[>>]

Besser leben

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Zitronenbäume für den Gin Tonic

«Ich mag Alkohol nicht.» Diesen Satz hat kürzlich jemand zu mir gesagt, was mich im ersten Moment irritierte und dann sehr beeindruckte. «Ich rauche nicht», das ist unterdessen gesellschaftlich salonfähig geworden, und wenn jemand aus ideologischen oder religiösen Gründen keinen Alkohol trinkt, hat die Begründung entsprechendes Gewicht. Doch Alkohol zu meiden, weil er ganz einfach den persönlichen Geschmack nicht trifft, hat etwas Revolutionäres. Es ist nun mal nicht zu ändern, dass Alkohol in unserer westlichen Gesellschaft eine soziale Funktion hat. Man degradiert sich zumindest teilweise zum Aussenseiter, wenn man während einer durchzechten Nacht mit Freunden die Finger von der Flasche lässt. Im Übrigen habe ich mich schon oft gefragt, ob all jene, die an Bierflaschen nippen, das bittere Gesöff tatsächlich mögen.

Zitronenbaum
Bildquelle: Pixelio

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Wie gern würde ich mich lässig über die Bartheke lehnen und eine Stange bestellen. Ich finde das cool! Doch ich hasse Bier, ich hasse auch Cocktails aller Art (wenn nur der Alkohol darin nicht wäre…), ich bin sehr heikel was Weisswein betrifft und bereits vom ersten Glas Rotwein (den ich als einziges alkoholisches Getränk vergöttere) bekomme ich eine rot-violette Zunge. Als wäre es nicht schon genug, dass das einfach total unerotisch wirkt, sehe ich mit einer solchen Zunge auch noch aus wie der hinterletzte Alkoholiker nach dem zehnten Glas! Dabei bin ich wirklich weit davon entfernt, dem Alkohol anheim zu fallen. Es ist wie verhext, mit mir und dem Alkohol. Doch das alles ereignete sich, bevor der Gin Tonic in mein Leben trat.

Letztes Wochenende wäre ich nämlich endlich soweit gewesen. Der Samstagabend zog ins Land und meine Freundinnen und ich besuchten eine Veranstaltung, an der ein Trinkgelage aus Gründen, die ich hier nicht näher erläutern möchte, ganz einfach dazu gehört. Und ich war bereit für den Satz. Ich war bereit zu sagen: «Ich mag Alkohol nicht.» Doch das Schicksal hatte etwas anderes mit mir vor und liess mich just in diesem Moment den Gin Tonic entdecken. Und ich habe das unbestimmte Gefühl, dass er so schnell nicht mehr daraus verschwinden wird. «Sogar die Queen trinkt Gin Tonic», sagte die freundliche Kollegin, die mich in die Welt des Gin Tonics einführte. Wow….das hat Stil!

Es ist schon seltsam, wie lange es manchmal dauern kann, bis wir in einem bestimmten Lebensbereich das finden, was uns wirklich entspricht. Ich meine, wie viele Abende in meinem Leben habe ich bereit damit zugebracht, unschlüssig über der Getränkekarte zu brüten um zwischen den Verdikten «zu klebrig», «zu bitter» oder «zu süss» eine qualvolle Wahl zu treffen. Das alles wäre gar nicht nötig gewesen, hätte ich den Gin Tonic bereits gekannt!

Restlos überzeugt von der Theorie, dass der Gin Tonic mich auf meiner Reise, die mein Leben bedeutet, eine Weile begleiten wird, hat mich heute ein Gespräch mit einem sehr fröhlichen Mann am Flughafen. Er erzählte mir rundweg heraus, er sei nun im Pensionsalter und würde jetzt «der Sonne nachreisen». Er befand sich gerade auf dem Weg nach Neuseeland, wo er ein Häuschen besitzt. Als nächstes erzählte der rüstige Rentner ganz unvermittelt, dass er zwei Zitronenbäumen im Garten stehen habe, wo er die Zitronen frisch vom Baum pflückt, und jetzt kommts: «Für den Gin Tonic!» Dabei strahlte er über das ganze Gesicht.

Der fröhliche Rentner berichtete mir ausserdem noch von seiner Haushälterin und Zitronenbaumgärtnerin, die vom Gin Tonic immer ganz «truuurig» werde. Er rollte dabei das «r» und zog das «u» in die Länge, so wie es in manchen Dialekten üblich ist, was dem Gefühl, wie ich finde, sehr gerecht wird.
Ich kann nur für mich sprechen, aber mein allererster Gin-Tonic-Abend vom letzten Wochenende machte mich ausgesprochen heiter. Wenn alles gut geht, werde ich in Zukunft lässig über die Theke lehnen und einen Gin Tonic bestellen. Das hat Stil. Und das Beste ist, dass ich mir dabei erst noch vorgaukeln kann, dass ich meinen ursprünglichen Plan in die Tat umsetze und abstinent lebe. Schliesslich ist der Gin Tonic so klar, dass er aussieht wie Mineralwasser. Erst recht, wenn noch eine Zitronenscheibe darin schwimmt. Ich muss mich dringend über winterharte Zitronenbaumsorten informieren.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Hutgeschichten

Jahr 2000: Das Kinderlied

«Mein Hut, der hat drei Ecken, drei Ecken hat mein Hut. Und hätt’ er nicht drei Ecken, so wär’s auch nicht mein Hut».

Meine Freundin und ich gehen über eine hell erleuchtete Brücke. Wir sind ausgelassen, singen «Mein Hut» und machen die dazu gehörenden Gesten. Das alte Kinderlied macht uns Spass. Wir sind Anfang Zwanzig und unternehmen eine Interrail-Reise quer durch Europa – der Geschmack von Freiheit.

Jahr 2007: Der Zauberhut

Roulette und Pokertisch – im Kraftfeld an der «Casino Night» herrscht festliche Stimmung. Ich bin gerade von einer Indienreise zurückgekehrt. Als Souvenir überreiche ich meinen Freunden je einen traditionellen Hut aus dem indischen Himalaja, genannt «Kullu Hat». Die Beschenkten setzen das Mitbringsel auf den Kopf. Ein kurzer Blick in die Runde genügt: Die Hüte verleihen meinen Freunden ein völlig anderes Aussehen! Meine Freundin sieht mit dem Hut aus wie eine adrette Flight Attendant, zwei meiner männlichen Freunde ähneln älteren Herren in muslimischen Ländern, jemand sieht sogar aus wie ein Amerikanischer College-Absolvent! Der Effekt ist verblüffend, wir halten uns die Bäuche vor Lachen. Mitten in der noblen Casino-Atmosphäre taucht für den Rest des Abends da und dort ein behutetes Haupt aus der Menge auf. Der skurrile Zauberhut ist der unauffällige Ehrengast des Abends.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Besser leben Part one

1. Einen Drachen steigen lassen
2. Eine Raupe als Haustier halten
3. Im Urwald aufwachen
4. Eine selbst gemachte Kürbissuppe zubereiten
5. Eine exotische Sprache lernen
6. Spontan einen Fremden küssen
7. Ein Jahr auf einer Insel leben
8. Ein Gedicht auswendig lernen
9. Einen Sommer lang nicht arbeiten
10. Mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren und "Amélie" hören

BUCHSTABENBAZAAR

indien-2006-091

IMPRESSUM

edith.truninger(at)gmail.com Copyright für alle Texte bei der Autorin

ZITATENKISTE

"Zwei Variablen scheinen für ein gutes Leben entscheidend. Die eine ist Stabiliät. Die andere ist Veränderung. Schreiben sorgt für ein Gefühl für beides." Julia Cameron

AKTUELLE BEITRÄGE

Sitzen bleiben
Es gibt Menschen, die verstehen es auf wunderbare Art...
Eduschka - 22. Dez, 12:41
Der Zug ist abgefahren
Komme ich jetzt also auch schon ins Alter, wo man sich...
Eduschka - 9. Dez, 11:33
Zitat
«Denn alles, was macht braucht, zum Leben und...
Eduschka - 7. Dez, 17:02
Sein bester Freund, der...
Wie sehr es uns doch schmeichelt, wenn uns ein Büsi...
Eduschka - 7. Dez, 16:36
Auf dem Kartografen-Kongress
Auf europäischen Weltkarten befindet sich Europa...
Eduschka - 2. Dez, 15:54
OUT now: Kugelbomben...
VERNISSAGE: 15. November im Restaurant ZUM GRÜNEN...
Eduschka - 2. Nov, 13:24
Ladenhüter
Im Frühling war ich an eine Hochzeit eingeladen....
Eduschka - 1. Nov, 20:50
Coiffeurgeschichten
Wir alle tragen Geschichten aus unserer Vergangenheit...
Eduschka - 16. Sep, 19:24

LESE GERADE

SUCHE