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Essays

Mittwoch, 27. Mai 2009

Seine eigene Marke werden

Erasmus-Student in Berlin sein heisst für manche: Hippen Leuten begegnen, ganze Nächte durchfeiern, Spass haben und... sich auf einem der vielen Flohmärkte ein Akkordeon kaufen und darauf spielen lernen. So ein schönes Bild! Zugegeben: Ein freies Studentenleben macht einen ziemlichen romantischen Eindruck auf mich. Und dennoch möchte ich nicht mit meinem eigenen tauschen. Mein Lebensgefühl beinhaltet, mich mitten unter der Woche mit meinen Freundinnen zum Mittagessen beim Inder zu treffen, und anschliessend noch bis vier Uhr nachmittags Kaffee trinken zu gehen. Und dabei genau zu wissen, dass ich mich anschliessend noch an den Schreibtisch setzen werde um bis acht oder neun Uhr abends zu arbeiten. Und ich tue es gerne. Ja ich freue mich sogar darauf.

Zwischen Zwanzig und Dreissig ist es unsere Aufgabe, die Welt zu verstehen und einen Platz in ihr zu finden. In keinem anderen Alter ist die Sehnsucht so gross, endlich aufhören zu WERDEN und anfangen zu SEIN. In den letzten Jahren ist höhere Bildung für eine breite Bevölkerungsschicht zugänglich geworden. Und das ist gut! Es wäre idiotisch, das zu kritisieren. Doch auch mit abgeschlossenem Studium bleibt niemand davon verschont, sich irgendwann die entscheidenden zwei Fragen zu stellen: «Was will ich wirklich anfangen mit meinem Leben?» Und, in einem noch grösseren Massstab: «Was will ich der Welt einst hinterlassen?» Die Antwort auf diese Fragen ist kompliziert und der Weg dorthin mit Dickicht und Schlingpflanzen bewuchert. Ein Studium bietet Antworten auf so manche Fragen – doch leider selten auf diese. Jeder muss sie ganz individuell für sich beantworten. Am Besten möglichst ORIGINELL.

Der Wert von Originalität wird in der Arbeitswelt zukünftig immer wichtiger werden. Schliesslich kann heute fast jeder ein Bacheolor vorweisen, aber nicht jeder hat mit ein paar Freunden eine Snowboardfilm-Produktion ins Leben gerufen, selbständig eine Bilderausstellung organisiert oder eine Schreibgruppe ins Leben gerufen. Innovation und Originalität wird hoffentlich künftig einen mindestens genauso hohen Stellenwert einnehmen wie Bildung. Und mit den neuen Medien ist das noch viel einfacher geworden. In mir jedenfalls beginnt etwas zu summen, wenn meine Freundin mir erzählt: «Weißt Du, es gefällt mir, wenn ich fast nicht mehr schlafen kann vor lauter Ideen, die mir im Kopf herumschwirren.» Ja, ja, mehr davon! Auch ich kenne dieses Gefühl der Rastlosigkeit, wenn man so viele Dinge umsetzen möchte, dass man fürchtet, zu wenig Lebenszeit zu Verfügung zu haben. Ein sehr erregendes, aber manchmal auch ein bisschen anstrengendes Gefühl. Aber es gehört zum Prozess, seiner eigenen Wahrheit ein Stück näher zu kommen.

Hinzu kommt noch etwas viel Wichtigeres: Wie sehr uns ein Studienfach auch interessieren mag, selten wird es all unseren Potentialen, die in uns stecken, wirklich gerecht. Genau in dieser Hinsicht sitzen wir häufig einem Denkfehler auf. Viel zu schnell fragen wir danach, wonach der Markt verlangt, und versuchen uns selbst da irgendwie hineinzupressen. Dabei könnten wir ja auch einmal fragen: «Was haben wir dem Markt anzubieten?» Wir sollten viel mehr den Mut haben, unsere eigenen Ressourcen zu aktivieren, uns unser eigenes Berufsbild zu erschaffen, mehrere Dinge gleichzeitig tun, unsere eigene Ich-AG werden! Die Amerikanische Schreibtrainerin Natalie Goldman schreibt dazu: «Vertrau auf das, was du liebst, und es wird dich dorthin bringen, wo du hingehen musst. Und machen Sie sich nicht allzu viele Gedanken über Sicherheit. Man erreicht ein tiefes Gefühl von Sicherheit, sobald man das in Angriff nimmt, was man tun möchte.» Ein Studium kann auf diesem Weg sehr hilfreich sein. Aber letztlich soll es nur ein Werkzeug bleiben, ein Mittel zum Zweck. Gegen Ende meiner eigenen Studienzeit gab es einen Professor, der uns eine eindringliche Rede hielt im Hinblick auf unsere berufliche Zukunft. Am Schluss appellierte er an uns: „Werden Sie ihre eigene Marke!“. Es war etwas vom Wichtigsten, was ich in drei Jahren Studium gelernt habe.

Dienstag, 10. März 2009

Valloton und ich: Eine Annäherung an das Gemälde "La Blanche et la Noir" von Felix Valloton

blanche_noire

Der Geschlechterkampf ist in Vallottons Werk ein zentrales Thema, und genau das gefällt mir an seinen Bildern. Auch mir ist das Thema der Geschlechterverhältnisse ein Anliegen, was sich auf ähnliche exzessive Art wie bei Vallotton bei mir in meinem Schreiben niederschlägt. In einem der bedeutendsten Werke Vallottons, dem Gemälde «La Blanche et la Noire» von 1913, ist jedoch ausnahmsweise kein Liebespaar dargestellt. Vallotton hat zwei Frauen auf die Leinwand gebannt, zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die Frau mit der weissen Haut ist vollständig entblösst, sie liegt auf einem blütenweissen Laken und scheint zu schlafen oder wenigstens zu ruhen, ihre Wangen sind stark gerötet. Auf ihrer Bettkante sitzt eine schwarze Frau und betrachtet die Schlafende unverwandt, sie ist vollständig angezogen und trägt Accessoires wie eine Kette, Ohrringe und einen grell-orangen Hut. Der Kontrast, den Vallotton hier erschaffen hat, zieht den Betrachter augenblicklich in seinen Bann. Das einzige bildende Element zwischen den beiden Frauen scheint die rote Farbe zu sein. Rot für das Leben, rot wie das Feuer. Rot wie das Menstruationsblut der Frau.
Im Mundwinkel der Schwarzen steckt lässig eine brennende Zigarette. Dieses winzige Detail verleiht dem Bild etwas Bösartiges, Hinterhältiges. Der Blick der Schwarzen drückt Verachtung aus, sie scheint sich der Weissen überlegen zu fühlen. Ihre Körperhaltung verrät, dass sie sich unbeobachtet fühlt.

Herrin und Dienerin
Wollte Vallotton den äusserst flüchtigen Moment festhalten, als die Weisse gerade im Begriff ist, die Lider aufzuschlagen und die Schwarze in ihr Blickfeld gerät? Was geschieht danach? Wird die Weisse einen grossen Schrecken davontragen, weil sie feststellen muss, dass jemand sie so ungerührt betrachtet? Oder hat sie die Anwesenheit einer anderen Person im Raum bereits gespürt und ist deshalb nur bedingt überrascht vom Anblick der Schwarzen auf der Bettkante? Mindestens genauso spannend ist es, sich die Reaktion der Schwarzen vorzustellen: Wird sie den Blick abwenden, peinlich berührt und – ihre Toga zusammenraffend, eilig das Zimmer verlassen? Oder wird sie selbstbewusst den Blick der Weissen erwidern, vielleicht sogar mit einem süffisanten Lächeln? Es müsste das Lächeln einer Mitwisserin sein. Die beiden so unterschiedlichen Frauen teilen vielleicht ein Geheimnis. Vielleicht war die Schwarze stumme Zeugin von etwas, das nie für ihre Augen bestimmt gewesen wäre. In ihrer Rolle als Dienerin hat sie womöglich gesehen, wie ihre Herrin in den Nachmittagsstunden fremde Männer empfängt.

Brennende Zigarette als Provokation
Einiges spricht für diese These, denn Vallotton hat auch in anderen Bildern immer wieder Ehebrecherszenen dargestellt. Ausserdem braucht es nicht besonders viel Fantasie, um zu erahnen, dass die Erschöpfung der weissen Frau vom soeben erfolgten Akt herrührt. Die geröteten Wangen, ihre Nacktheit und das steile Aufstehen ihrer Brustwarzen scheinen diesen Verdacht noch zu verstärken. Nachdem die Sklavin vernommen hatte, wie die Türe ins Schloss fiel, schlich sie sich vielleicht auf leisen Sohlen ins Schlafgemach ihrer Herrin, von Neugier getrieben. Nur etwas will hier nicht so ganz ins Bild passen: Die brennende Zigarette. Sie deutet darauf hin, dass die Dienerin ihrer Herrin ganz ohne schlechtes Gewissen hinterher spioniert. Es scheint ihr völlig gleichgültig zu sein, ob sie von ihrer Ungezogenheit erfahren wird – ja man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass sie es genau darauf angelegt hat. Mit der brennenden Zigarette fordert die Dienerin das Aufwachen ihrer Herrin geradezu heraus. Vom Geruch einer brennenden Zigarette wird nämlich auch jemand wach, der tief und traumlos schläft. Doch was für ein Interesse könnte die Dienerin daran haben? Wäre das nicht bereits ein Entlassungsgrund?

Eine Bordellszene?
Manche Leute vertreten die Ansicht, das Bild sei die Darstellung einer Bordellszene. Die Zigarette würde für diese These sprechen, doch dann stellt sich abermals die Frage: Was bewegt die Schwarze zu diesem Blick, der absolute Geringschätzung ausdrückt? Vielleicht fühlt sie sich einer Weissen endlich ebenbürtig, weil beide dem gleichen Geschäft nachgehen und ihre Körper verkaufen. Allerdings bezweifle ich, dass die Weisse so friedlich schlafen würde, wenn sie nur einen Freier verabschiedet hätte. Freudenmädchen kommen mit einem Freier so gut wie nie zu einem Orgasmus. Das war früher sicher auch nicht anders als heute.

Anprangern von Herrschaftsverhältnissen
Zweifelsohne wird dieser auf Leinwand gebannte Moment das Verhältnis der beiden Frauen für immer verändern. Der Aufpasser im Museum äusserte mir gegenüber die Vermutung, dass Vallotton ein gestörtes Verhältnis zu Frauen gehabt hat. Doch ich sehe einen anderen Aspekt: Vallotton war ein sehr genauer Beobachter der Verhältnisse zwischen Mann und Frau. Er hat den Frauen hinter die Fassade geblickt, geradewegs, und etwas in ihrer Natur gesehen, vor dem viele Menschen seiner Zeit die Augen verschlossen: Dass auch Frauen stark sind und Macht ausüben können. Vallotton erkannte, dass Frauen ihre Macht oftmals viel subtiler ausüben und die Männer zudem noch im Glauben lassen können, sie allein hätten die Zügel der Macht in ihren Händen.

Auch in «La Blanche et la Noire» beschreibt Vallotton Herrschaftsverhältnisse. Die beiden Frauen von völliger unterschiedlicher Herkunft und Rasse stammen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, sind nicht der gleichen Muttersprache mächtig und befinden sich nicht in derselben Lebensrealität. Auf den ersten Blick haben sie nichts, aber auch gar nichts gemeinsam. Als die Dienerin erkannt hat, dass sie durch das Wissen um den Ehebruch ihrer Herrin an Macht gewinnt, fühlt sie sich weniger ausgeliefert, verletzlich und machtlos. Stattdessen sieht sie zum allerersten Mal Verletzlichkeit in dieser nackten weissen Frau, die so friedlich auf dem Bett liegt und schläft, als wäre sie tot. Es geht auch um das Stichwort Selbstermächtigung. Die schwarze Dienerin nimmt sich das Recht heraus, ihre nackte Herrin beim Schlafen zu betrachten und in deren Schlafzimmer eine Zigarette zu rauchen. Damit befreit sie sich aus jeglichen gesellschaftlichen Normen, sprengt sämtliche Konventionen.

Vielleicht fühlt sie sich aber auch zum ersten Mal auf eine eigenartige Weise mit ihrer Herrin verbunden: Denn trotz den vielen trennenden Elementen bleiben die beiden Frauen doch durch ihre Körperlichkeit miteinander verbunden, was Vallotton durch die roten Farbtupfer symbolträchtig inszeniert hat. Ihr Körper, der die gleiche blutige Sprache spricht und die gleichen Bedürfnisse hat.

Ein Skandalbild
«La Blanche et la Noire» ist ohne Zweifel ein erotisches Bild. Zur Zeit seiner Entstehung wurde es als Skandalbild gehandelt. Es heisst, dass die Mädchen der Familie Hahnloser, die in der Villa Flora Tür an Tür zum Gemälde aufwuchsen, erst nach ihrem 16. Geburtstag die Erlaubnis erhielten, Vallottons skandalumwittertes Gemälde zu betrachten. Doch eigentlich ist es nicht der Frauenakt, der skandalwürdig ist, sondern vielmehr die Tatsache, dass ein Mann des frühen 20. Jahrhunderts es bereits gewagt hat, gesellschaftliche Machtverhältnisse anzuprangern. Die Gesellschaft war dafür jedoch überhaupt noch nicht bereit. Lange vor der sexuellen Revolution störte man sich vor allem an der frechen Darstellung zweier nackter Frauen, man empfand es als anrüchig und zügellos. Die eigentliche Bildaussage ging dabei verloren. Vielleicht war diese Erkenntnis ernüchternd für einen Künstler wie Vallotton. Und es bestätigt einmal mehr das Klischee eines Künstlers, der seiner Zeit voraus ist.

Dieser Text ist im Februar 2008 enstanden.
Das Originalbild ist zu betrachten in der Villa Flora, Winterthur.

Sonntag, 23. September 2007

Unmündigkeit im Zeitalter der Mündigkeit

«Von manchen Kindheiten muss man sich erholen, von manchen muss man sich trennen», so heisst es im Buch «Ibrahim und die Blumen des Korans». Doch was ist es, das uns mit solcher Wehmut an unsere Kindertage zurückdenken lässt? Damals, als wir mit den Geschwistern Mondlandung gespielt haben oder mit der Grossmutter im Wald Brombeeren von den Sträuchern pflückten? Geschwister, Grosseltern, Eltern…sie alle befanden sich früher dicht an unserer Seite, in ihrem Schutz konnten wir uns austoben, Schabernack treiben. Sie waren es, die letztendlich die Entscheidungen für uns trafen. Sie nahmen uns an der Hand, sobald es brenzlig wurde. Von einem Kind wird keine Eigenverantwortung erwartet – der wohl grösste Unterschied zum Leben eines Erwachsenen. Die Sehnsucht nach dieser Geborgenheit in Unmündigkeit schlummert in vielen von uns noch im Erwachsenenalter. Viele empfinden es als Last, ihr Leben autark zu leben, denn schliesslich ist es viel bequemer, sich von jemandem führen zu lassen. Schon Immanuel Kant erkannte im 18. Jahrhundert: «Es ist so bequem, unmündig zu sein». Der berühmte Aufklärer kritisiert die Faulheit und Feigheit seiner Zeitgenossen und sieht sie als Ursachen für ihre «selbstverschuldete Unmündigkeit». Unmündigkeit definiert Kant als «das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen». Zeitgeschichtlich gesehen bezeichnet die Aufklärung den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit, so steht es in den Schulbüchern. Das klingt nach einem Zustand mit einem klar definierten Anfang und einem klar abgrenzbaren Schluss, doch diese Betrachtungsweise würde der Komplexität der Sache zu wenig Rechnung tragen. Die Aufklärung ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der ungefähr im Jahr 1688 seinen Anfang findet und in den nächsten Jahrzehnten geprägt ist von zahlreichen Debatten, Entwicklungen, auch von Rückschlägen. All diese Veränderungen in der Epoche der Aufklärung münden dann 1789 in der französischen Revolution, die in Europa keinen Stein mehr auf dem anderen belässt. Damals lösten sich die ganzen Herrschaftsverhältnisse auf, die das Leben der Menschen bis zu diesem Zeitpunkt geprägt hatten. An die Stelle der Kirche als mächtigste Instanz trat der Verstand. War man zuvor auf Gedeih und Verderb einem Dritten ausgeliefert, galt es nun, sein Leben selber in die Hand zu nehmen. Das erinnert doch sehr an einen Jugendlichen, der aus dem Schatten seiner Eltern heraustritt und langsam in einer anderen Welt Fuss fasst. In der Welt der Selbstbestimmung. Auch das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen stattfindet. Willkommen in der Welt der Erwachsenen. Wie bei den Menschen im Aufklärungszeitalter verändert sich auch beim Teenager die Weltanschauung. Das bedeutet grosse Freude des Entdeckens, aber auch mühsame innere Kämpfe. Die Ablösung vom Elternhaus und somit vom Luxus des Geführt-Werdens gelingt auch nicht allen gleich gut. Manche schaffen den Absprung nie ganz und hören noch auf ihre Eltern, wenn sie selber längst wieder Eltern sind. Überträgt man also die Entwicklung des Menschen auf die Geschichte, ist die Menschheit mit der Aufklärung aus ihren Kinderschuhen herausgewachsen und autark geworden. Doch was kommt danach? Oder anders gefragt: Wo stehen wir heute? Haben wir den Zenit vielleicht bereits überschritten? Befinden wir uns an jener gefährlichen Stelle, wo die Winde sich kreuzen und das Aufklärerische in erneute Unmündigkeit kippt, weil man der Flut von Informationen unmöglich mehr trauen kann? «Das Problem der Aufklärung heute ist nicht Informationsmangel wie damals, sondern das der Desinformation im Informationsüberfluss, der durchaus geeignet ist, Informationsunterdrückung zu kaschieren», schreibt Philosophieprofessor Herbert Schnädelbach in der NZZ. Laut Schnädelbach werde selbst nach der Aufklärung immer wieder neue Unmündigkeit entstehen. Die Frage ist, auf welche Art wir ihr begegnen. Obschon viel über die Medien geschnödet wird, geniessen sie in Ländern mit Pressefreiheit grosses Vertrauen. Selten wird kritisch hinterfragt, was man gerade gehört oder gelesen hat. Das ist gefährlich: Im Kampf um Rezipienten müssen die Schlagzeilen schriller und schriller werden. Man darf nicht erwarten, dass in einer Welt, in der nur Geld einen Wert hat, ausgerechnet vor Medienkonzernen mit der Geldmacherei Halt gemacht wird. Schliesslich bedeutet die Kontrolle des Informationskanals immer auch Macht, das wussten bereits die Römer. Im Gegensatz zu Zeiten des Alten Roms ist unser heutiges Zeitalter das Zeitalter des Individualismus. Das ist nichts Schlechtes, schliesslich muss das nicht zwangsläufig Respektlosigkeit oder Rücksichtslosigkeit gegenüber seinen Mitmenschen bedeuten. Die Individualität ist so etwas wie die logische Konsequenz der Aufklärung. Wir heben uns von anderen ab mit unseren eigenen Urteilen und unserem eigenen Geschmack. Emanzipation ist grundsätzlich gut – egal wovon wir uns emanzipieren, denn Emanzipation ist immer eine Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass es immer Menschen geben wird, denen es schwerer fällt, sich zu emanzipieren. So wie es manche nie ganz schaffen werden, sich von den Erwartungen ihrer Eltern zu befreien, wird es immer jene geben, die nicht die Fähigkeit besitzen, ihr Leben ohne fremde Anleitung zu leben. Lebensgestaltung ist eine angeborene Fähigkeit, die nur teilweise erlernbar ist. Menschen, denen es schwer fällt, die Meinung der Masse von der eigenen zu abstrahieren, sind in einer Welt des Informationsüberflusses besonders gefährdet, weil sie auf der Suche sind nach Halt und Wert in ihrem Leben. Damit sind sie für fanatische Religionsgemeinschaften bis hin zu Sekten besonders dankbare Opfer. Die Arbeit eines Journalisten in so einem System ist eine delikate Angelegenheit. Bei der Recherche wird es in Zukunft nicht nur darum gehen, seinen Verstand einzusetzen, sondern es wird auch immer wichtiger werden, seine Intuition und seine Menschenkenntnis in das Urteil miteinzubeziehen. Wie verlässlich ist diese Quelle? Diese Frage sollte uns auf unserem Weg ein treuer Begleiter sein. Die Aufklärung und damit die eigene Kritikfähigkeit sind für den Journalisten heute wichtiger denn je, weil es allein seine Verantwortung ist, ob er einer Desinformation aufsitzt oder nicht. Das Ganze bekommt aber zusätzlich eine dritte Dimension: An die Stelle der Rationalitätsgläubigkeit des Aufklärungszeitalters werden zunehmend emotionale Werte treten, die bisher unterschätzt wurden. Diesen Fehler jedoch werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können.

Mai 2005, unveröffentlicht

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