Donnerstag, 4. Dezember 2008

Zitronenbäume für den Gin Tonic

«Ich mag Alkohol nicht.» Diesen Satz hat kürzlich jemand zu mir gesagt, was mich im ersten Moment irritierte und dann sehr beeindruckte. «Ich rauche nicht», das ist unterdessen gesellschaftlich salonfähig geworden, und wenn jemand aus ideologischen oder religiösen Gründen keinen Alkohol trinkt, hat die Begründung entsprechendes Gewicht. Doch Alkohol zu meiden, weil er ganz einfach den persönlichen Geschmack nicht trifft, hat etwas Revolutionäres. Es ist nun mal nicht zu ändern, dass Alkohol in unserer westlichen Gesellschaft eine soziale Funktion hat. Man degradiert sich zumindest teilweise zum Aussenseiter, wenn man während einer durchzechten Nacht mit Freunden die Finger von der Flasche lässt. Im Übrigen habe ich mich schon oft gefragt, ob all jene, die an Bierflaschen nippen, das bittere Gesöff tatsächlich mögen.

Zitronenbaum
Bildquelle: Pixelio

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Wie gern würde ich mich lässig über die Bartheke lehnen und eine Stange bestellen. Ich finde das cool! Doch ich hasse Bier, ich hasse auch Cocktails aller Art (wenn nur der Alkohol darin nicht wäre…), ich bin sehr heikel was Weisswein betrifft und bereits vom ersten Glas Rotwein (den ich als einziges alkoholisches Getränk vergöttere) bekomme ich eine rot-violette Zunge. Als wäre es nicht schon genug, dass das einfach total unerotisch wirkt, sehe ich mit einer solchen Zunge auch noch aus wie der hinterletzte Alkoholiker nach dem zehnten Glas! Dabei bin ich wirklich weit davon entfernt, dem Alkohol anheim zu fallen. Es ist wie verhext, mit mir und dem Alkohol. Doch das alles ereignete sich, bevor der Gin Tonic in mein Leben trat.

Letztes Wochenende wäre ich nämlich endlich soweit gewesen. Der Samstagabend zog ins Land und meine Freundinnen und ich besuchten eine Veranstaltung, an der ein Trinkgelage aus Gründen, die ich hier nicht näher erläutern möchte, ganz einfach dazu gehört. Und ich war bereit für den Satz. Ich war bereit zu sagen: «Ich mag Alkohol nicht.» Doch das Schicksal hatte etwas anderes mit mir vor und liess mich just in diesem Moment den Gin Tonic entdecken. Und ich habe das unbestimmte Gefühl, dass er so schnell nicht mehr daraus verschwinden wird. «Sogar die Queen trinkt Gin Tonic», sagte die freundliche Kollegin, die mich in die Welt des Gin Tonics einführte. Wow….das hat Stil!

Es ist schon seltsam, wie lange es manchmal dauern kann, bis wir in einem bestimmten Lebensbereich das finden, was uns wirklich entspricht. Ich meine, wie viele Abende in meinem Leben habe ich bereit damit zugebracht, unschlüssig über der Getränkekarte zu brüten um zwischen den Verdikten «zu klebrig», «zu bitter» oder «zu süss» eine qualvolle Wahl zu treffen. Das alles wäre gar nicht nötig gewesen, hätte ich den Gin Tonic bereits gekannt!

Restlos überzeugt von der Theorie, dass der Gin Tonic mich auf meiner Reise, die mein Leben bedeutet, eine Weile begleiten wird, hat mich heute ein Gespräch mit einem sehr fröhlichen Mann am Flughafen. Er erzählte mir rundweg heraus, er sei nun im Pensionsalter und würde jetzt «der Sonne nachreisen». Er befand sich gerade auf dem Weg nach Neuseeland, wo er ein Häuschen besitzt. Als nächstes erzählte der rüstige Rentner ganz unvermittelt, dass er zwei Zitronenbäumen im Garten stehen habe, wo er die Zitronen frisch vom Baum pflückt, und jetzt kommts: «Für den Gin Tonic!» Dabei strahlte er über das ganze Gesicht.

Der fröhliche Rentner berichtete mir ausserdem noch von seiner Haushälterin und Zitronenbaumgärtnerin, die vom Gin Tonic immer ganz «truuurig» werde. Er rollte dabei das «r» und zog das «u» in die Länge, so wie es in manchen Dialekten üblich ist, was dem Gefühl, wie ich finde, sehr gerecht wird.
Ich kann nur für mich sprechen, aber mein allererster Gin-Tonic-Abend vom letzten Wochenende machte mich ausgesprochen heiter. Wenn alles gut geht, werde ich in Zukunft lässig über die Theke lehnen und einen Gin Tonic bestellen. Das hat Stil. Und das Beste ist, dass ich mir dabei erst noch vorgaukeln kann, dass ich meinen ursprünglichen Plan in die Tat umsetze und abstinent lebe. Schliesslich ist der Gin Tonic so klar, dass er aussieht wie Mineralwasser. Erst recht, wenn noch eine Zitronenscheibe darin schwimmt. Ich muss mich dringend über winterharte Zitronenbaumsorten informieren.

Dienstag, 2. Dezember 2008

Antraben zum Anschauungsunterricht

Ein Schaufenster zu dekorieren ist hohe Kunst. In der kleinen Stadt, die wir alle gut kennen, lohnt sich ein kleiner Anschauungsunterricht ganz besonders. In eben dieser kleinen Stadt existieren zwei Auslagen, die unter seinen Bewohnern immer wieder für Gesprächsstoff sorgen. Längst sind sie zu Fixpunkten im kleinstädtischen Alltagleben geworden. An Markttagen flüstern sich ältere Damen zwischen Blumenkohl und Lauchgemüse zu: «Häschs neue scho gseh?» Entnervte Väter zerren ihre plärrenden Kinder hinter sich her und setzen sie für fünf Minuten vor eines der beiden Auslagen – je nach Bedarf als Trostmittel oder Bestrafung. Denn, welch Ironie, die beiden Schaufenster liegen unmittelbar nebeneinander. Und während das eine durch Stil und Witz besticht, zieht das andere die Blicke der Passanten auf sich durch seine – es sei mir verziehen – abgrundtiefe Hässlichkeit. Man kann es auch nicht als saisonalen Schnitzer entschuldigen, ich beobachte dieses Phänomen schon länger. Die Scheusslichkeit besagter Schaufensterdekoration ist ein sicherer Wert in unsicheren Zeiten. Die Laubbäume im Stadtpark verlieren ihre Blätter, der Bretterverschlag des Brunnens im oberen Graben wird verhämmert, ein Dekorationswechsel drängt sich auf – doch während das eine Fenster hässlich bleibt, setzt man im Nachbarhaus dekorationstechnisch zum nächsten Höhenflug an. Ein Anblick, vom Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Und wir möchten es auch gar nicht. Solche Kleinigkeiten sind es doch, die die kleine Stadt, die wir alle so gut kennen, zu dem macht, was sie ist: Hoffnungslos unperfekt, und genau deshalb so liebenswert.

Erschienen im Winterthurer Stadtanzeiger, 25. November 2008

Dienstag, 25. November 2008

The flying hairstylist

amazonen_negativSelbst als Erwachsene kommt es noch vor, dass uns der Spieltrieb packt. Dann ist Kaktusblüte meine Spielgefährtin, die zu mir rüberkommt und mit mir «Kwoiförlis» spielt. Der einzige Unterschied zu Rollenspielen bei Kindern besteht darin, dass wir Erwachsenen die Haare tatsächlich schneiden. Kaktusblüte hat dafür sogar eigens eine Zickzack-Schere, was mir grossen Eindruck macht. She is the flying hairstylist. In grossen Lappen fällt mein Haar von mir ab, denn es ist dick, leicht gewellt und in rauen Mengen vorhanden. Das ist auch der Grund, sagt Kaktusblüte, warum sie sich überhaupt an meine Haare traut: Allfällige Ausrutscher seien bei mir nicht so leicht erkennbar. Die Ursache für dieses Haarkunstexperiment in den eigenen vier Wänden liegt nicht nur bei meiner enormen Sparsamkeit (um nicht zu sagen meinem nackten Geiz), sondern ist in erster Linie meiner angeborenen Abneigung gegen Haarspray geschwängerte Salons zuzuschreiben. Oder vielleicht sind mir in meinem Leben einfach zu viele böswillige Haarschneider begegnet, die mir zu viele katastrophale Frisuren verpasst haben. Seit ich bei «Chez Kaktusblüte» bin, passiert mir das nicht mehr. Seit sie bei mir die Schere ansetzt, heimse ich nur noch Lobhudeleien ein für meine Haarpracht…..so muss es sein!

Doch Kaktusblüte ist nicht nur im Departement Schönheit tätig. Auch zupacken kann sie. Dann fährt sie mit ihrem schnittigen Kleinwagen auf meinen Vorplatz, den Akkubohrer im Kofferraum, und im Nu ist der Mobitare-Schreibtisch oder der Ikea-Wandschrank zusammengebaut. Ja, richtig gehört, sogar einen Akkubohrer besitzt sie – einen handlichen, zusammenklappbaren. Und ich liess mich noch von einer lächerlichen Zickzack-Schere beeindrucken! Seit die Akkubohrer-Ära angebrochen ist, bin ich überzeugt, dass es Kaktusblüte in der Heimwerkerwelt weit bringen wird. Obwohl wir in feministischen Zeiten leben, kann noch nicht jeder Mann uneingeschränkt akzeptieren, dass eine feingliedrige, schlanke Person ihn im Dübeln und Nageln alt aussehen lässt. Anlässlich von Umzugsarbeiten bei Freunden wurde das schon mehrfach augenscheinlich. Deshalb hier nochmals für alle zum Mitschreiben: Es ist eine Frage des Talents, und nicht des Geschlechts. Kaktusblüte illustriert das auf eindrückliche Art und Weise, hantiert sie mit der Zickzack-Schere doch genauso geschickt wie mit dem Akkubohrer. Wie einfach es doch theoretisch wäre, einschränkende Geschlechterrollen hinter sich zu lassen und sich bei der Zügelarbeit stattdessen über die Süssigkeitenschublade herzumachen! Wie man das macht, können sich die Männer dann bei Lockenkopf abschauen.

Beitrag auch auf tink.ch

Dienstag, 11. November 2008

Die Fürstin der Liebesbriefe

amazonen_negativIn Lockenkopfs Besitz befindet sich etwas, das mich vor Neid erblassen lässt: Eine Liebesbrief-Box. Darin hat sie sämtliche Liebesbriefe aufbewahrt, die sie jemals bekommen hat. Viele davon sind seriöse Liebesbriefe ihres Freundes, Tinte gewordene Gefühle. Der ganze Rest stammt von Verflossenen aus längst vergangenen Teenagertagen, denen Lockenkopf längst keine Träne mehr nachweint. Sie haben heutzutage nur noch unterhaltenden Wert und sind daher auch für uns Freundinnen offen einsehbar. So kommt es vor, dass wir im Halbkreis um die Box sitzen, den Kopf tief vornüber gebeugt und uns gegenseitig plumpe oder jugendlich überhitzte Liebesschwüre vorlesen – was für ein Spass!

Manchmal ärgert sich Lockenkopf auch noch nachträglich über ihre einstigen Liebhaber. Liebesbriefschreiber C. zum Beispiel, «der konnte nicht mal seinen eigenen Namen richtig schreiben!», ereifert sie sich dann. Schludrig verfasste Liebesbriefe sind Lockenkopf ein Gräuel. Rechtschreibefehler oder eine nachlässige Handschrift sind für die Liebesbrief-Fürstin ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich der Betreffende einfach zu wenig Mühe gegeben hat. Auch wenn ihr Verhalten leicht divahafte Züge angenommen hat (nicht jeder kann schliesslich mit einer ganzen Liebesbriefe-Box aufwarten), gehe ich doch grundsätzlich mit ihr einer Meinung: Eine schöne Handschrift oder eine ansprechende Schreibe können die Qualitäten eines Mannes adeln. Was die Männerwelt vielleicht in Erstaunen versetzen wird: Eine Schönschrift hat erotische Wirkung, verleiht dem Mann Glanz und bringt dem Betreffenden somit viele Bonuspunkte ein. In digitalisierten Zeiten mit sms und E-Mail ist es allerdings etwas schwierig geworden, an solche wertvollen Indizien heranzukommen.

«Das waren noch Zeiten, als man sich noch Liebesbriefe geschrieben hat!», seufzte Lockenkopf vorige Woche verträumt. Verständlicherweise weint sie dem vergangenen Liebesbrief-Zeitalter heute noch nach. Wäre ich Besitzerin einer solchen Box, mir würde es ähnlich ergehen. Doch in meiner Liebesbriefe-Box herrscht leider gähnende Leere, ein tiefes schwarzes Nichts starrt mir entgegen. Ist das Leben gerecht? Schliesslich bin ich doch hier die Buchstabenverrückte! Einmal habe ich der Eremtin mein Leid geklagt. Auf meinen 26. Geburtstag im letzten Mai erhielt ich dann einen von ihr verfassten Liebesbrief an mich. Ich habe geweint vor Rührung! Noch nie in meinem Leben habe ich einen so schönen Brief bekommen. Meinen einzigen Liebesbrief hüte ich wie ein Schatz. Ich bewahre ihn in einer Blechkiste auf, zusammen mit ein paar anderen Dingen, die mir wichtig sind. Und es ist mir schlichtweg unmöglich, ihn ein zweites Mal zu lesen – aus Angst, sein Zauber könnte mich nicht mehr so heftig erfassen wie beim ersten Mal. Ich kann nun auch all die Männer mit den leicht unperfekten Handschriften beruhigen: Wenn der Inhalt stimmt, spielt die Form keine Rolle mehr.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Das Ende der Romantik

Die Amazone sinniert über Liebesszenen in Filmen und warum unsere Erinnerung manchmal trügt.

amazonen_illustration_rot Magische Augenblicke haben ein langes Leben. Noch Jahre später haften sie in unserer Erinnerung. Bei Filmen verhält es sich ganz ähnlich: Meistens ist es nicht der ganze Film, der uns in Erinnerung bleibt, sondern einzelne Sequenzen daraus. Manche Szenen gehen uns so unter die Haut, dass sie uns fast ein bisschen «gehören». Sie erreichen Kultstatus, werden zu etwas mit einer Geschichte und bleiben im Freundinnen-Kollektivgedächtnis haften – bis jetzt und in alle Ewigkeit. Unter den Amazonen ist das zum Beispiel bei der Schlussszene in «Notting Hill» der Fall, als er ihr auf der Parkbank aus einem Buch vorliest, ihr Kopf ist auf seinen Schoss gebettet. Oder die Hebefigur-Szene im Film «Dirty Dancing» – ein absoluter Klassiker! Da schmelzen wir reihenweise dahin – immer und immer wieder. Das ist das Schöne an Filmszenen: Anders als magische Momente im eigenen Leben lassen sich Filmszenen auf Knopfdruck wiederholen.

Auch im Film «Ghost» mit Patrick Swazey und Demi Moore gibt es eine solche Szene. «Die Töpferszene!», schwärmen Kaktusblüte und ich und schmelzen schon beim Gedanken an die Töpferszene dahin wie der Tonkrug auf der Töpferscheibe, der beim Liebesspiel des Paares in sich zusammen fällt. Ultimativ erotisch. Ein Sinneserlebnis der dritten Art. Per SMS lasse ich die Freundin wissen: «Ich schaue mir heute Abend 'Ghost' an. Mit der Töpferzene!» Zufrieden male ich mir aus, wie meine Freundin bei Erhalt meiner Botschaft gedanklich in Begeisterungsstürme ausbrechen wird.

Wie angekündigt mache ich es mir also mit mir selbst gemütlich, kuschle mich in meine Bettdecke und harre voller Erwartung dem, das da kommen wird. An die Handlung des Films habe ich keinerlei Erinnerung mehr, doch die Töpferszene zeichnet sich glasklar vor meinem inneren Auge ab. Zumindest glaube ich das. Eine Viertelstunde nach Filmstart sitze ich wie ein begossener Pudel vor dem Fernsehgerät und fühle mich um das Vorspiel betrogen. Viel zu früh flimmerte die vermeintliche Kult-Szene über die Mattscheibe, und ich hatte gar keine Gelegenheit, mich vor Vorfreude zu überschlagen. Ausserdem ist sie, man kann es nicht anders sagen, ein bisschen gar zahm. Als ich der Eremitin am nächsten Tag mein Leid klage («die waren ja nicht mal ganz ausgezogen!»), meint sie trocken: «Du bist einfach verdorbener geworden.» Ich lache kurz auf und muss im nächsten Momente zugeben, dass sie wohl Recht hat. Seit Kaktusblüte und ich den Film gesehen haben, sind wohl doch einige Jährchen verstrichen. Ein Trost hat mein desillusionierendes Erlebnis: Ich amüsiere mich dieses Mal prächtig über Whoopi Goldberg, die eine Hellseherin spielt und im katastrophalen Deux-Pièce mit ihrem typischen Dackelgang über die Strassen New Yorks watschelt. Es ist beruhigend zu wissen, dass ich in den letzten Jahren vielleicht gewisse romantische Idealvorstellungen eingebüsst, aber dafür wenigstens an Humor gewonnen habe!

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Besser leben Part one

1. Einen Drachen steigen lassen
2. Eine Raupe als Haustier halten
3. Im Urwald aufwachen
4. Eine selbst gemachte Kürbissuppe zubereiten
5. Eine exotische Sprache lernen
6. Spontan einen Fremden küssen
7. Ein Jahr auf einer Insel leben
8. Ein Gedicht auswendig lernen
9. Einen Sommer lang nicht arbeiten
10. Mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren und "Amélie" hören

Dienstag, 23. September 2008

Männer und ihre Bärte

Bei Frauen, die viel Zeit miteinander verbringen, gleicht sich der Menstruationszyklus an. Das lässt sich wissenschaftlich belegen. Was die wenigsten wissen: Auch Männer haben ihre Tage. Tage nämlich, an denen sämtliche Männer einer Schicksalsgemeinschaft (Familie, Freundeskreis) dringend einer Nassrasur bedürfen. Bartstoppel-Alarm! Der Wildwuchs nimmt sich ungefragt sein Recht. Ich spreche aus Erfahrung: Ein längerer Indien-Aufenthalt war barttechnisch äussert lehrreich – zumal ich mich in einer absoluten Männergesellschaft bewegte. Am kaputten familieneigenen Rasierapparat kann es jedenfalls bestimmt nicht liegen. In Indien ist die Nassrasur institutionalisiert: 90 Prozent lässt sich am Strassenrand von einem der zahlreichen vielen fliegenden Barbiere rasieren. Fühlt sich die Männergruppe den Urinstinkten während «den Tagen» ganz besonders ausgesetzt? Haare im Gesicht gelten in (Süd)indien immerhin als ein Zeichen von Männlichkeit. Deshalb lassen sich dort auch so viele Männer einen Schnauz stehen.
Hierzulande macht man sich als Mann mit einer Gesichtsfrisur nicht unbedingt keine Freunde. In Zeiten der metrosexuellen Revolution à la Beckham hat sich der Mann alles abzuscheren, was von Natur aus wieder nachwachsen kann. Und auch ich finde grundsätzlich: Es geht doch nichts über einen frisch rasierten, nach Aftershave duftenden Mann. Da ich bereits Proteste vernehme, räume ich des Friedens willens ein: Ein verruchter Drei-Tage-Bart kann durchaus auch seinen Reiz haben. Doch bei allem Verständnis für alles Zyklusbedingte: Nach drei Tagen ist definitiv Schluss. Schliesslich heisst es nicht ohne Grund Dreitagebart.

Erschienen: Winterthurer Stadtanzeiger, 23. September 2008

Dienstag, 16. September 2008

Vilken tur!

Kann eine Extra- Portion Taubenkot auf dem Kopf Glück bedeuten? Für die Amazonen schon. Doch nicht alle glücklichen Begebenheiten müssen eklig sein.
amazonen_negativ

Ein wenig abergläubisch sind wir doch alle. Deshalb ergreifen wir im Alltag gerne jede sich bietende Gelegenheit, uns etwas zu wünschen. Wir wünschen auf jede Sternschnuppe, die vor unseren Augen durch die Erdatmosphäre flitzt und auf jede lose Augenwimper, die an unserer Wange hängen bleibt. Wir tun das ganz still und leise, nur im privaten inneren Gärtchen hat der Wunsch seinen Platz. Dennoch fragen wir unsere Freundin danach ganz aufgeregt: «Hast Du Dir auch etwas gewünscht? Über den Wunsch selbst schweigen wir uns aus, sonst geht er nicht in Erfüllung – so will es die Volksweisheit. Unter den Amazonen besteht schon seit jeher das Ritual, dass wir uns bei zufälligem simultanem Sprechen (also wenn zwei zur genau gleichen Zeit zufällig genau das gleiche sagen) etwas wünschen dürfen. Dann haken wir uns mit dem kleinen Finger der rechten Hand ein und öffnen uns gegenseitig die verhakten Finger, während wir vor uns hersagen «eins, zwei, drei… Apfel.» Dieses Ritual öffnet uns Tür und Tor zu unseren innersten Wünschen, die wir dann fliegen lassen, hinaus in die Welt, in der Hoffnung, sie mögen auf fruchtbaren Boden fallen.

Doch die Amazonen wären nicht die Amazonen, wenn ihnen das bereits genug wäre. So hat jede von uns Strategien entwickelt, um die Chance zu erhöhen, einen Wunsch frei zu haben. So beharrt Lockenkopf seit Jahren darauf, sich etwas wünschen zu dürfen, wenn einem eine Taube auf den Scheitel kackt. Schliesslich gehört so viel Glück dazu! Seit ein Tigermännchen im Zoo ihrem Freund einmal mitten ins Gesicht pinkelte, verteidigt sie diese Theorie überzeugter denn je (sie hat leider nichts abgekriegt und durfte sich daher auch nichts wünschen…) Während Lockenkopfs Tricks aus dem animalischen Bereich sind, kennt die Eremitin eher Möglichkeiten poetischer Natur: Laut der Eremitin darf man sich nämlich etwas wünschen, wenn man einen Graureiher im Flug sieht. Schliesslich staksen diese Tiere hauptsächlich erhaben auf Feldern herum und wagen sich nur selten in die Lüfte. Das Prinzip scheint also zu sein: Je seltener eine Situation vorkommt, desto mehr ist sie dazu bestimmt, gewisse «magische Kräfte» inne zu haben. Auch ich hatte vor einigen Wochen mein Erlebnis der dritten Art: In der schwedischen Möbelhauskette in Dietlikon wurde ich nämlich von einem Schweden bedient. Von all den tausend Mitarbeitern, die die Ikea sicherlich hat, würde ich ausgerechnet von einem Schweden bedient! Kaktusblüte meinte dann etwas abwertend, das sei gar nicht so selten, wegen Austauschprogrammen und so. Doch ich beharre darauf: Wer in einer Ikea-Filiale ausserhalb von Schweden von einem schwedischen Landsmann oder Landsmännin bedient wird, darf sich etwas wünschen. Oder wie der Schwede sagen würden: Vilken tur! (Was für ein Glück!)

OUT NOW: KUGELBOMBEN UND KAFFEE bestellbar unter buchstabenbazaar@gmail.com

Kugelbombenu-Kaffee_cover

IMPRESSUM

edith.truninger(at)gmail.com Copyright für alle Texte bei der Autorin

Schreiben...

...ist für den Schriftsteller immer die beste aller Möglichkeiten. unbekannt

AKTUELLE BEITRÄGE

Nice website
Nice website
shanayabindra - 23. Mai, 09:13
Ich hatte auch schon...
Ich hatte auch schon einige erste Dates, die nichts...
Jan (Gast) - 31. Dez, 15:13
Neue Website
Please visit my new website under www.edithtruninger.ch
Eduschka - 18. Aug, 20:35
Oh ja... Ich habe eine...
Oh ja... Ich habe eine vierwöchige Reise durch Indien...
Jan Rojenfeld - 15. Aug, 13:51
Revolution
Mein Zuckerwattenverkäufer Neug ier ist eine gute Eigenschaft....
Eduschka - 25. Mai, 12:23
Being 28
Wellen. Brandung. Rückzug Kurz nach dem 11. September...
Eduschka - 25. Mai, 10:40
Besser leben mit...
Frühstück bei Tiffany (Truman Capote) Montauk (Max...
Eduschka - 18. Mai, 14:12
Unser Schleudersitz
Das Leben ist so kostbar. Machen wir etwas draus! Verbringen...
Eduschka - 18. Mai, 14:04

LESE GERADE


Chalid al-Chamissi
Im Taxi: Unterwegs in Kairo

SUCHE

 

About
AMAZONEN-GESCHICHTEN
Besser leben
Betrachtungen
Bsundrigi Ort
Dialog
Essays
Exkursionen in die Tierwelt
Frauen & Männer
Global Ice Cream
Himmel & Meer
Indischer Alltag
Jugend & Alter
Lyrik
Miniaturen
Pantoffelheldin
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren