Montag, 2. November 2009

OUT now: Kugelbomben und Kaffee

VERNISSAGE: 15. November im Restaurant ZUM GRÜNEN HUND in WINTERTHUR-Veltheim
Mit Lesung und Bilderausstellung!

Kugelbombenu-Kaffee_cover

Kugelbomben und Kaffee, fünfzig Amazonen-Geschichten
108 Seiten, broschiert
Im Eigenverlag
Verkaufspreis 24 Franken

Inhalt:
Lockenkopf, die Eremitin, Kaktusblüte und die Römerin, genannt "die Amazonen": Das sind die besten Freundinnen der Journalistin und Autorin Edith Truninger. In diesem Kolumnenband nähert sie sich dem Leben der vier Charaktere, ihren Macken und jenen Eigenschaften, die sie unverwechselbar machen. Egal, ob es dabei um Liebe, Freundschaft oder Frausein geht, der Blick der Kolumnistin ist immer von zärtlicher Ironie geprägt.

Sonntag, 1. November 2009

Ladenhüter

Im Frühling war ich an eine Hochzeit eingeladen. Eine Schulfreundin von mir hat einen Mann aus Marokko geheiratet. Anlässlich einer kleinen Ansprache zu Tisch erzählte der Brautvater, dass sein Schwiegersohn, als sie einander vorgestellt wurden, gesagt habe, in Marokko sei er ein «Ladenhüter» gewesen – natürlich vom englischen Ausdruck «shopkeeper» abgeleitet. Wortwörtlich übersetzt ins Deutsche bekommt «Ladenhüter» natürlich einen ganz anderen Bedeutungsbeiklang: Ein «Ladenhüter» ist ein Artikel, der niemand will, seine besten Zeiten bereits gesehen hat, Staub angesetzt hat. Mit dem Weissweinglas in der Hand habe ich leise in mich hineingelächelt und gedacht, dass wohl auch ich im Süsswarenladen der Liebe ein Ladenhüter bin.

Trotzdem weigere ich mich, mein Singlesein als Makel zu sehen. Gewisse Menschen scheinen ihr Single-Leben zu einem Martyrium hochzustilisieren, sie suhlen sich in der Opferrolle und setzen all ihre Energien dafür ein, diesem Zustand schnellstmöglichst ein Ende zu setzen. Dieser Single-Uryp arbeitet meistens als Sachbearbeiter in irgendeinem Büro, fährt Rollerskates und tritt bei «Züri Date» auf. «Und wie lange bist Du schon Single?», ist eine Frage, die nur er stellen kann. Ganz so als würden er jede Woche einen Strich an die Decke machen. Ein Inventar des Defizits. Hinzu kommt dieser mitleidige Blick, der mehr nach «Und wie lange leidest Du schon an Herpes genitales?» aussieht. Singlesein ist keine Krankheit, sondern bloss ein Hinweis darauf, wie die Verantwortungen in unserem Leben verteilt sind.

Denn Singlesein kann, wer hätte das gedacht, für eine gewisse Streckenetappe unseres Lebens sogar selbst gewählt sein. Jeder möchte lieben, doch eine Beziehung heisst eben auch, Zugeständnisse zu machen. Die Ziele des anderen werden in einer Beziehung zu deinen eigenen. Und umgekehrt. Da ist es durchaus legitim, für sich selbst zu entscheiden, dass man für solche Opfer derzeit ganz einfach nicht bereit ist. Zu viel gibt es noch zu entdecken, zu viel zu experimentieren, zu viel einzusaugen vom Leben.

Warum ist es so wichtig zu wissen, ob ich in einer Beziehung lebe, wenn es so viele andere interessante Dinge über mich zu erfahren gibt? Die Liebe ist doch nur eine Facette unserer Persönlichkeit unter vielen. Vielleicht bin ich ein Ladenhüter, doch ich gefalle mir auch mit Staub auf dem Haar. Bevor ich die Freundin eines Mannes sein kann, möchte ich in erster Linie meine eigene Freundin sein. Weil die Beziehung zu einem Mann wahrscheinlich nur ein paar Jahre dauert. Die Beziehung zu mir selbst dagegen ist garantiert lebenslänglich.

Mittwoch, 16. September 2009

Coiffeurgeschichten

amazonen_negativWir alle tragen Geschichten aus unserer Vergangenheit in uns, die uns ganz besonders am Herzen liegen. Noch Jahre später geben wir sie mit vor Stolz geschwellter Brust zum Besten. Was wir gerne vergessen: Unser Blick ist voreingenommen, verschleiert vom Gefühl der Nostalgie. Für jemand, der nicht dabei gewesen ist, hat die Geschichte nicht die gleiche Sogwirkung. Unter den Amazonen heissen solche Geschichten «Coiffeur-Geschichten». Und das kam so:

Lockenkopf, Kaktusblüte und ich fahren im Auto, Lockenkopf sitzt am Steuer, als Kaktusblüte, scheinbar aus dem Nichts, von ihrem früheren Coiffeur Guido zu palavern beginnt. Jener Guido, der ihr als Mädchen die Haare geschnitten hat und ihr am Ende immer einen Lollipop in die Tasche steckte. Mit grösster Detailtreue zeichnet Kaktusblüte Leben und Biografie dieses Guido nach, inklusive der Tolle auf seinem Kopf und den Papagei im Salon.

Als Kaktusblüte ihren Monolog beendet hat, können weder Lockenklopf noch ich irgendeine Pointe darin erkennen. Eine verräterische Stille macht sich im Wagen breit, bis ich zu sagen wage: «Ähm... habe ich irgendwie die Pointe verpasst oder gibt es wirklich keine?» Wie sich herausstellt, war es ein unscheinbarer Salon am Strassenrand, der all diese wilden Assoziationen in Kaktusblüte ausgelöst hatte. Weder Lockenkopf noch ich hatten Guidos Salon überhaupt wahrgenommen.

Manchmal necken wir sie noch heute mit ihren Coiffeurgeschichten. Doch ob jemand einen Hang zu Coiffeurgeschichten hat, an den unmöglichsten Orten einschläft, vergesslich ist oder ständig in der Nase bohrt... genau solche kleinen Unzulänglichkeiten sind es doch, die unsere Freunde letztendlich so unverwechselbar machen.

Dienstag, 18. August 2009

Das Recht auf Liebestöter

amazonen_negativBridget Jones, die liebenswürdig-tapsige Katastrophen-Frau, die so gerne Tagebuch schreibt, hat den Begriff salonfähig gemacht: Liebestöter. Ein Liebestöter ist eine überdimensional grosse Unterhose, unmöglich in Schnitt und Farbe, die unter mysteriösen Umständen in die eigene Wäschekollektion geraten ist und darin eigentlich überhaupt keine Existenzberechtigung hat. Sie fällt völlig aus dem Rahmen, tummelt sich munter und hässlich zwischen all den Cadillacs ihrer Sorte. Die Eremitin hat dafür auch den schönen Begriff „Gammler“ geprägt. Fast jede Frau hat irgendwo noch so einen vergammelten Liebestöter in ihrer Kommode, wenn sie nur tief genug in der Schublade gräbt.

Peinlich wird es erst dann, wenn unsere Liebestöter plötzlich Blicken ausgesetzt sind, die nie für sie bestimmt waren. Einmal geriet der Gammler einer Freundin in die Schmutzwäsche der Männer-WG ihres damaligen Freundes. Einen Vollwaschgang später sah sein Kumpel den Liebestöter in seiner ganzen Pracht an der Wäscheleine hängen und konnte sich einen abschätzig-ironischen Kommentar nicht verkneifen. Ihr Freund nahm das unappetitliche Textil seiner Freundin in Schutz, indem er sagte: „Das sind eben ihre 'Mensunterhosen'.

Unterhosen, die frau nur während ihrer Tage trägt? Woher er das wohl hatte? Die Amazonen waren sich für einmal alle einig: Auch wir wünschen uns einen Mann, der
unsere Liebestöter vor seinen Kumpels in Schutz nimmt und sogar dann noch schmeichelnde Worte für uns findet, wenn wir in dieselben gehüllt vor ihm stehen. Mut zur Hässlichkeit ist gefragt! Denn Liebestöter sind vor allem eins: der eindrückliche Beweis dafür, dass wir uns selbst nicht allzu wichtig nehmen. Bridget Jones würde mir beipflichten.

Donnerstag, 6. August 2009

Die falsche Braut

amazonen_negativManche Leute machen sich einen Spass daraus, uneingeladen an einer Party zu erscheinen und zuerst die Bar und dann danach das Kuchenbuffet zu plündern. Die Amazonen haben sich für diesen Sommer einen viel besseren Zeitvertreib ausgedacht. Das Spiel heisst: „Tu so, als ob du Polterabend feiern würdest“ oder „Fake the Polterabend“. Schliesslich gibt es keine Regel, die besagt, dass man kurz vor der Vermählung stehen muss um sich einen Rausch anzutrinken und sich ungebührlich zu benehmen. Die Amazonen schaffen das auch ganz ohne baldige Limousinenfahrt mit Schleppe und langem Kleid!

Und so verabreden sich die Eremtitin, Kaktusblüte und Lockenkopf mit ein paar Freundinnen zu einem gestellten „Polteri“. Wer sich als Braut der Lächerlichkeit preis geben muss, wird an Ort und Stelle per Los entschieden. Sich mitten in der Innenstadt mit bemalten T-Shirts zum Deppen zu machen, ist befreiend und für einmal bekommt man dafür sogar noch Geld. Treffen wir auf andere Poltergruppen – an diesem Abend sehr zahlreich vorhanden – entsteht sogleich ein erhebendes Solidaritätsgefühl. Die unechte Braut spielt wunderbar mit und schwärmt in den buntesten Farben von ihrem Verlobten namens Massimo... der genauso unecht ist wie die Braut selbst.

Als wir gerade in einer Bar abtanzen, trifft Lockenkopf auf eine Schulfreundin aus früheren Tagen. Sie heiratet bald und hält in der gleichen Bar ihren Polterabend ab wie wir ­- einen echten, versteht sich. „Wer heiratet bei euch, etwa du?“, will sie wissen, woraufhin Lockenkopf ein bisschen zu schnell und zu vehement den Kopf schüttelt. Allein ihrem Losglück ist es zu verdanken, dass Lockenkopf der echten Braut nicht im Nachthemd und mit orangen Schwimmflügeli am Oberarm irgendwie glaubhaft machen musste, dass es im Moment zugegebenermassen ein bisschen danach aussehe, sie aber dennoch nicht vor habe zu heiraten...

Dienstag, 21. Juli 2009

Frauen telefonieren anders

amazonen_negativNirgendwo sonst im Alltag unterscheiden sich die Geschlechter so stark in ihrem Verhalten wie beim Telefonieren. Wenn Männer mit Männern telefonieren, besteht dieses Telefonat aus einem kurzen Wortwechsel, gefolgt von einem abrupten „ciao“.Maximale Gesprächsdauer: 3 Minuten. Ich denke an die Telefongespräche mit meinen Geschlechtsgenossinnen und stelle fest: Der Unterschied könnte grösser nicht sein.

Ein Telefongespräch unter Frauen dauert, und hier sprechen wir noch nicht von der Verabschiedung. Denn eine Verabschiedung unter Freundinnen ist keine blosse Verabschiedung, sondern ein Ritual. Ein Ritus, das durchaus monumentale Ausmasse annehmen kann. Da heisst es dann: «Also, okay, tschau, tschüss, mach’s gut…», und dann lässt sich Gesprächspartnerin Nummer eins nochmals zu einer Bemerkung hinreissen und ab geht’s in die nächste Runde, die wieder endet mit «also, okay, tschau, tschüss, mach’s gut, woraufhin Gesprächspartnerin zwei der letzte, aber dieses Mal ist es wirklich der letzte, Einschub einfällt… Eine Unsitte! Und noch dazu genetisch bedingt, versuchen die Eremitin und ich doch immer wieder, den langen Weg der Verabschiedung zu verkürzen – und scheitern kläglich.

Doch es gibt eine Erklärung dafür. Für Frauen bedeutet eine Verabschiedung immer gleich eine Art Trennung, die sie mit möglichst viel Zuwendung kompensieren müssen. Sehr wortreich möchten sie einander auf dem berühmten Beziehungsohr versichern, dass dieser Abschied nur eine Beendigung des Gesprächs ist und nicht etwa das Ende ihrer Freundschaft… kompliziert, würden Männer sagen.

Entsprechend schwierig gestaltet sich der geschlechterübergreifende Versuch eines Telefonats. Lockenkopf beschwert sich regelmässig darüber, dass ihr Freund immer so monoton redet am Telefon. „Zeig doch ein bisschen Emotionen!“, ruft sie dann aus. Und wehe, der Angebetete hinterlässt eine monotone Nachricht für sie auf dem Telefonbeantworter! Da muss er mit Sanktionen rechnen. Die Römerin hat ebenfalls resigniert, was Männer und das Telefonieren anbelangt, ihr trockener Kommentar: „Wir können nicht miteinander telefonieren.“ Hätte es im Paradies schon ein Telefon gegeben, die Menschheit wäre wohl längst ausgestorben.

Vielleicht sind nie enden wollende Telefongespräche so etwas wie die Essenz jeder richtig guten Frauenfreundschaft. Da kommt es auf die zehn bis fünfzehn Minuten, die so ein Abschiedsritual locker in Anspruch nimmt, doch wirklich nicht mehr an.

Mittwoch, 15. Juli 2009

Spuren der Leidenschaft

Eine Freundin bezeichnet ihre Hände gerne als „Lederhände“: Trockene, aufgeraute Hände von der täglichen Arbeit mit der Erde. Ein befreundeter Geiger hat am Hals blau-violette Flecken – "da hat sich einer offenbar einen abartig grossen Knutschfleck verpassen lassen", mag manch einer schadenfreudig denken. Falsch geraten. Die verfärbte Druckstelle rührt von den vielen Stunden des Übens her, die Geige dicht am Hals. Auch bei mir hat der Beruf – oder sagen wir besser die Leidenschaft – Spuren hinterlassen: Auf der Innenseite meines Mittelfingers zeigt sich eine Druckstelle, fast eine Art Ausbuchtung. Genau da, wo der Kugelschreiber den Finger berührt. Ich bin "gezeichnet" von den vielen Stunden exzessiven Tagebuchschreibens.

Male, die unsere Leidenschaften verursacht haben, sind sexy. Ich liebe es, zu erkennen, wenn jemand das, was er macht, mit Leidenschaft tut. Und ich habe Respekt davor. Das muss nichts Grossartiges sein. Wir müssen nicht auf den grossen Bühnen dieser Welt stehen oder 10 000 im Monat verdienen. Manchmal reicht es völlig aus, in einem Tabakwarenlädeli zu arbeiten, Brieftauben zu züchten oder Staubsauger zu reparieren. Weil es zu uns passt. Weil es einen Raum schafft, in dem unsere Persönlichkeit sich entfalten kann.

Ich erinnere mich, wie ein guter Freund mir einmal ans Herz gelegt hat: „Habe immer Respekt für Deine Arbeit.“ Heute ist mir klar, warum er so darauf gepocht hat: Denn wer Respekt hat für seine Arbeit, hat auch Respekt für sich selbst.

Dienstag, 7. Juli 2009

Der Bleistift-Test

amazonen_negativDie Sauna ist wie der Zug ein idealer Ort, um Fremde beim Gespräch zu belauschen. Eine Zeitlang war Lockenkopf eine ziemlich exzessive Saunagängerin. Einmal hatte sie es sich gerade mit ihrem Badetuch auf den heissen Holzbrettern bequem gemacht, als sie den Begriff „Bleistift-Test“ aufschnappte. Der Bleistift-Test, erklärte eine Frau ihrer Kollegin, sei ein Trick, um zu eruieren, inwieweit die Brüste dem Gesetz der Schwerkraft bereits gefolgt seien. Dabei klemme frau sich ganz einfach einen Bleistift zwischen Brust und Bauch. Findet der Bleistift kein Fleisch, um sich festzuklammern und fällt deshalb runter, kann das nur eins bedeuten: Die Brust ist immer noch straff. Die Saunafrau in Lockenkopfs Sauna meinte dazu trocken: «Weiss du, früher war es noch ein Bleistift, heute findet an dieser Stelle eine ganze Farbstiftschachtel Platz!»

Lockenkopf und ich sind natürlich gleich gerannt, um die Probe aufs Exempel zu machen. Kaum zu Hause, entledige ich mich meinem T-Shirt und dem BH und platziere den Bleistift am besagten Ort. Mit dem Telefonhörer zwischen Kopf und Schulter geklemmt, berichte ich Lockenkopf brühwarm von der Test-Front: “Zwischen meinen Hautfalten findet locker ein Bleistift Platz“, sage ich zu ihr. «Sitzt Du?», fragt mich Lockenkopf am anderen Ende der Leitung. Ich bejahe. «Du musst halt schon aufstehen!» In stehender Position ergibt sich jedoch dasselbe Bild: Der Bleistift hält und hält, wenn auch mit etwas mehr Spielraum.

Geknickt von diesem Resultat, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass es immerhin mit der Farbstiftschachtel schwierig werden könnte. Ausserdem nehme ich mir vor, den Test bei Gelegenheit zu wiederholen. Dabei ertappe mich bei der Vorstellung, dass ich den Bleistift glatt unter der Brust vergessen und mir beim Sex plötzlich aus der Wäsche fallen könnte. Wie ich das meinem Partner wohl erklären würde? Vielleicht mir einem 100 Prozent originalen und copyrightgeschützten Amazonen-Schrei: «Cheerio, ich liebe meinen Körper... und du hast das gefälligst auch zu tun!»

BUCHSTABENBAZAAR

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edith.truninger(at)gmail.com Copyright für alle Texte bei der Autorin

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