"Kugelbomben und Kaffee" in der Gemeindebibliothek Dinhard
mit Kaffee und Kuchen
25. Januar 2010, 19.30 und 20.30 Uhr
Eduschka - 25. Jan, 10:53
Prolog
Der Ort, aus dem ich komme, ist ein fruchtbarer Ort: Im Frühling blüht der Raps in einem knalligen gelb, im Sommer steht für einige Wochen der Weizen auf dem Feld, dessen Ähren sich sachte mit dem Wind hin und her bewegen, die unasphaltierten Fahrstrassen, auf denen ich dahinradle, werden von fröhlichen Sonnenblumenfeldern gesäumt. Im Herbst, wenn morgens bereits die ersten Nebelfelder vom Fluss heraufziehen, arbeiten die Bauern auf dem Feld oder in den Reben, die Kartoffeln müssen aus dem Boden und die Weintrauben in die Flasche. Ganz zum Schluss der Erntezeit kommen die Zuckerrüben, riesige Berge von ihnen ragen vom Boden auf und werden in etlichen Ladungen zur nahen Fabrik gefahren. Den ganzen Winter über spucken die Schlote der Zuckerrübenfabrik weissen Rauch aus, der einen eigenartigen Geruch, einen Geruch der Verwesung, verströmt.
Es gibt Ortschaften, die wir bewohnen. Und es gibt Orte, die in uns wohnen. Da könnte es doch sein, dass der Ort, an dem wir aufwachsen, prägend ist für den weiteren Verlauf unserer Entwicklung, ja unseres Lebens. Was für ein Mensch wäre ich wohl heute, wenn ich nicht in einem Rebanbaugebiet mit mildem Klima, sondern in einer Grossstadt wie Zürich oder Genf oder einer Millionenstadt wie Sao Paolo oder Tokio geboren und aufgewachsen wäre? Die Landschaft, die uns umgibt, während wir in diese Welt hineinwachsen, setzt sich in unserer Seele fest, sie prägt uns für immer – ob wir das möchten oder nicht.
Menschen widerspiegeln mit ihrem Wesen den Charakter der Landschaft, die sie bewohnen. Deshalb sagt man den Bergleuten etwas Raues, Herbes nach – überall auf der Welt. Ein Tal in den Schweizer Alpen, wo im Hochwinter einen Monat die Sonne nicht hinkommt oder ein Küstenstädtchen am Meer mit freiem Blick auf den Horizont kann nicht den gleichen Schlag von Menschen hervorbringen.
Und aller Wahrscheinlichkeit nach werden diese Menschen einen ganz unterschiedlichen Zugang haben zum Thema Grenzen. Ein Bergler wird sich wahrscheinlich am Meer nicht besonders wohl fühlen. Diese grenzenlose Weite des Horizonts scheint ihn zu verschlingen, schwimmen hat er vielleicht nie richtig gelernt, für ihn hat das Meer etwas Todbringendes. Er weiss nicht, was in diesen Untiefen des Wassers noch alles lauert, er hat Angst vor Unterströmungen. Der Flachländer hingegen wird sich wahrscheinlich in den Bergen nicht besonders wohl fühlen, dieses viele Weiss des Schnees wirkt todbringend auf ihn, er hat Angst, den Boden unter den Füssen zu verlieren und fürchtet sich vor Lawinen. Die Schatten, die die nahen Berge werfen, machen ihm Angst.
Jeder Ort hat eine ganz bestimmte Atmosphäre, erzeugt eine gewisse Stimmung in uns. Fühlen wir uns an einem Ort nicht wohl und können wir doch nicht genau sagen weshalb, liegt es oftmals an der Grundstimmung des Ortes, der so gar nicht im Einklang ist mit unserer eigenen seelischen Grundstimmung. Vielleicht hat es nicht nur mit der Landschaft allein zu tun, sondern auch mit der Geschichte des Ortes. Auf einer Vietnam-Reise stellte ich fest, dass dieses Land aus irgendeinem Grund eine ganz eigenartige Melancholie ausstrahlt, die ich mir eigentlich nur mit seiner kriegsgeschüttelten Vergangenheit erklären konnte. Als Kind haben wir dieses Gefühl vielleicht «Heimweh» genannt, aber eigentlich trifft es das nicht. Es ist eher ein Gefühl der Entfremdung, ein Gefühl, nicht «bei sich» zu sein, aus dem Tritt zu sein. Dann krampft sich unser Inneres zusammen und wir möchten nur noch weg. Graue Vorstädte mit schnurgeraden, nie enden wollenden Strassen... schnell weg!
Aber natürlich gibt es auch die anderen Orte. Einladende Orte, die auf uns wirken wie lächelnde Freunde, die uns nach einer langen Reise Willkommen heissen. Den schönen, den ursprünglichen Orten entstammen nicht selten auch Menschen, die sich beruflich mit Schönheit befassen: Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Oder Sänger. Die britische Sängerin und Brit-Award-Gewinnerin Duffy kommt aus einem kleinen walisischen Dorf direkt an der Küste. Wegen ihres Berufes heisst sie im Dorf nur «Duffy Cantoress», also «Duffy, die Sängerin». Nefyn hat gerade mal 2500 Einwohner, abends trifft man sich im einzigen Pub des Dorfes. Was Musik und Mode angeht, lebe man in Nefyn ein bisschen hinter dem Mond, lässt sich die Sängerin zitieren, «dafür ist die Landschaft sehr schön. Grüne Hügel, viele Seen und natürlich das Meer.»
Duffy als Beispiel einer Künstlerin, die auf dem Land lebt, ist nur eines unter vielen. Aber ihres ist, wie ich finde, ganz besonders charmant. Und es öffnet Räume für neue Gedanken: Warum leben so viele künstlerisch tätige Menschen in ländlicher Umgebung? Kann sich unser Geist erst dann zu neuen Höhen aufschwingen, wenn wir den Horizont sehen können und nachts die Sterne? Welchen Einfluss hat die Stille? Und die Spuren von Katzenpfötchen im Schnee? In der Stille – in der Einkehr - sind wir eher dazu gezwungen, uns auf uns selbst zu besinnen. In der Stadt werden wir abgelenkt, wir haben Unterhaltung, Abwechslung, das Leben ist schnell und flüchtig. Auf dem Land kommt der Mensch zur Ruhe, er wird gezwungen hinzuhören, auf seine eigene, ganz individuelle Stimme, die aus seinem Innern aufsteigt. Ich frage mich, was für eine Qualität es für die Menschen hat, Vogelgezwitscher zu hören oder die Sterne zu sehen. Es geht um dieses Ursprüngliche. Gleichgültig wie viel die Natur uns bedeutet: Wir alle sollten von Zeit zu Zeit Zeuge davon werden, wie die Sonne aufgeht und ein neuer Tag anbricht. Weil es so etwas Ursprüngliches ist. Weil es darauf hindeutet, woher wir kommen und wohin wir im Begriff sind zu gehen. Und nicht zuletzt, weil es uns erdet.
Ist es wirklich nur ein Zufall, dass auch so grosse Denker wie Gandhi, der indische Freiheitskämpfer, aus einem ganz kleinen Ort kamen? Gandhi stammte aus einem kleinen Küstendorf am arabischen Meer und stieg in die Weltpolitik auf. Vielleicht fällt es in der Ruhe und Abgeschiedenheit einer Landschaft, die noch nicht von Menschenhand gezeichnet ist, leichter, unabhängig zu urteilen und innere Freiheit zu erlangen. Wie ein roher Diamant kann ein Charakter in der Ursprünglichkeit einer Landschaft abgeschliffen werden, weil es nichts gibt, was diesen Prozess beeinträchtigen könnte. Vielleicht sind es aber auch zwei sich eigentlich zuwiderlaufende Eigenschaften, die einen Menschen gross machen können: Mit den Füssen tief in der Erde verwurzelt. Und mit dem Geist hoch oben in den Wolken zu Hause.
Epilog
In Zeiten, in denen Menschen in Südafrika geboren werden, in Bolivien aufwachsen und in Kanada sesshaft werden, weist die Geschichte meiner Familie eine eigentümliche Stabilität aus: Weder meine Grosseltern noch meine Urgrosseltern haben es geschafft, über ihre Rebberge hinauszukommen. Aber das Leben ist gut hier. Die sanften Hügelzüge, die die Landschaft prägen, machen die Menschen sanftmütig und gütig. Dennoch sind sie kräftig und stabil, nichts wirft sie so leicht aus der Bahn. Ungefähr so wie der mächtige Walnussbaum vor dem Haus unserer Nachbarn. Das ganze Dorf hat getrauert, als er gefällt werden musste. Die Leute hier sind wie Bäume, sanfte Bäume. Sie sind einfach da, darauf kann man sich verlassen. Vielleicht hatte es ja einen Grund, dass meine Vorfahren nicht weit gekommen sind. Sie waren ganz einfach klug genug zu wissen, dass es kaum einen Ort geben kann, der schöner ist als dieser.
Eduschka - 15. Jan, 12:47
Bambus und Stofftaschentuch. Vielleicht sind das die Stoffe der Stunde. Bambus als schnell nachwachsender Rohstoff gilt als ökologisch, und die Stofftaschentüchern mit den karierten Mustern sind vielleicht etwas aus der Mode gekommen, aber deswegen nicht weniger ökologisch. Denn gibt es etwas Ökologischeres, als seine eigenen Tränen zu recyceln? Tränen, oder wahlweise Rotz, Popel oder was sonst noch in so ein Taschentuch kommt. Einmal hatte ich das Vergnügen, in den Zipfel eines Stoffnastüechlis zu schneuzen, das ein guter Freund mir gereicht hat. Wenn das nicht wahre Freundschaft ist!
In dieser Hinsicht kann ich mich glücklich schätzen. In meinem Leben gab es bisher immer Menschen, die mir in emotionalen Momenten ein Taschentuch gereicht haben. Denn wie heisst es doch so schön in «Vom Winde verweht»:«Nimm ein Taschentuch, Kind. In den wichtigen Momenten deines Lebens hattest Du nie ein Taschentuch». Ich liebe diesen Satz, weil er so genau auf mich zutrifft. Ich habe nie, aber wirklich nie ein Taschentuch, obwohl ich definitiv zu den Menschen gehöre, die stets eines griffbereit halten sollten. So emotional bewohnt, wie ich bin. Es kann schon entwürdigend genug sein, in public spaces in Tränen auszubrechen, aber aus Mangel eines Taschentuchs auch noch unkontrolliert das Rotzwasser fliessen lassen und mit dem Pulloverärmel abwischen zu müssen – DAS ist wirklich eine Schmach!
Zugegebenermassen kenne ich heute nur noch ganz wenige Menschen, die tatsächlich noch Stofftaschentücher benützen. Mich rührt es jedes Mal von Neuem, wenn ich sehe, wie jemand in seine Hosentasche greift, in aller Ruhe sein kariertes Stofftaschentuch auseinander faltet und einen herzhaften Schneuzer tut. Das ist wie Pfeife rauchen. Oder Steno schreiben. Ein nostalgischer Zeitvertreib, akut vom Aussterben bedroht. Vielleicht wird es irgendwann mal als galant gelten, der Frau statt des Feuerzeugs für die Zigarette das eigene Stoffnastüechli hinzuhalten. Für die Erweiterung meines eigenen kleines Salzsees, den ich in meinem Leben bereits geweint habe, wäre ein Stofftaschentuch als Eindämmung sicherlich von Nutzen. Männer, so könnt ihr punkten! Schliesslich müssen wir alle lernen, besser mit unseren Ressourcen umzugehen. Ein eigenes Stoffnastüechli wäre da ein würdiger Anfang.
Eduschka - 7. Jan, 14:11
Eine Beziehung ist ein Balanceakt zwischen Nähe und Distanz. Manche brauchen viel vom einen, manche viel vom anderen; ein Gegenstand stetiger Aushandlung. Nichts verkörpert diese Wechselwirkung so deutlich wie Hund' und Katz': Ihr Zugang zu Nähe ist völlig unterschiedlich. Eine Katze holt sich Streicheleinheiten, hat aber ihren eigenen Kopf. Sie ist nur dann «verschmust», wenn ihr danach ist. Unabhängigkeit liegt in ihrem Instinkt. Eine Katze kann man unmöglich zähmen. Ganz anders der Hund: Er ist häuslich, anhänglich und beschützend. Und bis auf die Knochen loyal. Ein Mensch des Hundetyps definiert sich über das Du, ein Mensch des Katzentyps will sich nicht auf ein Epizentrum beschränken.
Wie viel wir von der Natur lernen könnten, wären wir nur einsichtig genug! Denn lässt sich ein Mensch des Hundetyps auf einen Mensch des Katzentyps ein, kann das eigentlich fast nur zu wüsten Raufereien führen: Die Katze macht den Buckel und faucht, weil sie sich vom Hund in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlt und der Hund knurrt beleidigt, weil er ihr Unabhängigkeitsdrang als eine Absage an ihn missinterpretiert. Und schon befindet man sich mitten im wildesten Gerangel!
Hund und Katze gehen einfach nicht zusammen, das lehrt uns die Beobachtung seit der Domestizierung der Arten. Und doch versuchen wir immer wieder, die Naturgesetze auszuhebeln, mit unserem Intellekt fühlen wir uns über die Natur erhaben. Es tut daher gut, sich ab und zu wieder einmal in Erinnerung zu rufen: Hunde und Katzen können es einfach nicht miteinander. Von wenigen glücklichen Bauernhoftieren einmal abgesehen.
Eduschka - 4. Jan, 13:50
Es gibt Menschen, die verstehen es auf wunderbare Art und Weise, die kleinen Dinge des Lebens wertzuschätzen. Sie – und nur sie – sollten unsere Lehrer sein. Die Menschen, von denen ich spreche, essen die Himbeer-Speise vor dem Hauptgang oder wählen ihren Arbeitgeber ostwärts aus, um morgens in die aufgehende Sonne zu fahren. Diese Menschen würden das «Schöggeli» zum Kaffee niemals im Unterteller zurücklassen oder den Kinosaal vor dem Abspann verlassen. An der Anzahl derer, die nach dem Ende der Kinovorführung gleich aufspringen, ihren Mantel packen und in die Nacht entschwinden, lässt sich ungefähr messen, wie rar der Genussmensch geworden ist. Sie müssen zurück, zurück zu ihren Terminen, ihren Gewohnheiten, ihrem Alltag. Der Genussmensch hingegen bleibt sitzen, wippt ein bisschen mit dem Fuss zur schönen Abspannmusik; ja vielleicht wischt er sich noch eine Träne aus dem Augenwinkel. Für ihn bedeutet das Leben Hingabe. Er will es auskosten, jeden Moment, bis zu des Bechers Neige. Und dazu gehört auch, sich von der Stimmung eines Films bezaubern zu lassen und noch etwas in diesem Gefühl zu schwelgen, während der Abspann über die Leinwand läuft. Wie schön das Leben doch ist! Sitzen bleiben ist so einfach. Man muss es nur tun.
Erschienen im "Winterthurer Stadtanzeiger" vom 15. Dezember 2009
Eduschka - 22. Dez, 12:39
Komme ich jetzt also auch schon ins Alter, wo man sich für gewisse Dinge einfach «zu alt» fühlt? Bewusst wurde mir das, als ich neulich ziemlich lange in einem Café sass. Und während am Nebentisch zu meiner Rechten ein Pärchen sich leise, dafür mit umso heftigeren Worten stritt, wartete zu meiner Linken eine junge Frau, das Handy am Ohr, auf ihren Mathe-Nachhilfelehrer. «Ich habe jetzt dann gleich Mathe-Nachhilfe», liess sie die Person am anderen Ende wissen. «Also dann bis heute Abend», fügte sie abschliessend hinzu und legte auf. Und dann kam er auch schon atemlos angehetzt, die Nachhilfskraft, kaum älter als sie, vielleicht sogar ihr Mitschüler. Die Nachhilfestunde konnte beginnen. Der Anblick der zwei in ihre Bücher vertieften jungen Leute beflügelte meine Fantasie und ich malte mir aus, wie die beiden sich, über Formeln und Primzahlen gebeugt, ineinander verliebten.
Und plötzlich fragte ich mich: Warum habe ICH mich eigentlich nie in meinen Nachhilfelehrer verliebt? Könnte es eventuell daran liegen, dass ich gar nie einen Nachhilfelehrer hatte? In diesem Moment der Klarheit machte sich die ernüchternde Erkenntnis in mir breit, dass es in meinem Leben kaum mehr je die Gelegenheit geben wird, mich in meinen Mathe-Nachhilfelehrer zu verlieben. Meine Schulzeit ist vorüber und von der Mathematik lasse ich für den Rest meines Lebens besser die Finger. Mädel, dieser Zug ist definitiv abgefahren. Eines der vielen Klischees, die ich ausgelassen habe. Oder besser: Das Klischee hat mich ausgelassen.
Bei der Arbeit erwischte mich nochmals ein Klischee kalt im Nacken: Das Klischee des «Schatzi-Taxis». Wenn die jüngere Arbeitskollegin, ungewohnt heiter bei der Aussicht auf den nahenden Feierabend, geschwind ihren Kram zusammenpackt und zur Tür hinaus tänzelt, federleicht und frisch wie die Sommerbrise am Meer. Grund für die gute Laune: Der (wahrscheinlich ältere), coole Freund mit Lederjacke, der bereits ein eigenes Auto hat, holt sie von der Arbeit ab. Gemeinsam brausen sie davon, die Haare der jungen Frau flattern im Wind. Und ich schaue wehmütig hinterher. Das war doch richtig cool, damals! Heute wäre es für meine Freundinnen kaum etwas Weltbewegendes, käme ich mit einem Lederjacken-Freund mit eigenem Auto daher.
Wohl oder übel müssen wir uns damit abfinden, dass der Zug für gewisse Erlebnisse den Bahnhof bereits verlassen hat – und uns am Bahnsteig zurückgelassen hat. Klischees im passenden Alter sind süss – Klischees, die für ein Alter gedacht sind, das nicht unserem eigenen entspricht, sind einfach nur peinlich.
Eduschka - 9. Dez, 11:32
«Denn alles, was macht braucht, zum Leben und zum Schreiben, sind Liebe und Erfahrungen.»
Aus: Kein Seeweg nach Indien
Eduschka - 7. Dez, 16:53
Wie sehr es uns doch schmeichelt, wenn uns ein Büsi flattierend um die Beine streicht. Oder wenn wir beim Heimkommen bereits an der Türschwelle von unserem Hund abgeholt werden, der freudig mit dem Schwanz wedelt und uns lautstark Willkommen heisst. Hund und Katze sind die Lieblings-Haustiere der Nation. Nutztiere im engen Sinne sind sie zwar nicht, und doch erweisen sie dem Menschen einen wertvollen Dienst: Sie spenden Trost und füllen leere oder leer gewordene Stellen im Innern auf. Sie sind emotionaler Kitt für geschundene Seelen. Warum sonst würde man in psychiatrischen Institutionen Katzen halten? Ein Tier schenkt Nähe; eine sehr einfache Nähe, weil sie äusserst berechenbar ist. Sie wird bestimmt vom Rhythmus des tierischen Urbedürfnisses: Seinem Hunger, seinem Durst, seinem Bewegungsdrang. Ein Tier gibt unmissverständlich zu verstehen, was es gerade braucht. Es druckst nicht herum, schämt sich nicht und redet auch nicht um den heissen Brei. Das macht Tiere nach unserer Auffassung so ehrlich.
Haustiere decken das emotionale Grundbedürfnis des Menschen nach Nähe und Geborgenheit ab. Oftmals schaffen sich Menschen in einer besonders krisengeschüttelten Lebensphase ein Hund oder eine Katze an. Und doch unterscheiden sich Hund und Katze ganz grundsätzlich in ihren «Funktionen»: Eine Katze ist verschmust, aber nur, wenn es ihr passt. Sie flattiert ein bisschen, frisst und geht dann wieder ihre eigenen Wege. Eine Katze kann man unmöglich zähmen. Anders der Hund: Man muss ihn zähmen, man muss ihn «erziehen», und ist das einmal geschafft, wird der Hundehalter mit einer Loyalität belohnt, die seinesgleichen sucht. Je nach Rasse ist auch ein Hund verschmust, doch anders als die Katze ist er es zu jeder Zeit, ohne Ausnahme. Die Partnerschaft zu seinem Herrchen steht bei ihm über allem, sie ist eng, fast schon symbiotisch.
Verlassene Männer oder solche, die von Mitmenschen enttäuscht wurden und eine dicke Mauer als Schutzwall um sich errichtet haben, sind besonders geneigt, sich einen Hund – meistens ein Schäfer – anzuschaffen. «Nimm Dich von einem alleinstehenden Mann mit Hund in Acht», heisst es daher unter Freundinnen. Denn ein solcher Mann sehnt sich nach echter Kameradschaft, und mit einem Schäfer trägt er seinem Bedürfnis nach Nähe Rechnung. Im Gegensatz zur Partnerschaft mit einer Frau ist eine Kameradschaft mit einem Hund jedoch viel sicherer, denn seine Liebessprache ist unmissverständlich. Er schenkt Zuneigung, ohne mehr als Futter zu verlangen, er ist ein wahrer Kamerad. Die Bedürfnisse beider Seiten werden rasch belohnt. Es gibt keine Stadien, keine Prozesse wie bei menschlichen Beziehungen. Es gibt kein Davor, Dahinter und Dazwischen. Keine Schattierungen, keine Grautöne. In diesem Extrem-Stadium ist es diesem Typ Mann nicht mehr möglich, Nähe zu einer Frau zuzulassen. Weil eine Beziehung bedeuten würde, die Kontrolle über seine Gefühle zumindest teilweise aus der Hand zu geben. Doch ein Hunde-Mann braucht diese Kontrolle. Er will sagen können: «Sitz!», und der Hund macht Sitz.
Solche Männer tragen einen Teil in sich, der abzusterben droht. Dieser Teil heisst «Lebendigkeit». Sie nutzen nicht die ganze Klaviatur ihrer emotionalen Möglichkeiten. Es ist ein bisschen so, als würden sie immer nur auf den weissen Tasten des Klaviers spielen. Es entsteht zwar eine Melodie, aber sie ist weit unter den Möglichkeiten, die das Klavier zu bieten hat. Eine richtig schöne Melodie – ihre ganz eigene Melodie – kann eben nur entstehen, wenn sie die Möglichkeiten des Klaviers voll ausnutzten und versuchen, auch auf den schwarzen Tasten zu spielen.
Eduschka - 7. Dez, 16:35
Auf europäischen Weltkarten befindet sich Europa im Zentrum der Karte. Betrachtet man eine amerikanische Weltkarte, ist der amerikanische Kontinent in der Kartenmitte. Das Zentrum unserer Welt scheint also eine Frage des Standpunkts zu sein, auf internationalen Kartografen-Tagungen aushandelbar wie die Relevanz des Reliefs. Was würde nun geschehen, wenn wir für die Dauer eines Lidschlags Indien ins Zentrum der Karte, und damit ins Zentrum der Welt setzen würden?
In einem Punkt sind sich die Kartografen schnell einig: Indien lässt sich kaum mit westlichen Massstäben messen. Die Bedingungen, denen das Land unterworfen ist − die riesige Ausdehnung, die Überbevölkerung, das Klima − sind so extrem, dass sich Indien eigentlich nur anhand seiner eigenen Massstäbe messen lässt. Besucher aus dem Westen zeigen sich oftmals schockiert über den chaotischen Verkehr. Doch für Indien ist nicht von Belang, wie gut der Verkehr fliesst, für Indien ist einzig entscheidend, dass er fliesst. Indien ist, um auf Gerichtssprache zurückzugreifen, in jeder nur erdenklichen Hinsicht ein Präzedenzfall.
In den letzten Jahren hat Indien einen regelrechten Boom erlebt, die Wachstumsraten sprengen die kühnsten Erwartungen, der Mittelstand wächst, der Kontrast zwischen alt und neu ist bemerkenswert, ebenso wie die die Kluft zwischen Arm und Reich. Doch auch im modernen Indien hat sich eines nicht geändert. Indien – das sind vor allem Menschen. Jedes andere Land wäre von so viel MENSCH und so viel sozialer Ungleichheit längst kollabiert. Obwohl dem Leben jedes Einzelnen bei einer Bevölkerungsanzahl von geschätzten 1,1 Milliarden nicht mehr die gleiche Bedeutung beigemessen werden kann, trotz grossem Hunger und bitterer Armut, kann eines nicht unter den Tisch gekehrt werden: Indien pulsiert, ja strotzt geradezu vor Leben, vor Energie! Die ungeheure Vielfalt an allem, was das Leben hergibt, macht die Faszination dieses Landes aus.
Mehr Phänomen denn Land
Doch eigentlich ist es vermessen, von «einem» Land zu sprechen. Indien beherbergt viele Länder in einem, jede Region hat wieder ihre eigenen Bräuche und Mythen, ihre ganz eigenen Gerichte, eine andere Art sich zu kleiden, andere Götter.... Indien ist viel weniger ein Land als ein Phänomen. Nur was taugt ein Phänomen schon als Ordnungsbegriff? Man kann sich bildhaft vorstellen, wie sich unsere Kartografen verzweifelt die ergrauten Haare raufen. Der Präsident der Kartografenvereinigung lässt eine dringliche Sonderkommission einberufen, die sich einzig und allein mit der Frage auseinandersetzen soll, wie sich das «Phänomen Indien» vernünftig kartografisch darstellen liesse. «Vielleicht mit Hilfe eines Symbols?», schlägt ein eher stiller Kartograf vor. «Gute Idee!», lobt der Vorsitzende der Kommission.
In Indien hat fast alles eine Symbolik. Das zinnoberrote Pulver, das sich verheiratete Frauen oberhalb der Stirn in den Haaransatz reiben, ist nur ein Bruchteil dessen, was die hinduistische Kultur an Symbolen zu bieten hat. Bei einer Geschäftseröffnung halten auch die modernsten Inder eine «Puja» ab; eine Anrufung der Götter, dass die Unternehmung einen erfolgreichen Verlaufen nehmen möge. Überhaupt Neuanfänge: Bei Geburten, Projektanfängen oder vor wichtigen Entscheidungen holt man sich im Tempel den Segen. An Geburtstagen trägt man neue Kleider, und sogar den Wochentagen ist eine Bedeutung zugeschrieben: Der Montag ist der Tag Shivas, der Dienstag «gehört» dem affenköpfigen Hanuman und so geht es weiter durch die ganze Woche. Wer auf besonderes Wohlwollen einer der Götter hofft, fastet am entsprechenden Tag oder isst zumindest kein Fleisch.
Die hinduistische Kultur versteht es wie keine zweite, dem Leben eine tiefere Bedeutung zu geben. Denn was sind Rituale und Symbole anderes als eine Möglichkeit, das Leben kostbar zu machen? Rituale hauchen dem Moment mehr Leben ein und damit mehr Sinnhaftigkeit.
Spiritualität und das Hamsterrad des Alltags liegen nirgends näher zusammen als in Indien, sie sind sosehr ineinander verflochten, dass niemand auf die Idee kommen würde, darin etwas Verwerfliches zu sehen. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Inder ihre Religion praktizieren und damit ihrem Bedürfnis nach Spiritualität Rechnung tragen, ist bemerkenswert. Ohne – und das muss an dieser Stelle besonders herausgehoben werden - im Geringsten ideologisch zu sein.
Alles im Fluss
Doch würde es Indien überhaupt kratzen, wenn es plötzlich zum Nabel der Welt erklärt würde? Wohl kaum. Indien würde es zur Kenntnis nehmen. Und damit hätte es sich. Indien und damit die Inder lassen sich nicht so schnell von irgendetwas beeindrucken. Diese Geisteshaltung ist bewundernswert, doch mit Gleichgültigkeit hat sie nichts zu tun. Manche sagen, sie entspringe einer extremen Form von Gottesgläubigkeit. Doch vielleicht rührt sie auch einfach von der Erfahrung her, dass sich im Minutentakt sowieso wieder alles ändern kann.
Die hinduistische Gesellschaft ist geprägt von einer ungeheuren Dynamik. Das lässt sich anhand eines einfachen Beispiels aus der Mobiltelefonindustrie verdeutlichen: Indien ist der am schnellsten wachsende Mobilfunkmarkt der Welt, bereits heute ist die 500-Millionen-Marke von Mobiltelefonnutzern erreicht und sollte bereits 2014 die Milliarden-Grenze sprengen. Für Länder wie Indien wurde das Mobiltelefon geradezu erfunden, weil es Raum lässt für Unvorhergesehenes. Auch die Schweizer oder die Deutschen loben sich sicherlich das tragbare Telefon. Doch genau genommen will es sich nämlich nicht so recht einfügen in unserer Kultur, da ein durchschnittlicher Angestellter an viel zu vielen Sitzungen teilnimmt, an denen er das Mobiltelefon dann trotzdem wieder ausschaltet. Inder sind ständig erreichbar. Rund um die Uhr. So etwas wie eine Combox existiert nicht. Warum auch, bis der Empfänger seine Nachrichten abgehört hat, ist die Botschaft bereits wieder veraltet. Alles im indischen Alltag geschieht immer aus dem Moment heraus.
Während es in Europa relativ verpönt ist, seine Pläne zu ändern, passiert das in Indien ständig. Was in Europa als Schwäche ausgelegt wird, bedarf in Indien nicht mal einer Entschuldigung. Das ist nicht Wankelmütigkeit, sondern Überlebensstrategie: Sich veränderten Lebensumständen anzupassen, kann in Indien unter Umständen überlebenswichtig sein. Nur wer stur an seinen Plänen festhält, gilt in Indien als schwach. Das macht die Inder auch zu formvollendeten Improvisationskünstlern. Selbst wenn im ersten Moment etwas unmöglich scheint, wird es irgendwie möglich gemacht. Ein kategorisches «nein» existiert nicht.
Eine knappe Mehrheit unter den Kartografen vertritt daher auch dezidiert die Meinung, dass Indien anstatt Amerika «das Land der unbegrenzten Möglichkeiten» sein sollte. Indien ist «artwork in process», ein Kunstwerk, das einem ständigen Wandel unterworfen ist.
India changes you
Bei dieser Ausgangslage erstaunt es wenig, dass Indien Menschen magisch anzieht, die sich neue Impulse für ihr Leben erhoffen. Die in ihren eigenen Mustern gefangen sind. Etwas abschätzig könnte man hier von Esoterikern und anderen Sinnsuchenden sprechen. Aber auch wer keine Berührungspunkte mit Spiritualität kennt, dem soll gesagt sein: Indien hat ein riesiges Potential für Veränderung. Oder um es mit den Worten der Soziologin Ursula Baumgardt auszudrücken: «Kontinuierlich bis zum heutigen Tag nimmt der Hinduismus Neues auf, d.h. er hat eine für uns kaum nachvollziehbare Kraft der Erneuerung.» Wer richtig eintaucht in diese «indiness», als Gast und nicht bloss als Besucher gegenwärtig ist, wird sich dem Sog der Veränderung unmöglich entziehen können. Indien schafft neue Räume im Innern, Gedanken gehen auf Wanderschaft und eingefahrene Denkprozesse werden gehörig auf den Kopf gestellt.
«Da muss was dran sein», räumt der Präsident der Kartografenvereinigung nachdenklich ein. Und er erhebt sich von seinem Platz, nimmt einen dicken Filzschreiber und zeichnet eine grosse Sonne auf das Flip-Chart. «Wie die Sonne hat auch Indien grosse Kraft zur Veränderung», setzt er an. «Deshalb soll Indien auf der Weltkarte in Zukunft mit einer Sonne dargestellt werden», bestimmt er. Denn: India changes you.
Eduschka - 2. Dez, 15:46