Freitag, 7. Dezember 2007

Kloführer, Teil II: Schräge WC's

Neben den charakterstarken WC’s mit Stil, welche im ersten Teil vorgestellt wurden, gibt es einen anderen Typ von WC’s. Jene mit einem sehr eigenwilligen Stil.

dschungel

Diese Klos fallen auf, weil sie etwas leicht Schräges an sich haben. Sie haben also eine gewisse Erlebnisqualität. Die Kloschüssel im Schmalen Handtuch beispielsweise befindet sich auf einer leichten Anhöhe, die man nur durch drei Treppenstufen erklimmen kann. So fühlt man sich regelrecht «auf dem Thron». Es ist irgendwie witzig, für eine so «niedere» Tätigkeit in die Höhe steigen zu müssen. Man fühlt sich gleich ein bisschen besser und besonderer. Ein «Prinzessin-auf-der-Erbse»-Gefühl.
Die Toilette im Kraftfeld ist im ersten Moment leicht irritierend, denn Vertreter beider Geschlechts benutzen denselben Toilettenvorraum, wo man sich an einem riesigen Trog in der Mitte die Hände wäscht. Die bekannten Piktorgramme an der Türe, welche erkennbar macht, wo Weiblein und wo Männlein hingehört, fehlen im Kraftfeld gänzlich. Aber irgendwie hat es sich automatisch so eingebürgert. Die Toilette mit dem Pissoir drin gehört den Männern. Die zwei anderen haben die Frauen erobert. Nirgends lässt sich in so ungezwungener Atmosphäre Pipi machen wie im Kraftfeld.

Donnerstag, 6. Dezember 2007

Der Winterthurer Kloführer, Teil I

Die Zufriedenheit eines Gasts in einem Lokal fängt irgendwo beim Preis-Leistungs-Verhältnis an und hört beim Gang zur Toilette auf. Das WC dürfte manchmal das Zünglein an der Waage sein. Und da offenbar bisher noch niemand auf die Idee kam, bei Restaurantkritiken DAS KLO eines Restaurants in die Bewertung mit einzubeziehen, kommt hier der erste Toiletten-Führer für die Winterthurer Gastro-Szene.

rote_toiletteEs gibt fast nichts Sinnlicheres, als eine Toiletteneinrichtung mit Charakter. Davon bin ich schon lange überzeugt. Das Restaurant kann noch so schick sein, das Essen noch so köstlich, der Kellner noch so aufmerksam, wenn die Toilette ein weiss gekachelter Ausbund an Hässlichkeit ist, vergeht dem Gast die Lust am Einkehren. Beinahe hätten die Wirtsleute es geschafft, den Gast zu verführen, ihn herumgebracht, auf dass er bald wieder kommen möge… bis dann ungefähr in der Hälfte des (weiblichen) Besuchs der Gang zur Toilette ansteht. Sauber sind die Toiletten in unseren Breitengraden glücklicherweise meistens, aber wenn das Interieur den bläulichen Charme eines Junki-WC’s verströmt und man sich in der Kabine kaum um die eigenen Achse drehen kann, wie zum Beispiel im Café Alltag, bleibt ein schaler Nachgeschmack zurück.

Die güldene Klobrille

Das WC eines Restaurants sagt viel aus über die Einstellung, mit welcher die Wirtsleute ihre Gäste bewirten. Eine mit viel Liebe zum Detail eingerichtete Toilette zeugt von ehrlichen Absichten. Es sind nun mal die Details, die zählen. Ein gutes Beispiel für ein Restaurant mit Stil und einem WC mit Charakter ist das Restaurant Barnabas. Die gelben Wände machen einen freundlichen Eindruck und die Luft ist von einer gut riechenden Essenz durchsetzt. Ein anderes Beispiel ist die Toilette im Restaurant Fata Morgana. Das orientalische Restaurant an der Industriestrasse besticht durch die vollendete orientalische Kissen-Atmosphäre (nach Bedarf mit Hand- und Zehenlesen!), und dieses Prinzip zieht sich durch alles hindurch bis hin zum WC: Die Spiegel im arabesken Stil, das Lavabo vergoldet, genauso wie der Seifenspender. Man wundert sich regelrecht, dass aus diesem auf Knopfdruck tatsächlich Seife kommt, sosehr erinnert das Teil an ein Museumsstück. Der Höhepunkt ist die abgefahrene, goldig-glitzernde Klobrille. Auf so etwas extravagantem platziert man seinen Allerwertesten mit besonderer Genugtuung.

Dienstag, 27. November 2007

Basteln gegen die Schwermut

Die Amazone fühlt den Winterblues. Ein Glück, dass Kaktusblüte zur Stelle ist.

amazonen_negativ«Ich habe die Sonne schon lange nicht mehr gesehen», sage ich seufzend zu Kaktusblüte. Sonnenlicht bringt mein Biorhythmus in Fahrt und macht mein Gemüt froh, keine andere Lichtquelle kann meiner Meinung nach die Qualität des Sonnenlichts ersetzen. Kaktusblüte und ich liegen auf dem Sofa, eingekuschelt in eine Decke. Müssig betrachte ich den Nebel vor dem Fenster. Ich hasse den Winter mit Leidenschaft. Kaktusblüte erwidert spontan: «Soll ich dir eine zeichnen?» Sie rumort in ihrem Zimmer und kommt kurze Zeit später mit einer Styroporkugel zurück. In die Kugel hat sie Zahnstocher gesteckt, welche die Strahlen symbolisieren. Das ganze Gebilde hat sie flugs mit gelber Farbe angemalt. Dazu reicht sie mir eine Tasse Chai, «für die innere Wärme», wie sie erklärt. Es rührt mich, dass meine Freundin mir eine Sonne bastelt, wenn sie in meinem Leben gerade mal nicht scheint. So fühle ich mich Ernst genommen in meiner Andersartigkeit, damit stärkt sie mich. Die Sonne als Lebensspenderin ist dabei von grosser Symbolkraft.

Dieser lebensbejahende Aspekt an Freundschaft beeindruckt mich. Paarbeziehungen können das nicht in gleichem Ausmass leisten. Ich winde meinen Freundinnen ein Kränzchen – und halte mich bereit, ihnen eine Sonne zu zeichnen, wann immer sie eine nötig haben.

Donnerstag, 15. November 2007

Der Brautschau-Bonus

Die Natur scheint manchmal rästelhaft. So ist mir doch kürzlich zu Ohren gekommen, dass das Männchen in der Tierwelt deshalb viel reizender aussieht, weil es letztlich das Weibchen ist, das die Hoheit über jegliche Fortpflanzungsentscheide inne hat. Die Natur hat das Männchen – zum Beispiel den Erpel in der Entenwelt – also völlig zu Recht mit allen erdenklichen Vorzügen ausgestattet. Schliesslich muss der Erpel im harten Wettbewerb um die Gunst des Entenweibchens bestehen können. Soweit, so gut. Übertragen wir diese kleine Gedankenspielerei nun auf die Gattung Mensch, beschleicht mich eine böse Ahnung: Ein Pfusch der Natur ist entlarvt, niemand wollte doch ernsthaft behaupten, dass der männliche Teil der Welt in irgendeiner Weise besser aussieht als der weibliche. Schöne Frauen sind einfach zahlreicher vertreten auf dieser Welt. Nur schon der weibliche Körper gibt ästhetisch einfach mehr her, das wird kaum jemand bestreiten. Fauen haben also das grosse Los gezogen. Ihnen gibt die Natur die Vorzüge, und in der Werbung ist auffallen bekanntlich die halbe Miete. Männer auf Brautschau hingegen müssen viel kreativer sein, die Natur will es so. Zugegeben keine leichte Aufgabe, die schnell zu akuter Überforderung führen kann. Neidvoll starren diese Männer dann hemmungslos auf die weiblichen Vorzüge in der oberen Körperhälfte und fragen sich, warum nicht ihnen der Brautschau-Bonus zukommen kann. Er würde so vieles ungemein erleichtern! Und dabei kommen sie nicht aus dem Starren hinaus. Es starrt und starrt. Dabei vergessen sie, dass der Mann völlig zu Recht nicht mit den buntesten Federn ausgestattet ist. Die Natur gibt damit ihrer Hoffnung Ausdruck, dass ein Mann theoretisch das Potential hat, sich selbst zu kultivieren. Ein Erpel hingegen – ja ein Erpel wird immer ein Erpel bleiben.

7. November 2007

Dienstag, 6. November 2007

Die Samurai

amazonenDie Amazonen und ich sitzen an einem hochnebligen Sonntagnachmittag im Gartenrestaurant auf Holzbänken, in warme Jacken und Wolldecken gehüllt und Chai trinkend. Ein bisschen frieren wir schon, aber es ist der Nachhall einer bunten Party-Nacht, die uns von innen her wärmt. Stunden zuvor war die Feier im Stammlokal noch in vollem Gange, jemand gibt einen Slivovitz aus, wir sitzen im Kreis und leeren das Glas in einem Zug, nach Ritual bespritzen wir anschliessend den Nachbarn zu unserer Rechten mit den letzten Tropfen und stellen das Glas anschliessend mit Gepolter auf den Tisch. Das fühlt sich so richtig versaut an! Genüsslich schlachten wir jedes einzelne Detail des vergangenen Abends aus, lassen es erzählend nochmals Revue passieren und festigen damit unsere Freundschaft. Soziologisch gesehen kommt das wohl einem gegenseitigen Lausen gleich. Natürlich werden auch die Männer zum Thema, wie wäre der, was ist mit ihm… einfach herrlich!

Das Gespräch nimmt mich völlig ein und als ich für einen Moment aus dieser Konzentration auftauche und die Eltern mit ihren schreienden Kindern um uns herum wahrnehme, fühle ich mich ihnen plötzlich sehr überlegen. Schliesslich habe ich etwas, das wahrscheinlich gemeinhin als Wert in unserer Gesellschaft unterschätzt wird: Die Freundschaft vier grossartiger Frauen. Auch wenn ich sie nicht kennen würde, fände ich sie einfach toll. Ihre Freundschaft ehrt mich, und auf jede einzelne bin ich stolz, wie wunderbar sie sich durchs Leben schlägt. An diesem Nachmittag fühle ich mich wie ein Samurai, für den Freundschaft eine Tugend ist aus drei wichtigen Elementen: Respekt, Ehre und Stolz.

Als jede wieder hinaus geht in die dunkle Winternacht, jede in eine andere Richtung, zurück zu ihrem eigenen Leben, klingt dieses Gefühl in mir nach. Im Moment der Abschiedsumarmung mit Kaktusblüte liebe ich den Winter für einen Moment. Denn mit diesen Freundschaften im Rücken fühle ich mich für die dunkle Jahreszeit gewappnet – und stark wie ein Samurai.

Freitag, 19. Oktober 2007

Tabuzone Lindenblütentee

amazonenWenn man mit aufmerksamem Auge durch seine Stadt geht, offenbart sich einem manchmal Kurioses. So habe ich an einer Hauswand in meiner Stadt folgende Zeilen entdeckt: "Tee... so was Langweiliges. Da sagt der Weise zum 18-Jährigen: Es wird die Zeit kommen, in welcher du den Teegenuss verstehen wirst". Der Teegenuss scheint etwas für die Weisen dieser Welt zu sein. Das Verständnis dafür muss man scheinbar förmlich "ziehen lassen". Ich pflege nur in lieb gewordenen Ausnahmefällen Tee zu trinken – zum Beispiel beim Marrokaner – und dann mit ganz viel Zucker. Und in Indien habe ich natürlich viel Tee getrunken. Masala Chai, Kashmiri Kawa (Grüntee) oder Lemon Tea... Indien ist ein wahres Teeparadies! Tee wärmt von Innen und ist gerade in kalten Tagen einfach irgendwie tröstlich. Aber Halt - Tee ist nicht gleich Tee. Der entscheidende Unterschied macht die Sorte.

Die Römerin hat nämlich vor einiger Zeit eine Tee-Theorie aufgestellt: Vom Tee, den Menschen trinken, lässt sich auf deren Charakter schliessen. Wer Vanilletee trinkt, ist ein sinnlicher Mensch, Roibostee-Trinker sind die Weltoffenen, Hagenbuttentee-Trinker solche, die in Dritte-Welt-Läden einkaufen. Eine absolute Tabuzone hingegen ist der Lindenblütentee. Wer im Café einen Lindenblütentee bestellt – und dann noch ohne Zucker!! – dem ist jegliche Lebensfreude abhanden gekommen. Diese Person offenbart sich als Geizkragen oder muss ein völlig übertriebenes Figurbewusstsein haben. Ich habe anfangs nicht ganz verstanden, warum die Römerin sich so über den Lindenblütentee aufregt. Doch als sie mit dem Brustton der Überzeugung ausrief: "Lindenblütentee schmeckt doch nach gar nichts!", wurde mir klar, was sie meinte: Lindenblütentee hat weder Farbe noch Geschmack, eigentlich könnte man genauso gut heisses Wasser trinken. Lindenblütentee-Trinker sind anämische Typen, also Menschen mit akuter Blutarmut.

Man würde es nicht für möglich halten, aber Stil- und Imagefragen entscheiden sich nicht nur am Morgen vor dem Kleiderkasten oder bei der Partnerwahl. Nein, auch so etwas Banales wie eine Bestellung im Café kann dich zu einem ganz bestimmten Typ Mensch degradieren. Jetzt macht auch die Inschrift an der Häuserwand meiner Stadt mehr Sinn: Tee trinken ist wirklich etwas für die Weisen dieser Welt – zumindest in der Öffentlichkeit. Denn die Fettnäpfchen sind manchmal näher, als man sie vermutet.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Chicorée ist ein Salat!

Sie sind zurzeit überall und gehen mir mit ihrer Dauer-Präsenz auf den Wecker: Die schwarzen Umhängetaschen mit dem hellgrünen Schriftzug eines Modehauses: «Chicorée». Chicorée ist doch ein Salat?? Etwa die Hälfte der Winterthurer Bevölkerung scheint im Moment dazu beizutragen, diese Verlinkung in unseren Köpfen zu vernichten. Nein, Chicorée ist ein Modehaus! Beim Einkauf werden die Tragbeutel dem Kunden gratis mitgegeben. «Praktisch», denken wir, und werden alle zu Werbeträgern ohne Absicht. Abgesehen davon, dass solche marketingtechnischen Grossoffensiven nervtötend sind und die schwarzen Beutel irgendwann zu verhassten Objekten werden, bekommt so ein Massenphänomen irgendwann immer auch eine komische Note. Denn nicht jeder Taschenbesitzer ist der beste Werbeträger. So habe ich gestern einen älteren Herr im Hallenbad gesehen, der – nur mit einer Badehose bekleidet – seine Sachen in einer «Chicorée»-Tasche mit sich trug. Die Tussi-Tasche an einem Halbnackten ergibt dann doch eher einen tuntigen Gesamteindruck. Ich warte nur darauf, bis mir der erste Randständige mit einem schwarzen Kunststoff-Beutel begegnet, der seinen gesamten Hausrat in einer Salat-Tasche mit sich herumschleppt. Und die Wirkung, die so ein Bild hinterlässt, wird mit Sicherheit hängen bleiben – ob es den gewiften Marketingstrategen passt oder nicht.

Erschienen im Stadtanzeiger, 26. Sept 2007

Dienstag, 25. September 2007

Frauenabend mit Cocktailkirschen

amazonen Sadruschba!" ist ein russischer Trinkspruch und bedeutet "auf die Freundschaft". Im übertragenen Sinn zelebrieren wir Woche für Woche mit einem Frauenabend unsere Freundschaft. Soziologen nennen das Stammlokal, das jeder irgendwie hat, gemeinhin auch das "zweite Wohnzimmer". Auch wir haben das immer getan – mit dem einzigen Unterschied, dass unser Stammlokal auch tatsächlich ein Wohnzimmer war. Ein schräger Künstler-Typ hatte nämlich in unserem Nachbardorf die Idee, den Dachstock seines alten Bauernhauses auszubauen, ein paar Tische aufzustellen und ein Restaurant daraus zu machen. Der grosse, hohe Raum lässt den Dachstock noch erahnen, die Kombination von Eisen und Holz gibt dem Raum die spezielle Note und das so genannte Pornosofa – ein rotes Plüschsofa – sorgt für die Gemütlichkeit. Der Schlosshof – so der schöne Name des Lokals - war gleichzeitig auch das Wohnzimmer der Familie, und einmal pro Woche waren wir da zu Gast. Der Schlosshof als Ort der Begegnung gab unserer Freundschaft einen Rahmen und gleichzeitig gestand er ihr den Raum zu, um sich zu entfalten. Die Spezialbehandlung, die Stammgäste von anderen unterscheidet, wurde uns jeweils in Form einer roten Cocktailkirsche in unseren Getränke zuteil. Die Cocktailkirsche vermisse ich noch heute auf meiner Zunge. Sie ist eine absolute Geniesser-Kirsche, konzentrierte Lebenslust.

Natürlich brach für uns eine Welt zusammen, als der Schlosshof vor einem Jahr seine Tore für immer schloss. Wir waren sozusagen obdachlos geworden. Asyl gefunden hatten wir vorübergehend in einem Szenen-Cafe, doch die laute Musik störte uns beim Reden. Der Frauenabend soll aber ein Platz sein, der ganz und gar der Freundschaft gehört. Seit kurzem gehen die Amazonen und ich deshalb jeden Mittwochabend nach Marokko. In einem marokkanischen Restaurant im Kaffeehaus-Stil glauben wir, unsere Heimat gefunden zu haben. Und – man glaubt es kaum – sogar für die Cocktailkirsche gibt es marokkanischen Ersatz: In Form des köstlichen marokkanischen Grüntees - Nâa-naa - der mit frischen Pfefferminzblättern und viel Zucker süss und nach Lebenslust schmeckt. Ein herzhaftes "Sadruschba!"

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