nach Leben
Vollbusige Frauen haben meistens etwas sehr Nährendes an sich. Doch ist das keine Anspielung auf Mutterschaft und Muttermilch. Mit „nährend“ ist mehr ein Wesenszug, eine Charaktereigenschaft gemeint. Menschen, die diese Art von Frauen lieben, sind von ihrer sprühenden Lebenskraft fasziniert, möchten sich von ihrem Sinn für den Lebensgenuss verführen lassen. Im Verlauf der Geschichte hat es immer wieder Maler gegeben, die dafür bekannt waren, dass sie dralle Frauen gezeichnet haben: Rubens zum Beispiel oder Picasso. Üppige Frauen haben diesen Künstlern Modell gestanden, waren deren Musen und damit eine nie versiegende Quelle der Inspiration. Maler, die eine Vorliebe für dürre Frauenmodels hatten, sind mir nicht bekannt. Dürre Frauen wirken kalt, leer, tot. Eine Bauchspeck-Diva belebt den Geist, meistens ist sie feinsinnig, sie liebt das schöne Leben, das Essen die Musik und den Wein. Sie ist grossherzig, spontan, sinnlich, leidenschaftlich und... sie lacht viel. Sie ist eine grosse Gesellschafterin mit einem grossen Herzen. Bauchspeck-Diven skandieren deshalb lautstark in die Welt hinaus: „Rolle an Rolle, Speck an Speck – wir bleiben rund!“ Persönlichkeit hat eben immer Gewicht.

Dienstag, 21. April 2009

Die Segnungen kreativen Denkens

amazonen_negativEs ist leider eine menschliche Tatsache, dass wir unserem Glück häufig selbst im Weg stehen. Interessanterweise sind es jedoch meistens nicht die äusseren Grenzen; sondern unsere inneren Barrieren, die uns zum Verhängnis werden. Eingefahrene Denkmuster schränken unseren Handlungsradius ein, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Ob wir an eine neue berufliche Ausrichtung denken, einen Wohnortwechsel vornehmen möchten oder nur schon ganz simple, einfache Problemlösungsprozesse im Alltag anstreben… immer orientieren wir uns an anerzogenen oder gelernten Denkmustern.

Anhand des «Starbucks»-Cafés im Flughafen lässt sich das Prinzip des kreativen Lösungsprozesses wunderschön illustrieren. Der Flughafen ist ein Ort des Transits und oftmals sind Leute dazu gezwungen, langweilige Stunden in der Transitzone zu verbringen, nicht selten auch über Nacht. Besonders beliebt sind dabei die «Starckbucks»-Cafés, weil sie mit bequemen Sofas ausgestattet sind. Da diese aber eigentlich nicht zum Liegen, sondern zum Sitzen gedacht sind, krümmen sich die Reisenden jeweils zu Dutzenden in unschöner Weise darauf zusammen, um unter grösster Mühe in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Nur ein einziger, erzählte mir ein langjähriger Flughafenmitarbeiter, kam je auf die Idee, die Sitzpolsterung wegzunehmen – denn die lässt sich ganz einfach abnehmen – und diese auf dem Boden auszubreiten… er muss geschlafen haben wie ein König.

In der Fachwelt nennt sich dieses offene, unsystematische Denken «konvergentes Denken». Konvergentes Denken ist Denken, das sich über die inneren Grenzen hinauswagt, den inneren Zensor ausschaltet. Es ist im besten Sinne kreatives Denken. Meine Freundin Lockenkopf gehört zu jenen Menschen, die dieses konvergente Denken bereits als Kind verinnerlicht haben. Das lässt sich anhand einer schönen Geschichte illustrieren: Mangels normalem Papier hat Lockenkopf einmal in der Primarschule ihre Hausaufgaben auf Packpapier geschrieben. Warum auch nicht, muss sie sich gedacht haben. Auf Packpapier lässt sich schliesslich genauso gut schreiben wie auf normalem A4-Papier, und ich muss ihr da zustimmen. Dummerweise hatte ihre Lehrerin nicht ganz so viel Verständnis für diese Art des kreativen Lösungsprozesses: Als Klein-Lockenkopf stolz ihre Hausaufgaben auf einem Fetzen Packpapier präsentierte, wurde die Lehrerin fuchsteufelswild und schleuderte ihr folgenden legendären Satz ins Gesicht: «Chaschs ja grad so guet uf Schiisiipapier schribä!» Es weiss eben nicht jeder Kreativität angemenssen zu würdigen...

Dienstag, 31. März 2009

Zwischen Büchern

amazonen_negativMeine Amazonen-Freundinnen und ich werden von ganz unterschiedlichen Interessen geleitet. Im Grunde jedoch verfolgen wir alle das gleiche Ziel: Es geht uns darum, uns selbst zu verwirklichen. Es ist dieses Gefühl der Schöpfungswonne, von dem wir einfach nie genug kriegen können. Die Römerin sucht ihren Selbstausdruck in der Fotografie, die Eremitin malt Bilder und macht Improvisationstheater, Lockenkopf sprüht vor Ideen beim Basteln und Gestalten und Kaktusblüte liebt es, gemeinsam mit Kindern etwas zu erschaffen. Doch ich mag Kinder nicht besonders, ich hasse es zu basteln und fürs Malen und Theater spielen habe ich erst recht kein Talent. Dafür liebe ich schreiben und lesen.

Kaktusblüte wiederum hasst das Lesen. Sie hat ihr Lebtag noch keine zehn Bücher gelesen. Unvorstellbar für mich! Wie also finden wir gegenseitig Zugang in unsere Reiche? Kaktusblüte wird nie verstehen können, wie ich empfinden muss, wenn ich die Gesamtausgabe meines Lieblingsphilosophen Montaigne in den Händen halte, die gut 500 Seiten umfasst. Wie gut sich dieser überdimensionierte Schmöker in meinen Händen anfühlt und wie mich das plötzliche Drängen erfasst, mit diesem Buch der Bücher unter dem Arm durch die Winterthurer Marktgasse zu stolzieren. Ich bin verrückt. Aber das sind wir alle, wenn es um unsere Obsessionen geht. Es ist normal, dass es uns bewegt, wenn wir so nah an dem dran sind, was uns ausmacht.

Letzte Woche im Kellergeschoss der städtischen Bibliothek wurde mir plötzlich bewusst, dass meine Freundin Kaktusblüte, obwohl sie mich und mein Innenleben so gut kennt, keine Ahnung davon haben muss, dass ich mich in meinem Alltagsleben regelmässig an diesem Ort aufhalte. Es ist der Platz, wo Bücher aufbewahrt werden, die nicht so häufig ausgeliehen werden. Wahrscheinlich hat sie keine Ahnung, wie es dort, im Bauch der Bibliothek, aussieht, wie es riecht. Wie still es ist. Sie weiss nicht, dass die Regale bis zur Decke reichen und proppenvoll sind mit Büchern. Die Regale sind verschiebbar. Damit man zum gewünschten Regal herankommt, dreht man an einem grossen Rad. Eine Luke öffnet sich, während sich die bisherige schliesst. Meine Freundin kann nicht wissen, dass ich jedes Mal, wenn ich an diesem Rad drehe, einen Moment lang fürchte, jemanden in der sich schliessenden Luke zu erdrücken. Einen anderen Bibliotheksbesucher, der im falschen Moment geräuschlos geatmet hat. Doch betritt man erst mal die Luke, ist das alles vergessen. Auf beiden Seiten des Ganges türmen sich die Bücher meterhoch. Ein Gefühl des inneren Friedens flutet mich.

Kaktusblüte würde nicht so empfinden. Doch ich bin mir sicher, wenn ich sie mitnähme, meine Freundin Kaktusblüte, sie würde sich sehr über dieses Rad amüsieren, mit dem sich die Regale wie von Zauberhand öffnen und schliessen lassen. Von Büchern erdrückt zu werden! Auch diese Vorstellung würde sie vermutlich belustigen. Sie würde alles mit dieser kindlichen Unschuld betrachten, die denen eigen ist, die keinerlei Bezug zum Objekt haben, das sie betrachten. Und dann würde sie sich zwischen zwei Regale stellen und ich würde ganz vorsichtig am Rad drehen, bis ihre Nasenspitze fast von einem Buchrücken platt gedrückt würde. Wir würden losprusten und uns die Bäuche halten vor lachen.

Ich hätte ihr einen Ort gezeigt, der sehr viel darüber aussagt, wer ich bin. Damit hätte ich ihre Welt mit einer Erfahrung bereichert, die ohne mich nie ein Gesicht bekommen hätte. Denn genau dafür sind Freundinnen da. Sie bereichern unser Universum, lassen uns an einer Welt teilhaben, zu der wir ohne sie keinen Zugang hätten. Sie sorgen dafür, dass wir nicht so ignorant durchs Leben gehen müssen, in der Meinung, alle würden gleich empfinden. Ich bin froh, dass nicht alle meine Freundinnen Büchernarren sind. Es macht mich nicht einsam. Im Gegenteil: Es bereichert mich, meine Welt durch ihre Augen zu sehen.

BUCHSTABENBAZAAR

indien-2006-091

IMPRESSUM

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ZITATENKISTE

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