Für die Amazone ist das Leben bestimmt kein Wartesaal, und doch kam sie sich manchmal schon gestrandet vor. Gut nur, dass man immer wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.
«Ich bin im Wartesaal geboren», singen Patent Ochsner, und auf einer Interrail-Reise mit der Eremitin habe ich zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, was sie damit gemeint haben könnten. Die Eremitin und ich wandelten nämlich einmal auf den Spuren von Homo Faber in Griechenland (das war das Motto unserer Reise), entschieden uns dann aber spontan, Mister Faber für ein paar Tage abtrünnig zu werden und einen kleinen Abstecher nach Istanbul zu machen. Von Thessaloniki aus wollten wir den Nachtzug nach Istanbul nehmen. Aus Athen kommend, erreichten wir Thessaloniki bereits am späteren Nachmittag. Es regnete und auch sonst hatten wir keine besondere Lust, uns die Stadt anzusehen. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als im heruntergekommenen Bahnhofsbuffet auf die Abfahrt unseres Zuges zu warten. Wir assen pampige Pommes, rauchten Kette und fühlten uns überhaupt nicht wohl in unserer Haut.
Auf der ganzen Welt sehen Bahnhofsrestaurants genau gleich aus. Es sind heruntergekommene, verrauchte Löcher mit vergilbten Wänden. Sieht so die Vorhölle aus? Die Stammgäste trinken bereits am helllichten Tag Bier, der Tonfall ihrer Unterhaltungen ist ruppig, genauso wie ihr Umgang miteinander. Und wir, mittendrin, fragten uns: Was zieht diesen Menschenschlag rund um den Erdball an diesen Ort des Transits? Bier gäbe es sicher auch in anderen Lokalen im Zentrum. Ist es die Sehnsucht nach einer anderen Welt, im Wissen darüber, der eigenen doch nicht zu entkommen? Dem eigenen Schicksal doch nicht entrinnen zu können?
«Ich bin im Wartesaal geboren», singen Patent Ochsner und meinen damit wahrscheinlich die Tatsache, dass wir viel zu häufig im Leben darauf warten, dass endlich etwas passiert. Viel zu häufig gewöhnen wir uns an die Komfortzone des Transits, denn sie bietet den Trost des Altbekannten, vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Doch das Warten muss man nicht lernen – aber das Fliehen! Nur allzu leicht vergessen wir, dass wir jederzeit einen Zug besteigen und aufbrechen können, wenn wir des Wartens überdrüssig werden. Alles was zählt, ist die eigene Tat.
Für die Eremitin und mich jedenfalls hat sich das Aufbrechen gelohnt: Ohne dass wir gewusst hätten, erreichten wir Istanbul genau am Morgen des Zuckerfestes, an dem die Muslimen das Ende des Fastenmonats Ramadan feiern. In jedem Laden, den wir betraten, wurden uns Bonbons angeboten und wir sahen fröhliche Familien in ihren besten Kleidern durch den Park spazieren. Ich weiss nicht, wie viele Stunden wir in diesem Park auf der Bank sassen und uns am Anblick dieser gut aussehenden Menschen labten. Als die Rufe aus der Moschee erklangen, fühlte ich mich überglücklich und sehr auserwählt, diesen wichtigen Moment für die Menschen dieses Ortes miterleben zu dürfen und ihre Freude zu teilen.
Eduschka - 24. Feb, 12:56
Eine lebensunpraktische Möchtegern-Autorin lernt kochen
In
«Ertappt vom Anti-Ich», als ich beim Schokoladenkauf meinem Anti-Ich begegnet bin, habe ich gesagt, dass ich des Kochens nicht fähig bin. Ich muss mich an dieser Stelle selbst korrigieren: Es handelt sich dabei nicht so sehr um eine wirkliche Unbegabung, sondern viel eher um eine
fatale Kochunlust, die mich jedes Mal im denkbar ungünstigsten Zeitpunkt befällt: Dann nämlich, wenn mein Magen in jeder erdenklichen Tonlagen knurrt. Ich meine, es ist doch so: Kochen und Hunger bedingen sich gegenseitig, das eine ist erst die Voraussetzung für das andere, und dennoch spielen sie sich absolut nicht in die Hand. Ein Paar in fundamentaler Disharmonie! Mein Hunger weist nämlich ähnliche Eigenschaften auf wie mein Schlaf: Beide sind machtvoll und eigenwillig. Ist mein Hunger gross, will ich keine Zeit mehr zum kochen verschwenden, ist mein Hunger klein oder noch gar nicht vorhanden, gibt es aus meiner Sicht auch keinen Grund zu kochen.
Dennoch habe ich vor einiger Zeit beschlossen, dass es zu einer guten Allgemeinbildung gehört, ein paar Gerichte im Repertoire zu haben, im «Effeff» sozusagen. Es ist noch gar nicht lange her, da wäre ich nämlich in Verlegenheit geraten, hätte man mich spontan und ohne Kochbuch zur Zubereitung einer Mahlzeit aufgefordert. Von Pasta mit Tomantensauce einmal abgesehen. Meine Freundin Kaktusblüte lacht mich immer aus, weil ich – wenn ich mal koche – immer ganz exakt nach Rezept vorgehe. Sogar bei der Gebrausanweisung eines Fertiggerichts… Dank meiner 10-Punkte-Kochliste können mir Kochbücher in Zukunft gestohlen bleiben. Mit einem gewissen Stolz darf ich an dieser Stelle nämlich verkünden, dass ich bereits Peperoni-Reis, Ratatouille und Omeletten zubereiten kann. Der Musiker improvisiert, der Cowboy schiesst aus der Hüfte, und die lebensunpraktische Möchtegern-Autorin kocht von nun an beschwingt im Dreivierteltakt.
Doch nicht jedes Gericht hat einen Platz auf meiner Liste verdient! Sie müssen unkompliziert und schnell zubereitet sein (der Hunger…) und dennoch nach etwas aussehen. Ausserdem dürfen sie nicht allzu exotische Zutaten beinhalten, wer hat schon jederzeit Ingwer oder Sojasprossen zur Hand.
Ich finde, dass ich mit meiner Liste gut gerüstet bin fürs Leben. Als ich einmal arbeitslos war, hat mir meine Nachbarin einen Anmeldetalon für einen Kochkurs in den Briefkasten gelegt. Als Randnotiz hatte sie vermerkt: «Essen muss man schliesslich immer.» Ich war 19 und empört darüber, dass meine Nachbarin mich hinter den Herd verfrachten wollte. Die Arbeit an der eigenen Perspektive hat mir zu einer anderen Einsicht verholfen: Die Fähigkeit zu kochen ist Ausdruck von Selbstbestimmung. Dass die Hausfrauenfalle zuschnappen könnte und mein Selbstwertgefühl irgendwann darauf angewiesen sein könnte, anderen zu dienen – ich glaube, diese Gefahr kann man bei der Pantoffelheldin getrost ausschliessen.
Rezeptideen nehmen ich gerne entgegen unter: edith.truninger@gmail.com
Eduschka - 20. Feb, 18:56
«Es gibt Menschen, die passen so gut zusammen wie der Himmel und das Meer.»
Diesen Satz habe ich zufällig irgendwo aufgeschnappt, und ich bin sofort an ihm hängen geblieben. Himmel und Meer – das sind zwei unglaublich starke Symbole meiner Seelenlandschaft. Himmel und Meer, das bedeutet für mich Weite, eine äusserliche Grosszügigkeit, die nach innen strahlt. Himmel und Meer, das ist die Sprache der Poesie. Vom ersten Moment war mir klar, dass der Satz von zwei Menschen spricht, die unbeschreiblich gut zusammen passen. Doch plötzlich kamen mir Zweifel. Himmel und Meer, da sind immerhin zwei verschiedene Kräfte am wirken. Vielleicht war genau das Gegenteil der Fall und die zwei Menschen passten überhaupt nicht zusammen? Verstand ich den Satz völlig falsch? Gerade in solchen Momenten ist es ein Geschenk von unschätzbarem Wert, Menschen um sich zu scharen, die denselben Blick auf die Welt haben. Auf wundersame Art und Weise scheinen meine besten Freunde immer genau dort besonders klar zu sehen, wo ich gerade anstehe. Ich nahm also das Telefon zur Hand und wählte die Nummer meiner Freundin Kaktusblüte. «Was würdest Du sagen, was bedeutet dieser Satz?» Ich las vor. Und ohne das kleinste Zögern, ja nicht mal mit der leisesten Verwunderung in der Stimme, warum ich ihr diese Frage stellte, kam glasklar die Antwort: «Wenn Du vom Ufer aus an den Horizont blickst, kannst Du nicht mehr unterscheiden, wo das Meer aufhört und der Himmel anfängt. Sie verschwimmen ineinander.» Damit hatte sie mir die Erklärung geliefert, nach der ich mich so sehnte und die ich zwar erahnte, die ich aber dennoch niemals hätte in Worte fassen können. «Kaktusblüte, wenn Du nur wüsstest, wie poetisch Du bist!» Ich hätte ihr die Füsse küssen können als Dank für diese klare Antwort auf eine für mich so komplizierte Frage. Manchmal braucht es Freundinnen, die einem die Optik wieder scharf stellen. Von hier aus kann ich wieder mir selbst überlassen werden, von hier aus kann ich mir wieder meine eigenen Antworten geben, den Faden weiterspinnen: Passt dieser Satz zu mir und dem Greis? Wir sind Himmel und Meer, wir verschmelzen ineinander und doch werden wir niemals eins werden können, weil wir nicht denselben Aggregatszustand aufweisen. Scheitert unsere Liebe an der Wirklichkeit? Ich weiss es nicht. Manche Fragen sind einfach zu gross. Aber eines weiss ich seither ganz bestimmt: Freundinnen sind genau da zu Hause, wo sich Himmel und Erde begegnen. Sie sitzen in der Vorpforte zum Himmel. Sie sind Engel, die genau zur richtigen Zeit das richtige sagen.
Eduschka - 18. Feb, 10:04

Sie sind entweder zu gross oder zu klein, zu hängend oder zu flach, so richtig zufrieden sind wir jedenfalls selten mit dem, was wir haben. Die Rede ist von des Frau bestes Stück: Ihrer Handtasche. Eine Frau und ihre Handtasche bilden eine unzertrennliche Einheit, sie sind miteinander verwachsen, einander Treu ergeben bis dass der Tod sie scheidet. Mir ist schleierhaft, wie Männer ohne eine Handtasche durchs Leben kommen, ganz ehrlich.
Erste und wichtigste Faustregel: Eine Handtasche sollte – das Wort verrät es eigentlich bereits – handlich sein. Frauen wie wir haben allerdings selten handliche Täschchen. Schliesslich muss man für alle Eventualitäten des Lebens vorbereitet sein! Meine Handtasche ist Pult, Bücherregal, Vorratskammer und Spiegelschrank in einem. Oder jedenfalls eine konzentrierte Form davon. So kommt es vor, dass ich ziemlich viel Gewicht durch die Gegend schleppe. Und es kann auch vorkommen, dass ich nicht auf Anhieb ins richtige Abteil greife. Dann suche ich den Leuchtstift in der Küche oder die Lippenpomade im Büro. Sprich: Ich suche mich dumm und dämlich. Meistens ist es in der Handtasche auch noch so dunkel wie in einem Kuhmagen, was die Suche auch nicht unbedingt erleichtert. Wie viele Stunden ich schon damit zugebracht habe, in meiner Tasche herumzuwühlen! In dieser Zeit hätte ich bestimmt einen Roman schreiben oder die Welt retten können. Eines steht jedenfalls fest: Ich hätte etwas Sinnvolleres tun können.
Mitunter kann sich auch ziemlich Privates in diesem Beutel aus Leder verbergen. Das ist auch der Grund, weshalb der Anstand es Männern verbietet, in der Handtasche einer Frau herumzuwühlen. Auch wenn darin ein Handy piepst! Und dazu gibt es eine sehr lustige Geschichte. Vor Jahren, als Lockenkopf soeben mit ihrem jetzigen Freund zusammen kam und sie ihn uns – eine delikate Angelegenheit – vorstellen wollte, sitzen vier Amazonen am Boden des Wohnzimmers und breiten in einem Anflug von Rührseligkeit den Inhalt ihrer Handtaschen voreinander aus. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was uns dazu bewog, aber wir waren sehr angetan von unserem kleinen Spielchen. Dem neuen Freund der fünften im Bunde war es einfach nur furchtbar peinlich. Er hätte uns wohl gerne erst einmal so kennen gelernt, ohne dass wir gleich unser Innerstes vor ihm ausgebreitet hätten…
Eduschka - 7. Jan, 11:47
Bringt rote Unterwäsche wirklich Glück in der Liebe? Die Amazone hat da so ihre Zweifel.
Nun ist es bald soweit, die Saison des Aberglaubens zieht wieder ins Land: Der schöne Silvesterbrauch zum Beispiel, sich im Hinblick auf die Nacht der Nächte gegenseitig mit roter Unterwäsche zu beschenken, auf dass es in Sachen Liebe ein glücksverheissendes Jahr werden möge. Diese Sitte hat sich natürlich auch im Kreise der Amazonen längst durchgesetzt. Ich weiss noch, wie wir uns einmal in einer Silvesternacht quer durch den Klub gefragt haben, um zu erfahren, ob manche der weiblichen Partygäste dem Brauchtum folgen und tatsächlich rote Unterwäsche tragen. Und siehe da, es waren erstaunlich viele, die es sich nicht nehmen liessen! Die befragen Frauen waren sehr offen, wildfremde Frauen zogen uns ins Vertrauen und flüsterten uns mit gesenkter Stimme ins Ohr: «Wisst ihr was, bei mir hat es dieses Jahr/letztes Jahr/ im Jahr davor/ funktioniert.» Einen Moment lang schien die Welt nur noch aus Frauen zu bestehen, die in Silvesternächten rote Unterwäsche tragen und im darauf folgenden Jahr von einer liebestechnischen Glückswelle erfasst werden. Welch Verheissung! Nichts wie hin in die Lingerie-Abteilung, sagten sich Kaktusblüte und ich, sobald die Silvesternacht erneut vor der Tür stand.
Doch es gibt noch mehr Liebesorakel. Einige unter uns sind – aus welchen Gründen auch immer – überzeugt, dass ein Elefantenhaar Glück in der Liebe bringt. Ein Aberglaube, der seinen Ursprung privaten Gründen zu verdanken hat. Und irgendwie ist das ja auch durchaus nachvollziehbar, ist doch so ein Elefantenhaar dick, borstig und sehr widerstandsfähig. Lockenkopf fand also, dass ein bisschen Glück in der Liebe bestimmt nicht schaden könne und schrieb dem Zoo einen netten Brief, ob der Elefantenwärter bitte so nett sei und dem Dickhäuter ein Schwanzhaar für sie abzwacken könnte. Wie zu erwarten war, erhielt Lockenkopf abschlägigen Bescheid vom Zoo.
Ein paar Monate später hatte ich vor, nach Indien zu verreisen. Lockenkopf liess es sich natürlich nicht nehmen und trug mir auf, nur mit einem Elefantenhaar für sie im Gepäck in die Schweiz zurückzukehren. Natürlich nahm ich mir diesen Auftrag sehr zu Herzen – schliesslich ging es um nichts Geringeres als das Liebesglück einer Freundin. Doch dummerweise ergab sich einfach nie die Gelegenheit und gegen Ende der Reise stand ich immer noch mit leeren Händen da. In einer Stadt in Rajasthan entdeckte mein Auge dann endlich einen einzigen bunt bemalten Elefanten, der gerade eine Prozession anführte. Vielleicht meine letzte Chance! Da nahm ich meinen Mut zusammen und kämpfte mich durch die Menschenmasse an die Spitze der Prozession. Endlich beim Elefant und seinem Meister angelangt, trug ich meine Bitte vor. Sofort zog der nicht eben freundliche Elefantenmeister ein Messer aus der Hosentasche, trennte ein paar Haare durch und überreichte mir – natürlich gegen ein kleines Entgeld – ein ziemlich kurzes, kotverschmiertes Stümmelchen. Etliche leere Stellen zeugten davon, dass andere schon vor mir da gewesen waren. Plötzlich war ich mir nicht mehr so sicher, ob dieser Liebes-Aberglaube wirklich so wahnsinnig inoffizieller Natur war, wie ich immer gemeint hatte.
Das kotverschmierte Stümmelchen sah jedenfalls nur halb so verheissungsvoll aus wie die rote Unterwäsche, so viel kann ich an dieser Stelle verraten. Doch wenigstens kann ich mir nichts vorwerfen lassen, habe ich doch einen wahren Freundinnendienst erbracht und praktisch Leib und Leben riskiert, um an ein Elefantenhaar zu kommen. Über die Erfolgsaussichten beider Methoden möchte ich mich an dieser Stelle lieber nicht äussern, ist doch Lockenkopf schon seit einer halben Ewigkeit mit ihrem Gefährten zusammen, während die rote-Unterwäsche-Fraktion… na ja, wie auch immer. Einen guten Rutsch ins 2009!
Beitrag auch unter
tink.ch
Eduschka - 23. Dez, 09:57
Ich liebe es, wenn mir Leute Anfang Sommer bei Alltagsverrichtungen einen schönen Sommer wünschen. Die «Migros»-Verkäuferin beispielsweise. Oder der Versicherungsberater. In solchen Momenten flirrt die Luft vor Verheissung. Im Winter funktioniert das nicht in gleicher Weise. Ich persönlich kann mir unter einem «schönen Winter» nämlich nicht allzu viel Grossartiges vorstellen. Was eventuell daran liegen mag, dass ich eine Winterflüchtige bin – rein theoretisch, zumindest. Im Moment müsste ich nämlich – rein theoretisch – vor einem kleinen Strohhäuschen irgendwo über einer Klippe in Südgoa sitzen, wo ich auf meinem tragbaren Laptop diese Zeilen schreibe, um gegen Abend eine Runde im Meer zu schwimmen und nach dem Eindunkeln am Strand ein paar selbst gefangene Fische über dem Feuer zu braten (ich esse zwar keinen Fisch, aber es passt so schön ins Bild). Im Stillen gratuliere ich jedem, der nicht nur davon plappert, sondern sich sein Leben tatsächlich so eingerichtet hat. Es gibt Orte auf dieser Welt, wo es jetzt gerade Sommer ist. Nur schon der Gedanke daran ist erfrischend.
Gestern hat mich doch tatsächlich zum ersten Mal die gloriose Erkenntnis gestreift, dass sich die Menschen in Süd- und Mittelamerika, die ja katholisch sind und Weihnachten feiern wie wir, enorm über die Weihnachtsgeschichte wundern müssen. Schliesslich handelt sie von schlotternden Hirten, wolligen Schafen und eisigkalten Nächten. Die Ärmsten können sich ja gar nicht richtig in die Geschichte hineinversetzen! Weil sie nicht wissen, was es heisst zu frieren. Zum Glück wohne ich in einem kalten Land, wo mir die Weihnachtsgeschichte noch richtig plastisch vor Augen geführt wird. Ich wohne sozusagen in der Kulisse. Und da ich ein krankhaft positiv denkender Mensch bin, fallen mir sogar noch weitere Gründe ein, warum ich froh bin, in einem kalten Land zu wohnen: Der Mäntel wegen nämlich. Denn Mäntel sind meiner Meinung nach richtig schicke Kleidungsstücke und es würde mir rein modetechnisch äussert schwer fallen, meinen Mantel gegen ein Bikini eintauschen zu müssen. Mäntel sind elegant, machen etwas her und sind für jeden Anlass geeignet. Ja der Winter selbst ist der Anlass für das Tragen eines Mantels! Zu Ehren des Wintergottes. Für Frauen im Speziellen eignet sich der Mantel, weil er meistens tailliert ist und deshalb schön geschwungene Picasso-Hüften betont. Ausserdem fühlt es sich einfach gut an, sich in den wärmenden Mantel zu kuscheln. Wenn wir schon niemand haben, der uns ein bisschen Körperwärme abgibt, können wir wenigstens auf unsere Mäntel zurückgreifen. Selbstbefähigung, heisst das magische Wort. Und wir haben noch gar nicht von den Feministen-Mänteln dieser Welt gesprochen! Feministen-Mäntel sind feuerrot und man fühlt sich so wahnsinnig gut und selbstbewusst darin. Ich weiss, wovon ich spreche. Auch ich gehöre manchmal zu den Rotmantelfrauen.
Kommen Sie gut durch den Winter,
Ihre Editha Truth
Eduschka - 19. Dez, 17:24
Es gibt Menschen, die sind das pure Gegenteil des eigenen Selbst. Angesicht zu Angesicht mit seinem ganz persönlichen Anti-Ich fühlt man sich leicht wie der ungeschickteste und unperfekteste Mensch auf dem Rund dieser Erde. Ich gestehe: ich bohre leidenschaftlich gern in der Nase, schwanke auf meinen Absatzstiefeln wie auf einem Schiff, meine Wimperntusche ist ständig verschmiert und ab und zu landet auch eines meiner langen schwarzen Haare in der Pfanne, in der ich gerade rühre, womit mir eine erstklassige Überleitung gelungen ist.
Ich hatte Freunde zum Essen eingeladen. Eigentlich gehört es ja nicht zu meinen Tugenden, Freunde zu bekochen, weil ich rein theoretisch gar nicht kochen kann und zudem eine wirklich miserable Gastgeberin bin. Die Gastgeberrolle ist mir einfach nicht auf den Leib geschnitten, jedes Mal wird es mir auf halber Strecke zu anstrengend. Und mitten im offenen Feld ist dann an eine Rückkehr unmöglich mehr zu denken. Nun ja. Jedenfalls beschloss ich, meinen lieben Freunden das simpelste, kalorienhaltigste und massloseste Gericht der Saison aufzutischen: Schokoladen-Fondue. Der Klang dieses Namens wird manche an längst vergangene Pfadfinder-Tage erinnern, und auch sonst holt man sich mit diesem Menu ganz sicher keine Gault-Milieu–Punkte. Schokoladen-Fondue, sagen wir es einmal so, ist der Traktor unter eleganten Karossen: Ausschweifend, gut-bürgerlich, provinziell, ein bisschen vulgär irgendwie. Einfach total anti-urban.
Unter normalen Umständen würde ich mir ja über das Image meiner Menuwahl nicht so viele Gedanken machen. Hätte ich nicht auf so gemeine plakative Weise den Spiegel vorgesetzt bekommen: Beim Einkaufen in der Migros nämlich läuft mir mein Anti-Ich just in jenem Moment über den Weg, als ich gerade damit beschäftigt bin, rezeptgetreue zwei Kilo Schokolade in meinen Einkaufskorb zu schichten. Inflagranti ertappt…! Die Schokolade wiegt plötzlich zentnerschwer. «Auch beim Einkaufen?», säuselt mein Anti-Ich mit einer gespielten Höflichkeit, die solchen Momenten gebührt. Denn das einzige, worüber wir uns wirklich einig sind, ist die Tatsache, dass wir uns nichts zu sagen haben. «Ja ja, Wochenendeinkäufe», erwidere ich in einem möglichst unverbindlichen Tonfall, ein Stossgebet zum Himmel schickend, sie möge die zwei Kilo Schokolade in meinem Einkaufskorb übersehen und stattdessen die vielen Bananen und Äpfel zur Kenntnis nehmen.
Wäre sie nicht sie gewesen, hätte ich natürlich voller Enthusiasmus erzählt, dass ich meine Freunde zum ausgiebigen Schlemmen geladen hatte. Vielleicht hätte ich die Geschichte sogar noch etwas ausgebaut, ihr etwas Farbe verliehen. Doch mein Anti-Ich würde den Reiz eines ausschweifenden Fress-Gelages unmöglich verstehen. Deshalb sind Menschen wie sie ja auch mein Anti-Ich. Nach dem kleinen Small-Talk-Crash habe ich es eilig, an die Kasse zu kommen. Während ich meine Einkäufe geschäftig in die Tüte packe, biegt ein Kollege von ihr um die Ecke. Grosses Hallo. «Wir müssen unbedingt wieder einmal ein Sushi machen», höre ich ihn sagen. In diesem Moment geht mir ein Licht auf. Sushi… na klar. Ein cooles, total urbanes und angesagtes Sushi ist genau die bevorzugte Menuwahl meines persönlichen Anti-Ichs: Akkurat in Form geschnitten und fast hundert Prozent fettfrei.
Es wurde übrigens ein netter Abend. Dass sich drei von sechs Anwesenden – die Köchin inklusive – 24 Stunden später die Seele aus dem Leib gekotzt haben, hatte WIRKLICH nur indirekt etwas mit meinem Schokoladenfondue zu tun…
Eduschka - 11. Dez, 11:48

Ich erinnere mich, wie Kaktusblüte einmal zu mir gesagt hat: «Für Singles ist der Sonntag ist schon der verschissenste Tag von allen!» Das kam so ehrlich und aufrichtig rüber, dass mich sogleich das Bedürfnis packte, mich demütig vor ihr niederzuknien und sie gleichzeitig stürmisch zu umarmen. Mit diesem Satz spricht sie mir und Millionen von anderen Singles rund um den Erdball aus tiefstem Herzen. Am Sonntag hat man sich als Single gefälligst selbst zu genügen, auf Kommando und Knopfdruck, denn der Sonntag ist der Tag, den alle anderen mit dem Partner und – falls vorhanden – den Kindern verbringen. DAS IST EINFACH SO. Das ist verbürgt. Punkt, Aus und Schluss. Der Sonntag ist der Familienpicknick-Tag, der Connylandausflugtag oder der Im-Bett-bleiben-lesen-und-vögeln-Tag. Es gibt nur wenig, was sich in der globalisierten Welt an traditionellen Werten halten konnte, der Sonntagsbraten und Konsorte haben es leider geschafft. So eine Gemeinheit. Ich möchte nicht wissen, wie viele Singles sich am Sonntag im Fitnesszentrum auf den Geräten abstrampeln, nur um gegen die Leere anzukämpfen, die sich in ihrem Innern breit gemacht hat, ihnen den Hals zuschnürt und das Herz schwer werden lässt. So ein Sonntagnachmittag kann bleischwer auf einem liegen, so viel kann ich rübermorsen von meinem männerlosen Planeten. Am Tag der Gemeinschaft auf sich gestellt zu sein, steigert die gefühlte Einsamkeit – und, je nach vorüber ziehendem Tiefdruckgebiet – auch die Verzweiflung.
Gemeinerweise ist ja der Sonntag auch der Tag, an dem die Läden geschlossen sind, als Single wird man also auch noch jeglicher Chance beraubt, sich zu zerstreuen. Und sowieso, so weit das Auge reicht, sind da immer nur diese Pärchen! Die Welt ist ein Pärchen-Nest. Genau wie wenn ein Passagierflugzeug aus den Malediven am Flughafen ankommt: Jeder einzelne, der aus dem Flugzeug steigt, ist zwischen zwanzig und vierzig und hat den Partner im Schlepptau. Auf den Malediven, dem Mikrokosmos der Liebespaare, ist es immer Sonntag.
Und was ist das erste, was wir gutmütigen Single-Freundinnen intuitiv tun, wenn unsere Freundin von ihrem Liebsten verlassen wird? Natürlich: Wir sorgen für die Sonntagsunterhaltung. Wir laden zum Kaffee, ins Kino oder ins Museum. Weil Liebeskummer und das Sonntagsgefühl sich schlecht vertragen. Schonen, schonen, schonen, das ist jetzt oberstes Gebot, die Freundin soll keinesfalls diesem klammen Gefühl ausgesetzt sein, das für uns zum Alltag gehört. Wenn wir ehrlich sind, geniessen wir die unerwartete sonntägliche Gemeinschaft. Obschon der Nachgeschmack etwas schal ist im Abgang. Denn wir wissen genau, dass wir nur die Lückenbüsser sind - und es immer bleiben werden. Sollte sich das ganze Trennungsdesaster bei Lichte besehen doch nicht als ganz so tragisch erweisen, hockst du bereits nächsten Sonntag wieder allein im Café.
Fest steht, und da würde mir Kaktusblüte sicher Recht geben: Der Sonntag und die Malediven gehören abgeschafft. Zumindest für Letzteres stehen die Chancen ja gar nicht mal so schlecht. Endlich mal eine gute Nachricht.
Eduschka - 9. Dez, 13:00