Mittwoch, 29. April 2009

The perfect date

Was macht ein Date eigentlich zu einem richtig guten Date? Was diese Frage betrifft, scheint es eine kollektive Bildsprache zu geben, der sich Filmregisseure immer wieder gern bedienen - ganz ungeachtet der Tatsache, ob sie den Praxisbeweis in der Realität erbringen. In erschreckend vielen romantic movies kommt nämlich irgendwann die Szene, in der das Paar bei seinem ersten Date völlig selbstvergessen aus der Kinovorstellung schlendert und dabei angeregt über den Filminhalt diskutiert (neulich gesehen in: «Bodyguard») Dabei gehört das Kino-Date doch nun wirklich ins Reich der Teenagertage! Das war damals, als wir ungestört knutschen wollten und nicht wussten, wohin wir gehen sollten. Heute haben wir andere Ansprüche, wir möchten die Person kennen lernen, die ein potentieller Anwärter auf den Platz an unserer Seite ist, wir möchten etwas über ihre Ansichten vom Leben hören, über ihre Pläne, ihr Denken und Handeln. Im Kinosaal ist das beim besten Willen nicht möglich. Aber schon klar, die Idee dahinter leuchtet natürlich ein und ist auch gut nachvollziehbar: Man sehnt sich nach einen Rahmen, nach etwas, das einem Halt gibt in einer ungewohnten Situation, die unter Umständen auch von Angst und Unsicherheit begleitet sein kann. Viele machen deswegen den Kardinalfehler: Sie gehen zusammen essen. Schliesslich kann man da gut reden. Ganz ganz schlecht! In einem noblen Restaurant kann nichts über die eigene Unsicherheit hinwegtäuschen, ausserdem kommt in dieser eh schon verkrampften Atmosphäre noch die Angst hinzu, sich nicht zu benehmen wissen, zu kleckern oder den Wein zu verschütten. Ausserdem: Wer hat schon wirklich Hunger beim ersten Date.

Was macht ein Date also letztendlich zu einem richtig guten Date? Natürlich ist es die Magie zwischen zwei Personen. Wenn man sich ineinander wieder erkennt, gemeinsame Vorlieben entdeckt, wenn etwas korrespondiert, widerhallt, wenn da plötzlich eine Ahnung im Raum steht, dass dieses Gespann Potential haben könnte. Die Möglichkeit muss Raum haben, dass diese zwei Personen sich eine Welt mit ihren ganz eigenen Gesetzmässigkeiten erschaffen könnten. Bei mir persönlich zum Beispiel ist es immer ein gutes Zeichen, wenn ich Lust habe, ganz viel von mir zu erzählen, ganz viel von mir preis zu geben. Wenn ich einfach plappern kann und es kommt etwas zurück. Dann weiss ich, dass etwas ganz Grundlegendes gegeben ist: Die Gesellschaft meines Gegenübers hat eine anregende Wirkung auf mich.

Eine solche situative Magie hat es ziemlich schwer, wenn sie in vorgefertigte Muster wie ein Dinner à deux gepresst wird, weil die Erwartungen viel zu überfrachtet sind. Die eingangs erwähnten kollektiven Bilder haben sich in unser Unterbewusstsein eingenistet und quälen uns aus der Tiefe. Wahrscheinlich zeigt sich die Magie in den gewöhnlichsten, alltäglichsten Situationen. Dann fühlt sie sich erwünscht und kann auf fruchtbaren Boden fallen. Auch hier können wir auf ein paar Leinwandbeispiele zurückgreifen, denn ein paar Regisseure haben es tatsächlich gewagt, ein realistischeres Bild des Sich-Näherkommens zu zeichnen. Die Szene in «Good Will Hunting» zum Beispiel, wo Minnie Driver und Matt Damon zuerst in einem Spielwarenladen herumstöbern und dann Burgeressen gehen. Die witzig-kecke Minnie Driver spricht den hochbegabten Raufbold direkt darauf an, er erhoffe sich von diesem Date bestimmt ein sexuelles Abenteuer. Er erwidert darauf, dass er zumindest einen Kuss schon erwartet habe. Sie: «Warum bringen wir es nicht gleich hier hinter uns?» Daraufhin küssen sie sich, in einem Fast-Food-Restaurant mit Neonlicht, beide noch mit Burgerresten im Mund… herrlich romantisch.

Oder die Szene in «Reality Bites», in der Ethan Hawks und Wynona Rider stundenlang durch die Stadt streifen, mit einem Kaffeebecher in der Hand und einfach nur über Gott und die Welt plaudern. Er sagt dann: «Was braucht es eigentlich mehr, ein paar Zigaretten, einen Becher Kaffee und eine gute Unterhaltung.» Schön! Generell glaube ich, dass jene Dates die besten sind, bei denen man etwas zusammen unternimmt.

Am Brillantesten wurde diese Form des sich Kennenlernens in «Before Sunrise» umgesetzt. Legendär, wie sich Ethan Hawks und Julie Deply zufällig in einem Zug kennen und anschliessen das nächtliche Wien zusammen erkunden. Ein Film voller kleiner poetischer Höhepunkte, voller Welt- und Lebensweisheiten. Weil sie kein Geld mehr haben, erbetteln sie bei einem Barkeeper eine Flasche Wein und versprechen, das Geld per Post zu schicken. Zwei Menschen, eine Flasche Rotwein und ein gutes Gespräch: Manchmal braucht es nur wenig, damit ein Date zu einem wirklich guten Date wird.

Donnerstag, 23. April 2009

Wär häts erfunde??

Wir Schweizer haben ja bekanntlich ein hochgradig pathologisches Verhältnis zu unserer Agenda. Manchmal nimmt dieser Wahn schon beinahe kultische Ausmasse an. Das fängt allein schon bei der Verfügbarkeit an: Gewisse Leute haben ihre Agenda – ob sie nun im Ausgang sind oder beim Kaffeeklatsch – einfach immer dabei. Kommt man zufällig auf Daten für Geburtstagsfeste, Konzerte oder den Töpferkurs zu sprechen, wird das Fetischobjekt blitzschnell auf den Tisch geklatscht, als hätte man sich untereinander abgesprochen. Mit religiösem Eifer blättern die Agenda-Fetischisten darin, als gelte es einen Contest zu bestehen. Ein Hauch Unterwürfigkeit liegt in ihrer Stimme, wenn sie sagen: «Ich muss zuerst in meiner Agenda nachschauen.» Spontan eine Einladung annehmen? Undenkbar. Mit der Agenda managen wir das Projekt, das unser Leben bedeutet. Sorgfältig und ordentlich notieren wir in dem kleinen Büchlein, bis wann die Abgabe der Präsentation fällig ist, in welcher KW (Kalenderwoche) der nächste Arzttermin ansteht, wann Zeit ist für Ferien, Freunde, den Geliebten. Mit einer Agenda pressen wir unser Leben in ein Raster. Wir besitzen unsere Agenden nicht, wir glauben an sie.

Die Terminfindungsplattform Doodle hat diesem Planungsfieber die Krone aufgesetzt. «Wär häts erfunde?» Richtig: Die Schweizer. Welch Überraschung. Seither wird nicht mehr nur gegoogelt, sondern vor allem gedoodelt ¬- quer durch alle Gesellschaftsschichten. Als kleine Projektmanager auf unserer ewigen Suche nach freien Zeitfenstern geben wir uns dabei oftmals der Lächerlichkeit preis. Doch wir merken es nicht, denn die Krankheit wurzelt im System. Eine Agenda hilft uns dabei, unsere Zeit möglichst nutzbringend zu gestalten. Das ist an sich ja nichts Schlechtes. Doch eine volle Agenda muss nicht unbedingt heissen, auch ein erfülltes Leben zu haben. Manche Menschen rennen von einem Termin zum nächsten, nur weil sie nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen mit sich und ihrem Leben. Menschen in Entwicklungsstaaten besitzen keine Agenden, der Überlebenskampf lässt sich nicht in ein Zeitraster einteilen. Wir hingegen versuchen, aus dem Chaos, das unser Leben bedeutet, mundgerechte und verdaubare Häppchen zu machen ¬¬– weil wir mit so viel prallem und unverplantem Leben schlicht rettungslos überfordert wären?

Eine Agenda ist ein sehr persönliches Dokument für die Planung unserer unmittelbaren Zukunft. Sind die Tage verstrichen, werden die Einträge wertlos, der Zweck der Agenda ist erfüllt. Trotzdem haben wir darin – meistens ohne uns bewusst zu sein – Zeugnis abgelegt, wie wir unser Leben leben. Und dann auch wieder nicht. Ausser «Minigolf spielen mit Andrea» oder «Reminder: Arbeitsplan abgeben» ist das einzige, was es über unser Leben unter dem Strich zu sagen gibt. Deshalb frage ich mich manchmal, ob es nicht genauso wichtig wäre, neben der Agenda, die wir mit so viel Eifer führen, eine Art Reflexionsbuch für das hinter uns liegende anzulegen. Von Zeit zu Zeit inne zu halten sollte doch mindestens genauso selbstverständlich sein wie ein gelungenes Agendasetting. Ich jedenfalls würde gerne in einer Parallel-Agenda über mein Leben lesen: «Die ersten Krokusse spriessen im Garten.» Oder: «Ein überwältigendes Morgenrot gesehen.» Oder: «Warum können Pinguine nicht fliegen?» Denn Daten sind nur Daten. Erst wenn sie mit Sinn gefüllt werden, bekommen sie eine Seele.

Dienstag, 21. April 2009

Die Segnungen kreativen Denkens

amazonen_negativEs ist leider eine menschliche Tatsache, dass wir unserem Glück häufig selbst im Weg stehen. Interessanterweise sind es jedoch meistens nicht die äusseren Grenzen; sondern unsere inneren Barrieren, die uns zum Verhängnis werden. Eingefahrene Denkmuster schränken unseren Handlungsradius ein, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Ob wir an eine neue berufliche Ausrichtung denken, einen Wohnortwechsel vornehmen möchten oder nur schon ganz simple, einfache Problemlösungsprozesse im Alltag anstreben… immer orientieren wir uns an anerzogenen oder gelernten Denkmustern.

Anhand des «Starbucks»-Cafés im Flughafen lässt sich das Prinzip des kreativen Lösungsprozesses wunderschön illustrieren. Der Flughafen ist ein Ort des Transits und oftmals sind Leute dazu gezwungen, langweilige Stunden in der Transitzone zu verbringen, nicht selten auch über Nacht. Besonders beliebt sind dabei die «Starckbucks»-Cafés, weil sie mit bequemen Sofas ausgestattet sind. Da diese aber eigentlich nicht zum Liegen, sondern zum Sitzen gedacht sind, krümmen sich die Reisenden jeweils zu Dutzenden in unschöner Weise darauf zusammen, um unter grösster Mühe in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Nur ein einziger, erzählte mir ein langjähriger Flughafenmitarbeiter, kam je auf die Idee, die Sitzpolsterung wegzunehmen – denn die lässt sich ganz einfach abnehmen – und diese auf dem Boden auszubreiten… er muss geschlafen haben wie ein König.

In der Fachwelt nennt sich dieses offene, unsystematische Denken «konvergentes Denken». Konvergentes Denken ist Denken, das sich über die inneren Grenzen hinauswagt, den inneren Zensor ausschaltet. Es ist im besten Sinne kreatives Denken. Meine Freundin Lockenkopf gehört zu jenen Menschen, die dieses konvergente Denken bereits als Kind verinnerlicht haben. Das lässt sich anhand einer schönen Geschichte illustrieren: Mangels normalem Papier hat Lockenkopf einmal in der Primarschule ihre Hausaufgaben auf Packpapier geschrieben. Warum auch nicht, muss sie sich gedacht haben. Auf Packpapier lässt sich schliesslich genauso gut schreiben wie auf normalem A4-Papier, und ich muss ihr da zustimmen. Dummerweise hatte ihre Lehrerin nicht ganz so viel Verständnis für diese Art des kreativen Lösungsprozesses: Als Klein-Lockenkopf stolz ihre Hausaufgaben auf einem Fetzen Packpapier präsentierte, wurde die Lehrerin fuchsteufelswild und schleuderte ihr folgenden legendären Satz ins Gesicht: «Chaschs ja grad so guet uf Schiisiipapier schribä!» Es weiss eben nicht jeder Kreativität angemenssen zu würdigen...

Dienstag, 7. April 2009

Glaube in den Aberglauben

Manche Pendler schlagen im Zug ja als erstes die Seite mit der Rubrik «Schatzchästli» auf - halb erwartend, dass sich jemand unsterblich in sie verliebt hat, während sie durchs Fenster schauten und in der Nase bohrten. Andere träumen vom grossen Lottogewinn oder dem wohlhabenden Erbonkel aus Amerika. Da nimmt sich mein kleiner Aberglauben schon etwas bescheidener aus. Ich bin nämlich komplett der Überzeugung verfallen, dass mein Leben eines Tages an einem Anschlagbrett eine entscheidende Wendung nehmen wird. Ich kann deshalb auch an keinem schwarzen Brett vorbeigehen, ohne von der unauffälligsten Annonce Notiz zu nehmen. «Druckerschwärzesüchtig!», höre ich meine Freundinnen spotten. Doch es ist nicht nur das. Jedes Mal nähere ich mich den Kleinanzeigen in der Bibliothek oder dem Quartier-Migros wieder aufs Neue in der idiotischen Annahme, eine Annonce zu erspähen, die mich richtiggehend «anspringt». Bei der sich sofort die innerliche Gewissheit einstellt: Das ist es. Doch meistens steht da ziemlicher Mist. Menschen suchen Sofas oder sammeln alte Schreibmaschinen. Solchen Kram. Vergeblich habe ich bisher auf die Anzeige mit lebensveränderndem Potential gehofft. Die Latte ist auch ziemlich hoch gesteckt. Eine Stelle auf einem Kreuzfahrtschiff oder ein freies Plätzchen in einem Schriftsteller-Häuschen in der Toskana müsste es schon sein. Irgendetwas verrücktes, nicht allzu alltägliches! Dabei habe ich früher am Schwarzen Brett meiner Schule noch nicht mal gebrauchte Schulbücher erstanden. Ich halte es wie die manischen Lottospieler, die in ihrem ganzen Leben noch nicht mal einen Fünfliber gewonnen haben: Ich bewahre mir meinen unerschütterlichen Glauben in den eigenen Aberglauben.

Erschienen im "Winterthurer Stadtanzeiger" vom 7. April 2009

Dienstag, 31. März 2009

Zwischen Büchern

amazonen_negativMeine Amazonen-Freundinnen und ich werden von ganz unterschiedlichen Interessen geleitet. Im Grunde jedoch verfolgen wir alle das gleiche Ziel: Es geht uns darum, uns selbst zu verwirklichen. Es ist dieses Gefühl der Schöpfungswonne, von dem wir einfach nie genug kriegen können. Die Römerin sucht ihren Selbstausdruck in der Fotografie, die Eremitin malt Bilder und macht Improvisationstheater, Lockenkopf sprüht vor Ideen beim Basteln und Gestalten und Kaktusblüte liebt es, gemeinsam mit Kindern etwas zu erschaffen. Doch ich mag Kinder nicht besonders, ich hasse es zu basteln und fürs Malen und Theater spielen habe ich erst recht kein Talent. Dafür liebe ich schreiben und lesen.

Kaktusblüte wiederum hasst das Lesen. Sie hat ihr Lebtag noch keine zehn Bücher gelesen. Unvorstellbar für mich! Wie also finden wir gegenseitig Zugang in unsere Reiche? Kaktusblüte wird nie verstehen können, wie ich empfinden muss, wenn ich die Gesamtausgabe meines Lieblingsphilosophen Montaigne in den Händen halte, die gut 500 Seiten umfasst. Wie gut sich dieser überdimensionierte Schmöker in meinen Händen anfühlt und wie mich das plötzliche Drängen erfasst, mit diesem Buch der Bücher unter dem Arm durch die Winterthurer Marktgasse zu stolzieren. Ich bin verrückt. Aber das sind wir alle, wenn es um unsere Obsessionen geht. Es ist normal, dass es uns bewegt, wenn wir so nah an dem dran sind, was uns ausmacht.

Letzte Woche im Kellergeschoss der städtischen Bibliothek wurde mir plötzlich bewusst, dass meine Freundin Kaktusblüte, obwohl sie mich und mein Innenleben so gut kennt, keine Ahnung davon haben muss, dass ich mich in meinem Alltagsleben regelmässig an diesem Ort aufhalte. Es ist der Platz, wo Bücher aufbewahrt werden, die nicht so häufig ausgeliehen werden. Wahrscheinlich hat sie keine Ahnung, wie es dort, im Bauch der Bibliothek, aussieht, wie es riecht. Wie still es ist. Sie weiss nicht, dass die Regale bis zur Decke reichen und proppenvoll sind mit Büchern. Die Regale sind verschiebbar. Damit man zum gewünschten Regal herankommt, dreht man an einem grossen Rad. Eine Luke öffnet sich, während sich die bisherige schliesst. Meine Freundin kann nicht wissen, dass ich jedes Mal, wenn ich an diesem Rad drehe, einen Moment lang fürchte, jemanden in der sich schliessenden Luke zu erdrücken. Einen anderen Bibliotheksbesucher, der im falschen Moment geräuschlos geatmet hat. Doch betritt man erst mal die Luke, ist das alles vergessen. Auf beiden Seiten des Ganges türmen sich die Bücher meterhoch. Ein Gefühl des inneren Friedens flutet mich.

Kaktusblüte würde nicht so empfinden. Doch ich bin mir sicher, wenn ich sie mitnähme, meine Freundin Kaktusblüte, sie würde sich sehr über dieses Rad amüsieren, mit dem sich die Regale wie von Zauberhand öffnen und schliessen lassen. Von Büchern erdrückt zu werden! Auch diese Vorstellung würde sie vermutlich belustigen. Sie würde alles mit dieser kindlichen Unschuld betrachten, die denen eigen ist, die keinerlei Bezug zum Objekt haben, das sie betrachten. Und dann würde sie sich zwischen zwei Regale stellen und ich würde ganz vorsichtig am Rad drehen, bis ihre Nasenspitze fast von einem Buchrücken platt gedrückt würde. Wir würden losprusten und uns die Bäuche halten vor lachen.

Ich hätte ihr einen Ort gezeigt, der sehr viel darüber aussagt, wer ich bin. Damit hätte ich ihre Welt mit einer Erfahrung bereichert, die ohne mich nie ein Gesicht bekommen hätte. Denn genau dafür sind Freundinnen da. Sie bereichern unser Universum, lassen uns an einer Welt teilhaben, zu der wir ohne sie keinen Zugang hätten. Sie sorgen dafür, dass wir nicht so ignorant durchs Leben gehen müssen, in der Meinung, alle würden gleich empfinden. Ich bin froh, dass nicht alle meine Freundinnen Büchernarren sind. Es macht mich nicht einsam. Im Gegenteil: Es bereichert mich, meine Welt durch ihre Augen zu sehen.

Montag, 30. März 2009

Pantoffelheldin: Chillen oder Parikrama?

Meine Hobbys sind Matrosenpostkarten sammeln, Fähren fahren und nachdenken. Ja, ich würde Denkarbeit tatsächlich als eine meiner Lieblingstätigkeiten bezeichnen. Doch auch wer keine heimliche Leidenschaft dafür hegt: Nachdenken ist ein fundamentales Bedürfnis des Menschen. Eine Frau, die ich kenne, muss zum Nachdenken unbedingt liegen. Wenn Mutti also wieder einmal flach auf dem Sofa liegt, spüren die Kinder intuitiv, dass jetzt ein ganz schlechter Moment ist für die geplante Papierfliegerattacke. Ich hingegen kann am Besten nachdenken, wenn ich in Bewegung bin. Auch der Philosoph Nietzsche soll einst gesagt haben: «Nur die ergangenen Gedanken haben wert.»

Ich wette, selbst Goethe hat auf der Suche nach der richtigen Formulierung ganze Wälder durchstreift! Sein ständiger Begleiter müsste demnach ein Spazierstock mit geschnitztem Löwenkopfknauf gewesen sein – jedenfalls finde ich Gefallen an dieser Vorstellung. Dichter sind doch die geborenen Spaziergänger. In der freien Natur können wir den Kopf frei machen, leer werden. Doch nicht nur das. Meistens nehmen wir einen Weg unter die Füsse, weil wir einen Weg in uns selbst zurücklegen möchten. Dieses Wissen ist uralt, bereits den christlichen Pilgern im Mittelalter ging es auf dem Jakobsweg genau darum. Sie sehnten sich nach Einkehr, was sie sich davon versprachen, war die Nähe zu Gott. Interessant dabei finde ich, dass eine Freundin von mir als Christin gerne von A nach B marschiert. Wie die Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Ich hingegen bewege mich lieber in einer Runde. So «umkreise» ich also das kleine Dorf, in dem ich lebe, auf einer bestimmten Route, wenn ich nachdenken möchte. Ich komme wieder an den Ursprungsort zurück, am liebsten in leicht veränderter «Form», verursacht von der getanen Denkarbeit. Dieses Rundendrehen spielt, wie ich erstaunt feststelle, in der hinduistischen und der buddhistischen Religion eine zentrale Rolle. Gläubige umkreisen auf so genannten Parikramas im Uhrzeigersinn heilige Schreine und Tempel, manchmal ganze Tage lang.

Körperliche Bewegung als Mittel zur Einkehr scheint also etwas sehr Archaisches zu sein, das wir intuitiv machen. Doch wie wir es tun, ist vielleicht kulturbedingt. Die Parikramas passen zu einer Religion mit dem Prinzip der ständigen Wiedergeburt. Der beschwerliche Pilgerweg zur heiligen Stadt hingegen ist typisch für eine Religion mit dem Prinzip von Leiden und Erlösung. Und die Frau, die zum Nachdenken auf dem Sofa liegt?! Wahrscheinlich ist sie Anhängerin der Chiller-Kultur, und ich als Pantoffelheldin habe noch einiges von ihr zu lernen!

Montag, 16. März 2009

Das Turnschuh-Vakuum

364936_R_B_by_Jutta-Grashof_pixelio-1-de Meine Lage ist misslich, stecke ich doch gerade mitten in einem Turnschuh-Vakuum. Eine Turnschuh-Ära meines Lebens ist zu Ende gegangen (Adidas, schwarz mit drei gelben Streifen, aufgerautes Leder) und eine nächste hat noch nicht begonnen. Meine Adidas-Treter und ich verbrachten während der letzten eineinhalb Jahre eine schöne Zeit zusammen. All diese Monate hinweg haben meine Alltagsschuhe mich wortwörtlich auf Schritt und Tritt begleitet. In ihnen habe ich unzählige Kilometer zurückgelegt, sie wurden Zeuge all meiner ausserhäuslichen Aktivitäten, sie waren mit mir in Zügen, Schiffen und auf Bergspitzen unterwegs, in ihnen habe ich mit Menschen geplaudert und gelacht, eine Kellertreppe rot gestrichen (rote Farbspritzer zeugen davon) und asiatischen Boden berührt. Spuren meiner Geschichte sind an ihnen haften geblieben, an ihnen hat sich Erinnerung materialisiert. Dennoch blieb mir vorige Woche nichts anderes übrig, als sie mit einem schweren Stossseufzer zu entsorgen – zwei grosse Löcher hatten sich in die Schuhsohle gefressen.

Ein Schuhpärchen ist ein Bekleidungsgegenstand mit Symbolgehalt. Ich kenne Leute, die sich deshalb beim besten Willen nicht von einem geliebten Paar alter Schuhe trennen können, seien sie auch noch so löchrig: Schuhe können Teil der eigenen Geschichte, der eigenen Identität sein, die man nicht einfach leichtfertig in den Mülleimer wirft. Ich habe allerdings auch schon das Gegenteil erlebt: Einmal sind ein paar ganz hübsche und noch ziemlich neue Turnschuhe über Umwege in meinen Besitz gelangt. Ihre ursprüngliche Besitzerin – eine entfernte Bekannte von mir – wollte sich von ihnen trennen, weil sie mit Erinnerungen an eine verflossene Liebe verknüpft waren. Aus diesen Schuhen war sie hinausgewachsen – oder herauskatapultiert worden. Gleichzeitig fühlte sie sich jedoch innerlich noch nicht dazu bereit, die Schuhe und die damit verbundene Erinnerung an diesen Menschen einfach so fortzuwerfen. Solche Schuhe trägt man in Ehren – weil man genau weiss, dass sie von der ureigenen Geschichte eines Anderen erzählen.

Unter diesen Vorzeichen ist es auch leicht zu erklären, warum Turnschuhe nicht einfach im Vorübergehen gekauft werden können wie ein T-Shirt oder eine Hose. Ein Turnschuhkauf muss wohlüberlegt sein, immerhin markiert das neue Schuhwerk die nächste Ära des eigenen Lebens. Welche Erfahrungen wird man in ihnen machen? Und welche Farbe ist dafür die richtige? Einst habe ich mich in roten Turnschuhen wahnsinnig gut und selbstbewusst gefühlt. Und ich erinnere mich auch noch genau an die dazugehörende Lebensphase. Dieses Mal steht mir der Sinn mehr nach Turnschuhen in weiss – mit farbigen Streifen. Keiner weiss warum. Aber ich werde solange suchen, bis ich das perfekte Paar gefunden habe, mit dem ich meine Reise auf diesem Weg fortsetzen will. Denn zu dritt sind wir ein unschlagbares Paar.

Bild: Pixelio / Jutta Grashof

Dienstag, 10. März 2009

Was machen Marroniverkäufer im Sommer?

amazonen_negativEine berechtigte Frage angesichts erster sehr zaghafter Versuche eines Frühlings. Kaum setzt die erste grosse Schneeschmelze ein, verschwinden die Marroniverkäufer genauso plötzlich wieder aus dem Strassenbild, wie sie im Herbst plötzlich da waren. Und manch einer mag sich vielleicht die Frage stellen, wie sie ihre Zeit verbringen, nachdem sie die letzten Monate über jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang Schneeböen und Minustemperaturen getrotzt haben. Höchste Zeit also, den fliegenden Maronen-Händlern Anerkennung zu zollen und ihnen einige Zeilen zu widmen.

Vor einigen Tagen ist mir «33 Fragen» in die Hände gefallen, einen Fragekatalog, den ich einmal aus einer Laune heraus zusammenstellte und an meine Freundinnen schickte. Frage Nummer 17 lautet: «Wärst Du gerne einmal Marroniverkäuferin?» Ich bilde mir manchmal ein, eine natürliche Begabung dafür zu haben, die richtigen Fragen zu stellen – doch mit Verlaub: Sogar Publizistikstudenten im ersten Semester würden geringschätzig über so eine Frage in einem Fragebogen lächeln, ist sie doch geschlossen gestellt, man kann sie also leicht mit einem simplen «ja» oder «nein» beantworten. Mist. Mist. Mist. Umso mehr überraschte es mich, wie ungemein dicht die Antworten meiner Freundinnen ausgefallen waren. Mit einer so simplen Frage ergründet man das Wesen eines Menschen manchmal besser als mit jeder vorgefertigten Standardfrage aus dem Psychologie-Handbuch.

Meine Freundin Lockenkopf zum Beispiel schreibt: «Nein eigentlich nicht, ich würde sie lieber sammeln». Diese Antwort passt wie die Faust aufs Auge zu meiner Freundin Lockenkopf, die an Ostern das «Nestli» jedes einzelne Jahr innert Sekunden findet. Ich sage das mit einem gewissen Neid, aus gutem Grund, ist Lockenkopf doch eine grosse Finderin, ohne wirklich eine Suchende zu sein. Bei mir ist es eher umgekehrt, ich bin eine Suchende, aber Finden gehört nicht zu meinen Stärken. Deshalb bin ich auch immer die Allerletzte, die das «Nestli« findet, während meine Freundinnen mir bei meiner verzweifelten mit guten Ratschlägen zur Seite stehen und sich gleichzeitig krumm lachen. Meine Antwort auf die Frage 17 lautet: «Nein. Es ist mir zu kalt. Aber es wäre gut, um Umfragen zu machen. Ich würde pro Tag einer Fragestellung nachgehen. Aber wahrscheinlich wären meine Kunden damit überfordert und ich hätte bald keine mehr.»

In eine ganz andere Richtung geht die Römerin. Sie sagt: «Ja mich würde Wunder nehmen, ob ich frieren würde.» Das lässt auf eine grosse Experimentierfreudigkeit schliessen, die gut zu einer Frau passt, die sich gerne selbst neu erfindet. Schliesslich denken wir alle, dass wir frieren würden. Mit letzter Gewissheit können wir das doch aber nur sagen, wenn wir es selbst ausprobiert haben. Im Gegensatz zu uns anderen ist es für die Römerin eine Selbstverständlichkeit, als Gegeben Betrachtetes in Frage zu stellen. Meine Freundin Kaktusblüte schliesslich antwortet: «Ja, aber nur für ein Tag oder eine Woche, und nur wenn die Sonne scheint, wenn es regnet hätte ich keine Lust. Ich finde den Marroniverkäufer zuoberst in der Marktgasse sieht immer sehr zufrieden aus.» Kaktusblüte also offenbart sich als Schönwetter-Marroniverkäuferin, was gut zu einer Frau passt, die offen für vieles ist, solange die Rahmenbedingungen stimmen. Sie spricht auch von ihrer Beobachtung, wie zufrieden Marroniverkäufer wirken. Das erinnert mich an den Abreisskalender für den Monat März. Darauf steht: «Schöne Dinge für den Sommer planen, aber auch das Jetzt geniessen, das ist Lebenskunst.» Vielleicht sind wir dem Geheimnis der Marroniverkäufer ja schon ganz dicht auf der Spur. Was sie im Sommer machen, wissen wir zwar immer noch nicht. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so furchtbar wichtig.

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Chalid al-Chamissi
Im Taxi: Unterwegs in Kairo

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