Sitting on my eyelashes
Wie ist es, wenn man seine Stimme verliert, sei es auch nur für ein paar Stunden? Unfreiwillig aufs Zuhören beschränkt, sieht man die Dinge plötzlich klarer. Obschon neulich nur noch ein Krächzen aus meiner Kehle kam, wollte ich mir das Ausgehen nicht nehmen lassen und fand mich Grog trinkend an der Bartheke wieder. Mit meinen Freundinnen unterhielt ich mich, indem ich Satzfragmente auf Zettelchen schrieb. Obwohl meines wichtigsten Ausdrucksmittels – meines Sprechapparates – beraubt, fühlte ich mich im Gespräch in der Gruppe nicht eine Nanosekunde lang unverstanden. Meine Freundinnen besassen die Fähigkeit, die Satzfragmente, die ich notierte, in den richtigen Kontext zu setzen, mühelos, wie selbstverständlich. Nie gab es auch nur ein einziges Missverständnis. Staunend musste ich erkennen, dass eine grosse Freundschaft wie ein lebendiger Organismus ist, der Fehlendes fortlaufend ergänzen kann. Dieses Erlebnis hat eine Neudefinition von Freundschaft in meinem kleinen Leben nötig gemacht. Meine Freundinnen sind die Stellvertreterinnen meiner aussetzenden Sinne. Würde ich mein Gehör verlieren, meine Freundinnen würden mir ihre Ohren leihen. Würde ich meine Fähigkeit zu riechen einbüssen, meine Freundinnen gäben mir mit ihren Nase den Duft der Welt zurück. Würde ich erblinden, meine Freundinnen machten mir mit ihren Augenpaaren die Welt wieder sichtbar.
Über Freundschaft wurde in der Geschichte bereits viel geschrieben. Doch nicht alle Denker haben die Freundschaft zwischen Menschen gleich hoch bewertet. Der französische Philosoph Jacques Derrida zum Beispiel soll in einer der berühmtesten Aussprüche über Freundschaft gesagt haben: «Oh meine Freunde, es gibt keine Freunde!» Immanuel Kant hat das später umformuliert in: «Keine Freundschaft kongruiert völlig mit der Idee der Freundschaft.» Nach diesem Denkmodell wäre das Ideal von Freundschaft unerreichbar und somit eher als ein Kanon von Richtlinien zu verstehen, der aufzeigt, wie Menschen miteinander umgehen sollten.
Freundschaft als ein Gebot des guten Umgangs miteinander – der Gedanke ist nicht neu. Bereits in der antiken Philosophie hatte die Tugendhaftigkeit der Freundschaft ihren festen Platz. Aristoteles begründet dies so: «Der Tugendhafte verhält sich zum Freund wie zu sich selbst, denn der Freund ist ein anderer 'er selbst'. Freundschaft bedeutet, dieselben Grundwerte zu teilen, was ein bedeutsames Gefühl von Gemeinschaft hervorruft. Schreibt man Freundschaft die Bedeutung eines übergeordneten Werte- und Bezugssystems zu, sind wir dem Prinzip von Religion bereits sehr nahe.
Man kann die Freundschaft zur Religion ernennen, man kann sie aber auch zur Kunstform erheben. Ja, in der Tat: Freundschaft ist mehr, als der Freundin die Haare aus dem Gesicht zu halten, wenn sie über der Kloschüssel hängt. «Satsang» nennt man in der indischen Philosophie ein Treffen unter Gleichgesinnten, den wahren Umgang pflegen, weg von den uneigentlichen Verhältnissen und den Zweckbündnissen hin zu den wahrhaftigen Freundschaften. In Einsamkeit kann sich kein Charakter ausbilden. Und letztendlich sind es immer die anderen, die uns zu unseren besten Gedanken inspirieren. Der Austausch ist ein wichtiger, lebendiger Teil von Freundschaft. Sich begleiten, eng begleiten. Gemeinsam unterwegs sein, gemeinsam WERDENDE sein. Meine Freundinnen sind nicht nur Stellvertreterinnen meiner aussetzenden Sinne. Sie haben auch einen festen Platz auf dem geschwungenen Bogen meiner Augenwimpern und leben meine Erfahrungen mit. Das Geheimnis besteht darin, dass sie zwar das gleiche sehen, aber selten das gleiche wahrnehmen. Schliesslich hat man von dort oben eine leicht andere Sicht der Dinge. Meine Freundinnen sind die Aussenansicht auf mein Leben, meine Bewusstseinswächterinnen. Und die Kunst der Freundschaft liegt vielleicht in der Disziplin, eine gesunde Distanz zu wahren, die der Respekt vor dem Anderssein des Freundes gebietet.
Doch was macht eine grosse Freundschaft aus? Zuallererst die Freiheit. Bereits die antiken Philosophen wussten es: «Allein unsere Freunde suchen wir uns in aller Freiheit.» Freundschaft ist die freiste aller Beziehungsformen. Diese Freiwilligkeit bis zum äussersten lässt Freundschaft so edel erscheinen, verleiht ihr diese fast schon majestätische Anmut. Die Bande mit Eltern oder Geschwistern konnten wir nicht frei wählen. Wir bekommen die Karten zugeteilt und müssen lernen, mit dem Blatt in unserer Hand zu spielen. Freundschaftsbande flattern frei im Wind. Und sie sind begleitet von so viel Ausgelassenheit und Lebensfreude. Dann zum Beispiel, wenn sich «meine bunte Bande» für eine Geburtstagsüberraschung ins Trachtengewand stürzt und am Pfäffikersee von farbigen Kühen singt oder im Februar beschliesst, dem Winter mit einer rauschenden Sommernachtsparty einen kräftigen Todesstoss zu versetzen. Das sind die Momente, in denen mir bewusst wird, wie viel Spass das Leben mit ihnen macht und wie viel ärmer ich wäre ohne sie. Meine Freundinnen sind Künstlerinnen, Lebenskünstlerinnen. Sie wissen ein gutes Leben zu führen. Oder wie der französische Philosoph Michel de Montaigne es einst so schön formulierte: «Ich suche nach keiner anderen Wissenschaft als der, welche von der Erkenntnis meiner selbst handelt, welche mich lehrt, gut zu leben und gut zu sterben.»
Gutes Leben, gutes Sterben – wenn es eine Kunst des Lebens gibt, dann muss die Kunst der Freundschaft eng damit verknüpft sein. Doch grosse Freundschaften können auch gefährlich sein. Dann nämlich, wenn Menschen sich hinter ihren Freunden, die sie als stärker, lebenspraktischer und beliebter wahrnehmen, verstecken wie hinter lebendigen Schutzschildern. Grosse Freundinnen haben breite Schultern, hinter denen man sich ducken kann, um nicht hinaus zu müssen, ins Leben, in die Welt. Im ersten Moment ein artfremder Gedanke: Aber gerade von grossen Freundschaften, die das Potential haben, ein Leben lang anzudauern, muss man sich emanzipieren. Einst hatten alle denselben Ausgangspunkt, waren ein formvollendetes Kollektiv. Doch Freundschaft heisst nicht Gleichschaltung. Individuation ist wichtig, für die Einzelperson, und auch für das Fortbestehen der Freundschaft. Erst wenn in einem Freunde-Kollektiv der Einzelne innerlich frei ist, kann man sich auf der gleichen Augenhöhe begegnen.
Man darf sich zu Recht fragen, ob die Freundschaft, als hohe Kunst betrachtet, ein Phänomen vergangener Jahrhunderte ist. «Ich glaube, ich wachse daran», sagt Harry zu Sally. Und Cicero sagt: «Wer die Freundschaft aus dem Leben streicht, entfernt die Sonne aus dieser Welt.» Es gibt nicht viele Dinge im Leben, die vollkommen sind. Freundschaft ist eines davon. Damals wie Heute.
Eduschka - 13. Mai, 11:35
Warum ist die Farbe der Freiheit blau? Blau wie das Meer, das im Sturmwind wogt, blau wie der Himmel, der sich vor uns auftut? Kaktusblüte und ich sind einmal mit einem blauen Kombiwagen losgefahren, über Land, an ein Openair. Es war Sommer, wir waren jung und spürten es vielleicht zum ersten Mal: Das berauschendste aller Gefühle, das Gefühl von Freiheit. Freiheit summt und schwingt, Freiheit ist kraftvoll, gewaltig und mitreissend. Freiheit ist Energie in ihrer Reinstform. «Ein richtiges Fluchtauto!» riefen wir uns gegen den Fahrtwind zu, der durch die offenen Fenster drang. Es hätte kein passenderes Auto geben können für unsere sommerliche Fahrt an ein Musikfest unter freiem Himmel. Mit diesem Wagen über Land zu brausen, das fühlte sich so ungebunden und grenzenlos an, das war sosehr «Thelma and Louise»!
Freiheit und Mobilität sind Geschwister. Lockenkopf hat das neulich so schön in Worte gefasst, als sie in verklärt-nostalgischem Ton meinte: «Früher, auf dem
Töffli, da habe ich mich immer so frei gefühlt!» Oder wenn ich mich an vergangene Fährenpassagen erinnere, im Mittelmeer oder auf der Ostsee, war es da nicht auch dieses Freiheitsgefühl, das mich magisch auf Deck gezogen hat und mich den Horizont betrachten liess? Doch äussere Freiheit ist eine Frage der Umstände, immer ist sie nicht erreichbar. Innere Freiheit jedoch können wir immer erlangen – indem wir sie uns selbst erschaffen. Das wusste auch schon Ella Maillart, die berühmte Schweizer Reisende, die einst sagte: «Die Weite des Horizonts muss in uns sein, darf nur aus uns kommen.» Auch in der griechischen Philosophie sind solche Bemerkungen zu Freiheit zu finden. Epiktet, ein ehemaliger Sklave, soll einst geschrieben haben: «Uns bleibt oft nur das Los der Schicksalsergebenheit, immer aber besitzen wir die innere Freiheit zur Distanz.» Wahre Freiheit kommt immer aus uns selbst. Und nur aus uns selbst.
Und plötzlich erinnere ich mich an das Hochzeitsfoto einer Freundin aus Budapest: Die Braut ganz in Weiss, es liegt Schnee und als Hochzeitskarosse keine Limousine, auch kein Pferdegespann, sondern ein blauer VW-Bus. Obwohl die Eremitin und ich normalerweise nicht viel übrig haben für Hochzeitsfotos, waren wir richtiggehend angetan von diesen Bildern. Im Nachhinein weiss ich auch warum. Der blaue VW-Bus ist eine gute Symbolik für eine Ehe. Mit einem blauen VW-Bus in diesen neuen Lebensabschnitt zu donnern, verspricht, dass sich beide trotz Ehegelübde ihre innere Freiheit werden bewahren können. Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues... irgendwie ergibt das plötzlich Sinn.
Eduschka - 28. Apr, 12:16
Offener Abend für LeserInnen und AutorInnen zum
Welttag des Buches
Wann: Freitag, 23. April, 19.30 Uhr
Wo: Zentrum Karl der Grosse, Zürich
Lesungen mit Christine Trüb und Catalin Dorian Florescu
Eduschka - 20. Apr, 12:45
Das Rauchverbot steht kurz vor der Einführung. Zum Wohle aller. Doch in einem rauchfreien Lokal werden wir Frauen um wichtige Indizien geprellt, die Aufschluss darüber geben, ob wir es mit einem Kavalier zu tun haben. Schliesslich kann der Mann uns jetzt keine Zigarette mehr anbieten, und auch Feuer kann er uns nicht mehr geben. Eine Alternative muss her! Ich hätte da auch schon eine Lösung angedacht: Stofftaschentücher. Denn wie heisst es doch so schön in «Vom Winde verweht»:«Nimm ein Taschentuch, Kind. In den wichtigen Momenten deines Lebens hattest du nie ein Taschentuch». Zugegeben: Stofftaschentücher mit Karo-Muster sind etwas aus der Mode gekommen. Doch es ist einfach zu rührend, wenn jemand in seine Hosentasche greift, in aller Ruhe sein Stofftaschentuch entfaltet und herzhaft einen Schneuzer tut. Das ist wie Pfeife rauchen. Oder Steno schreiben. Ein nostalgischer Zeitvertreib, akut vom Aussterben bedroht. Statt der Frau das Feuerzeug hinzuhalten, wird es vielleicht schon bald als galant gelten, ihr ein frisches Stoffnastüechli zu reichen. Schliesslich hat eine Frau fast immer Bedarf an einem Taschentuch. Zum Abwischen von Lippenstift, Schweiss oder Lachtränen. Und sogar ökologisch ist das. Also, liebe Männer, vergesst nie euren Stapel an frisch gewaschenen und gebügelten Stofftaschentüchern, wenn ihr in Eroberungslaune seid. Vielleicht ist das genau die Art von Motivation, die der Männerwelt gefehlt hat, um endlich auch an der Waschküchenfront mit mehr Enthusiasmus dabei zu sein.
Erschienen im Stadtanzeiger, 30. März 2010
Eduschka - 30. Mär, 19:27
Überall wird sie heute benötigt: Unsere Unterschrift. Auf der Post, auf der Einwohnerkontrolle, in der Wechselstube. Man reicht uns den Kugelschreiber und wir klecksen unseren «Chribel» auf die dafür vorgesehene Linie – ungeduldig, gedankenverloren. Über den eigentlichen Akt des Unterzeichnens denken wir selten nach. Bis wir mit unserer Unterschrift plötzlich unser Einverständnis für ein folgenschweres Ereignis geben müssen. Den Mietvertrag für die erste eigene Wohnung unterschreiben. Ein Kind adoptieren. Vor den Blicken der versammelten Gästeschar den Ehevertrag unterzeichnen. Grosses Kino. Jetzt ist es kein «Chribel» mehr, sondern ein sauberes, gleichmässiges, wohl proportioniertes Autogramm, bei dem man ja nichts falsch machen möchte. Kein Bogen am falschen Ort platzieren, kein Schlenker, kein Schmieren. Weder «stolz» noch «erhaben» taugen etwas als Beschreibung für diese Kategorie von Gefühl.
Andere Unterschriften hingegen müssen wir uns buchstäblich abringen. Wir setzen sie mit einem grossen innerlichen Stossseufzer. Den Kündigungsbrief unterschreiben. Die Einwilligung für eine lebensrettende Operation geben. Das Anmeldeformular fürs Altersheim unterzeichnen. Hat man seine Unterschrift einmal unter das Dokument gesetzt, gibt es kein Zurück. Überall müssen wir bezeugen, dass das, was passieren wird, gemäss unserem Willen geschieht. Dabei wissen wir ja noch gar nicht, ob es tatsächlich gemäss unserem Willen geschehen wird. Eine Willensbezeugung ist schnell gemacht, eine Unterschrift rasch gesetzt, aber «bis der Tod Euch scheidet» muss auch im Alltag gelebt werden, und woher sollen wir wissen, ob dem Chirurg ein guter Tag mit einer ruhigen Hand bevorsteht? Mit unserer Unterschrift müssen wir auch für alles Unvorhergesehene gerade stehen. Und was ist das Leben anderes als ein Hort des Unvorhergesehenen? Das Beständigste in diesem Wirrwar an Gefühlen ist da vielleicht noch unsere eigene Signatur, denn sie bleibt über Jahrzehnte hinweg dieselbe. Egal, was uns widerfahren mag – unsere Unterschrift steht einfach da, schwarz auf weiss, und schert sich nicht um Bedeutungen. Wie wohl ihre Abgeklärtheit uns tut.
Eduschka - 24. Mär, 10:55
Kindheit im Tränenmeer
Jungsein zwischen Schlaraffenland und Marterpfahl
Wahre Freunde, welch Glück
Liebessehnsucht verzehrt
Sprung vom 10-Meter-Brett
O Wunder der Veränderung!
Aus zwei Leben entsteht etwas Drittes
Es märzt.
Eduschka - 11. Mär, 00:24
Jeder, der bei mir eine kurze Rast einlegt, ist auf der Durchreise. Bei mir können die Reisenden für einen kurzen Augenblick innehalten und verweilen, sich eine Atempause gestatten, um kurze Zeit später wieder aufzubrechen, an den Ort ihrer Bestimmung. Die Gründe für ihre Reisetätigkeit sind äusserst vielfältig: Manche reisen aus geschäftlichem oder familiärem Anlass, andere aus Liebe, für andere ist Neugierde und Abenteuerlust Hauptantriebskraft. Nicht wenige erhoffen sich an einem anderen Ort ein besseres Leben. Ganz besonders freut es mich da, wenn jemand eine Reise unternimmt um der Freundschaft willen. Denn gute Freunde im Ausland zu besuchen – egal wo auf der Welt – ist meiner Meinung nach der nobelste aller Gründe zu reisen.
So wie Evelin Rinderknecht, mit der ich heute Bekanntschaft gemacht habe. Ihre Freunde leben seit Jahren in Bangkok. Die Wartezeit bis zum Abflug wollte sich die ältere Dame mit einer guten Tasse Grüntee verkürzen. «Wissen sie, ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, jeden Tag eine Tasse Grüntee zu trinken», verrät sie mir und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: «Das mache ich seit vierzig Jahren. Heute bin ich 75 Jahre alt und noch immer kerngesund.» Die Dame ist in Plauderlaune. Als ich ihr den Weg zum nächsten Restaurant mit Grüntee zeigen will, hört sie gar nicht hin und beschreibt mir stattdessen ihr gewohntes Bangkok-Programm: «Das Flugzeug setzt am Morgen in aller Frühe auf thailändischem Boden auf. Sobald ich die Einreiseformalitäten erledigt habe und meine Koffer vom Band gefischt habe, nehme ich mir ein Taxi und fahre zum Klub. Dort spiele ich für den Rest des Tages Bridge.» Ich stelle mir die alte Dame vor, wie sie in einem Salon im Kolonialstil um den Bridge-Tisch sitzt, und muss unvermittelt lächeln. Der Deckenventilator im abgedunkelten Raum dreht unermüdlich seine Runden, die tropische Hitze macht sogar die Stubenfliegen träge. Nur die lebhafte Alte in ihrem grasgrünen Kostüm und dem sorgfältig nachgezogenen Lippenstift – immerhin hat sie gerade einen zwölfstündigen Flug hinter sich – wirkt noch so taufrisch wie aus dem Modekatalog. Und mit dem Gin Tonic-Glas in der einen, und den Bridge-Karten in der anderen Hand feiert sie lautstark jeden errungenen Sieg.
Wenn dann um halb sieben die Dämmerung über die Millionenstadt hereinbricht, setzt sich die Dame wahrscheinlich in den Drawing room und gestattet sich mit ihren Freunden eine Kleinigkeit zu Essen. Aus Freude über das Wiedersehen wird wahrscheinlich eine gute Flasche Rotwein entkorkt. Im Kreise von Freunden, diese Erfahrung ist universell, schmeckt der Wein ganz besonders mundig und das Zirpen der Grillen kann leicht einen verheissungsvollen Klang annehmen. Die Stunden vergehen wie im Flug, bei so vielen Wochen des Getrenntseins hat man sich ja auch viel zu erzählen! In Nächten wie diesen, da tanzt der Geist, auch wenn es der Körper nicht mehr zulässt. Im Gespräch schwingt man sich gegenseitig zu neuen Höhen auf, lacht, tauscht Erfahrungen aus, bringt sich gegenseitig auf noch nie gedachte Gedanken. Und wenn man dann im ersten fahlen Licht des anbrechenden Tages todmüde ins Bett fällt, ist man einfach nur noch überglücklich.
Obwohl reisen immer mit Anstrengungen verbunden ist, nehmen wir den weiten Weg zu einem guten Freund mit einem Lächeln kauf. Nie ist es uns leichter gefallen, aufzubrechen. Nie haben wir weniger gezögert. Weil wir wissen, dass die Zeit, die wir mit diesem feinen Mensch verbringen werden, unschätzbar kostbar ist für uns und durch kein Geld der Welt aufzuwiegen. In der Liebe hingegen ist das anders. Liebesbeziehungen werden heute über kulturelle und geografische Grenzen hinweg eingegangen, Liebesgeständnisse reisen via E-Mail, Handy und Internet innert Hundertstelsekunden über die sieben Weltmeere. Unsere Zeiten scheinen mit den neuen Kommunikationskanälen geradezu dafür gemacht, der Liebe eine weitere Dimension zu geben. Wer sich sehnt, fühlt intensiver. Doch dieses sich-nacheinander-verzehren kann kein Dauerzustand sein, irgendwann muss es ein Ende haben, eine Paarbeziehung braucht die Perspektive, den Alltag. Man lebt von Begegnung zu Begegnung; unentwegt herrscht der Ausnahmezustand. Und liegen sich die Liebenden dann endlich in den Armen, beginnt auch schon wieder die lähmende Angst vor der Stunde des Abschieds von ihnen Besitz zu ergreifen. Es ist ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit.
Liebe ist die Schnittmenge zweier Lebensrealitäten. Zu lieben bedeutet, sich zu bekennen. Zu einer Person. Einer Herkunft. Einer Kultur. In einer Freundschaft hingegen ist man viel freier in seiner Entscheidung, welche Elemente, die der Freund repräsentiert, sich ins eigene Leben integrieren lassen. Die ältere Dame wurde damals wahrscheinlich von ihren thailändischen Freunden ins Bridge-Spiel eingeführt. Und auch die Tatsache, dass Grüntee gesund ist und das Wachstum von Krebszellen hemmen kann, hat sie vermutlich von diesen Freunden zum ersten Mal gehört. So konnte sie diese zwei lieben Gewohnheiten in ihren Lebensalltag integrieren, ohne deswegen gleich zum Buddhismus zu konvertieren oder den thailändischen König mit blindem Eifer zu verehren. Das Trennende ist in einer Freundschaft genauso selbstverständlich wie das Gemeinsame. In einer Paarbeziehung hingegen wird das Trennende immer gleich als beziehungsgefährdend eingestuft. Es erfordert viel Hingabe und Geduld von beiden Seiten, Gräben aufzufüllen und Brücken zu errichten. In einer transkontinentalen Freundschaft hingegen kann man ganz zwanglos ein kultureller Hybrid werden.
Freunde und Ausland – meiner Meinung eine hinreissende Kombination. Auch deshalb, weil eine Freundschaft eine kulturelle Innenansicht liefert, die man in keinem Reiseführer der Welt findet. Das ist horizonterweiternd, ohne im Geringsten einzuengen. Auf eine sehr leichte, unbekümmerte Weise erhält man so einen tiefgreifenden Einblick in die Kultur des anderen, ähnlich dem Blick durch ein Kaleidoskop. Die einzelnen Muster vermischen sich ineinander und lassen so ein neues, viel komplexeres Gebilde entstehen. Verallgemeinerungen lässt man schnell hinter sich, um sich auf einer viel persönlicheren Ebene zu begegnen. Man nimmt den fremden Ort durch die Linse des Freundes wahr – und dadurch scheint er gleich nicht mehr so fremd. Wir fühlen uns dem fremden Land, der fremden Stadt plötzlich zugehörig, weil der Freund uns ein Gefühl von Heimat, von Geborgenheit geben kann. Auch die Bridge-Spielerin betrachtet Bangkok mittlerweile wahrscheinlich ein bisschen als ihre zweite Heimat. Weil sie Freunde hat in diesem Teil der Welt, ein Sicherheitsnetz. Ein emotionales Backup.
Eine metallische Stimme erklingt aus den Lautsprechern: «Frau Evelin Rinderknecht, bitte begeben Sie sich umgehend zum Ausgang E53.» Meine Bridge-Spielerin fährt zusammen. «Das bin ich!» Schnell rafft sie ihre Siebensachen zusammen. «Ihr Ausgang ist gleich dort vorne», beruhige ich sie. «Ich wünsche Ihnen eine gute Reise». Und in ihrem grasgrünen Kostüm eilt sie davon, auf ins nächste Abenteuer. Ich schaue ihr nach, wie sie im Fingerdock verschwindet, die Dame von Welt in ihrem grasgrünen Kostüm, mit ihrer Vorliebe für grünen Tee. «Manche Menschen haben einfach ein Talent für ein Leben Ton in Ton», denke ich und lächle.
Eduschka - 25. Feb, 20:01
An manchen Tagen vergeht mir die Lust, am Stand zu stehen und auf Käuferschaft zu warten. Dann will ich nicht an Ort und Stelle verharren, sondern in Bewegung sein, mit Menschen in Beziehung treten, einen Augenlidschlag lang Hansdampf in allen Gassen sein. Und so löse ich die Schnüre meiner Schürze und begebe mich auf einen Streifzug durch den Flughafen. Ich durchwandere die Sitzreihen und schaue den Passagieren in der Transithalle beim Warten zu, ich bummle durch den Duty Free, plaudere mit dem netten Sicherheitsbeamten mit den schönen blauen Augen, fahre Sky Metro oder stibitze in der Lounge ein paar Cashewnuts... der Flughafen wird zu meiner ganz persönlichen, überdimensionalen Spielwiese.
Manchmal, wenn gerade ein Langstreckenflieger angedockt hat, bleibe ich für einen Moment stehen und schaue dabei zu, wie die Gatetüren sich öffnen und die Passagiere herausströmen. Dann stelle ich mir vor, woher diese Menschen kommen und was der Grund für ihre Reise sein mag. Das ist ein besonderer Moment, denn ich weiss, dass ich der Welt, der sie gerade entschwunden sind, näher nicht mehr kommen kann – es sei denn, ich fliege selber hin. Ich befinde mich hier an der äussersten Grenze. Wenige Stunden zuvor, am Abflugsort, wurde die Kabinentür hermetisch verriegelt und hier, am Ziel der Reise, schwingt sie wieder auf und spukt Passagiere aus, die zielstrebig Richtung Ausgang strömen. Der Geruch der anderen Welt haftet ihnen noch an den Kleidern, an der Haut. In diesem Moment ist die fremde Welt für mich zum Greifen nahe, sie liegt buchstäblich in der Luft. Ich halte einen Moment inne und atme den Geruch durch meine Nasenlöcher ein – es ist der Duft der grossen weiten Welt.
Ich muss nie fragen, woher ein Flugzeug kommt. Die Duftfahne, die mir aus dem Fingerdock entgegen weht, erzählt es mir. Kommt ein Flugzeug zum Beispiel aus Indien oder der arabischen Welt, ist ein würziger Geruch vorherrschend. Er verrät mir, dass die Menschen dort an scharfes Essen gewöhnt sind. Kommt ein Flugzeug aus dem Balkan, legt sich eine rauchige Duftnote wie ein Schleier über die Köpfe der Passagiere, der mir verrät, dass die Menschen dort noch auf offenem Feuer kochen. Bei Flugzeugen, ankommend aus den Vereinigten Staaten, steigt mir ein undefinierbarer, chemischer Geruch in die Nase, der mich ein bisschen an Erdbeertörtchen erinnert. So hat jede Destination ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Geruch.
Nachdem alle Passagiere ausgestiegen sind, geht die Crew von Bord. Engelsgleiche Gestalten, adrett uniformiert, hinterlassen eine süssliche Parfümwolke, betörend und prachtvoll, wuchtig und schwer – und übertünchen die Duftschwaden des «Destinations-Geruchs», der eben noch in der Luft gelegen ist. Düfte lösen praktisch wie auf Knopfdruck Gefühle in uns aus. Diese enge Verwandtschaft ist kein Zufall: Dufterinnerungen werden im Gehirn am selben Ort verarbeitet und abgespeichert, wo auch die Emotionen sitzen. Besonders augenfällig ist das bei Gerüchen, die eng mit Erinnerungen verknüpft sind: Der Geruch von Karamelbonbons ruft blitzartig Bilder der Grossmutter wach, der Duft der alten Ledermappe beschwört Erinnerungen an die Schulzeit herauf. Nichts ist so individuell wie unser Duftgedächtnis. Und so hat jeder von uns mit der Zeit seine ganz eigene, individuelle Duftlandkarte, die sich in seiner Seelenlandschaft festsetzt. Wir können einen Geruch selbst dann noch mit einem Gefühl verbinden, wenn bereits Jahrzehnte zurückliegen, seit wir ihn zum letzten Mal bewusst wahrgenommen haben.
«Die Nase ist eigentlich ein völlig passives Organ», hat mir Pablo gestern erzählt. «Doch mit ein bisschen Training kann sie jeder in Marathon-Form bringen.» Er muss es wissen, denn Pablo war früher gefeierter Parfumeur, bevor er sich darauf beschränkte, Parfüms nur noch zu verkaufen, statt sie selber herzustellen. An diese Unterhaltung muss ich jetzt zurückdenken, als ich an der Gatetüre stehe, lächelnd, und all die schönen Flugbegleiterinnen herausströmen sehe. Pablos Parfümstand im Duty Free Shop grenzt direkt an meinen. Ich finde, er hat den schönsten Job der Welt. Schliesslich sorgt er dafür, dass die Welt duftet – und schenkt ihr damit einen bunten Blumenstrauss voller Emotionen. Pablo hingegen ist nicht so ganz meiner Meinung. «Rosaly-Schätzchen», sagt er dann, «du bist hier diejenige, die die grossen Gefühl an die Wand malt. Schau dir das Leuchten in diesen Kinderaugen an, wenn sie mit dem Eis in der Hand deinen Stand verlassen.» Vielleicht hat er ja Recht. Pablo liebt Kinder und es fällt ihm schwer, sich mit der Tatsache abzufinden, dass es mir mit der Eiscrème so spielend gelingen will, die Kinderherzen gleich reihenweise zu erobern.
Doch Eiscrème-Expertin zu werden ist leicht. Es genügt vollauf, ein Schleckmaul zu sein. Bei Parfums ist das anders. Das Handwerk des Parfumeurs erscheint mir manchmal wie eine Geheimwissenschaft, wie das Verwandeln von Blei in Gold. Mit seiner Pipette in der Hand tüftelt der Parfumeur an seiner neusten Kreation, schraubt an Kopf-, Herz- und Basisnote herum, fügt hier ein bisschen Beere hinzu und nimmt dort eine Prise Moschus weg... Parfumeure müssen unglaublich feinfühlige Menschen sein. Die Beschäftigung mit Gerüchen muss fast zwangsläufig ihre Aufnahmefähigkeit für das Fühlen verstärken. Weltweit soll es nur 2000 Parfumeure geben. Als ich so darüber nachdenke, nehme ich mir vor, auch meine Nase auf Marathon-Form zu bringen. Vielleicht wird mir Pablo dabei helfen können? Gestern hat er ungewollt gleich selber den Anfang dafür gemacht. «Rosi, ist dir schon mal aufgefallen, dass auch japanischen Babys ganz anders riechen als unsere?», fragte er mich, nachdem er eine japanisch aussehende Kundin fertig bedient hat. Ich bin gerade damit beschäftigt, die Cornettos aufzufüllen. «Nein. Wie denn?» – «Irgendwie nach Bananen.»
Eduschka - 25. Feb, 18:45
In der italienischen Kaffeebar, wo ich am Morgen meinen Kaffee hole, ist mir heute eine Zeitung aufgefallen, die ausgebreitet auf einem der Gästetische lag. Sie sah ziemlich mitgenommen aus, die Ränder voll gekritzelt, mit einem dicken Flizschreiber waren Wohnungsinserate eingekreist, braune Kaffeetassenflecken zeichneten ein Muster ins Papier. Unvermittelt musste ich an die Werbung der indischen Kaffeehauskette «Cafe Coffeedays» denken. «A lot can happen over coffee»; viel kann passieren über einer Tasse Kaffee. Man sieht eine Wohnung ausgeschrieben, findet eine neue Stelle oder einen neuen Partner und kann ein neues Kapitel seines Lebens aufschlagen. Was bei der Zeitungslektüre nie fehlen darf ist eine richtig schöne, heisse, dampfende Tasse Kaffee, ein Muntermacher, der einem den nötigen Energieschub für einen neuen Tag und damit für neue Plänen verleiht. Eine gute Tasse Kaffee kann den schlimmsten Tag erträglich machen, einen Moment des Nachdenkens verschaffen oder eine Romanze wieder aufleben lassen. (Pendergrast, S. 15) Kaffee trinken ist weit mehr als purer Genuss. Kaffee trinken ist ein Lebensgefühl.
Diese Gedanken begleiten mich heute durch den Tag, und soeben wurde ihnen durch ein nettes Vorkommnis noch eine zusätzliche Dimension verliehen. Mauro möchte mit mir Kaffee trinken gehen! Innerlich habe ich gejubelt, als er mich gefragt hat, gegen aussen jedoch blieb ich die Ruhe selbst und tat ein bisschen so, als wäre ich gerade furchtbar beschäftigt. Ich darf also an dieser Stelle festhalten: Heute ist der Tag meines Eisprungs (rechte Eicherstocksteite), ich trage meine heiss geliebten braunen Wildlederstiefel und in einer halben Stunde bin ich zum Kaffeetrinken verabredet.
«A lot can happen over coffee», zum Beispiel bei einem werbenden Pärchen. Das Bindemittel ist der Kaffee, und gleichzeitig kaschiert er auch die Verlegenheit. Schliesslich kann man sich an einer Kaffeetasse festhalten, und sollte es zu allzu starken Gefühlen der Verlegenheit kommen oder im Gegenteil zur grossen Ernüchterung, kann man das Treffen eine Kaffeepausenlänge später abbrechen und wieder zum Alltag übergehen, als wäre nichts geschehen. Aber nicht nur in der Liebe, auch in allen anderen Beziehungen zwischen Menschen spielt der Kaffee eine bedeutende Rolle: Wer liebt es nicht, nachmittags mit einer guten Freundin im Café zu sitzen und vor einer grossen Tasse Capucchino über das Leben zu philosophieren?! Es ist unbestritten: Kaffee hat eine soziale Bedeutung. Und während Tee vor allem tröstet, regt Kaffee uns an, er ist ein sozialer Stimulator. Der Kaffeetratsch oder das «Kaffeekränzchen» mag für uns eher etwas Weibliches sein, doch wirft man einen Blick in die Geschichtsbücher, stellt man fest, dass vor allem Männer einst dem schwarzen Gebräu zugeneigt waren. Kaffee ist ein gesellschaftliches Bindemittel, ein Zungenwärmer, ein Gedankenernüchterer, ein Anregungsmittel für den Geist und, wenn man möchte, ein Abwehrmittel gegen den Schlaf. (Pendergrast, S.?)
Der Ursprung des Kaffees geht nach Afrika zurück, nach Äthiopien, um genau zu sein. Über den Suezkanal kam die Kaffeekirsche in die arabische Welt. Dort wurde der Kaffee «Qahwa» genannt, ein arabisches Wort für Wein. Mit seiner steigenden Popularität entstanden bald die ersten Kaffeehäuser. Noch heute sind die Kaffeehäuser in der arabischen Welt eine Institution. Reinhard Hesse, «Merian»-Reporter, fasst es folgendermassen in Worte: «Sie sind weit mehr als ein Ort des Zeitvertreibs, wo Araber Kaffee trinken, Pfeife rauchen und Backgammon spielen. Ein Kaffeehaus in Kairo ist zugleich Büro, Informationsbörse, literarisch-politischer Salon, Ankerpunkt der Menschen im grossstädtischen Mikrokosmos sowie Arbeitsplatz für allerlei fliegende Händler und Dienstleister.»
Auf dem Weg zu Mauro und meiner Lieblingskaffeebar überrumpelt mich eine plötzliche Gewissheit: Bei einer Tasse Kaffee ist in der Geschichte sehr viel mehr passiert, als ein paar zaghafte Werbungsversuche zwischen den Geschlechtern jemals ausrichten können. Über Kaffee wurden soziale Aufstände organisiert, Gedichte verfasst, ja über Kaffee wurde die Welt aus den Angeln gehoben! Die Werbung «A lot can happen over coffee» erhält so nochmals eine ganz andere, viel weitreichendere Bedeutung. Als ich am verabredeten Ort eintreffe, sitzt Mauro schon dort und liest. Er sieht friedlich aus, sein Profil wird von der Sonne beschienen. Für einen Moment halte ich inne und labe mich an seinem Anblick. Dann betrete ich das Café, küsse ihn auf die Wange und bestelle mir einen dieser schaumigen Cappucchinos in diesen bauchigen Tassen. Das fühlt sich so richtig gut an.
Ob es wohl am Koffein liegt, oder ob da noch andere Faktoren eine Rolle spielen, ist ungewiss. Fest steht, dass der Kaffee tatsächlich schon immer als eine Art Katalysator diente, um Veränderungen herbeizuführen. Die Kaffeehäuser boten Platz, um Revolutionen zu planen, Gedichte zu schreiben, Geschäfte abzuschliessen und Freunde zu treffen. (Pendergrast, S. 16) In «All about coffee» hat William Ukers 1935 geschrieben: «Wo auch immer er [der Kaffee] eingeführt wurde, bedeutete er Revolution. Er war das radikalste Getränk der Welt, weil seine Funktion stets darin bestand, die Menschen zum Denken zu bewegen.» Da erstaunt es nicht, dass in der arabischen Welt sowie in Europa die herrschende Elite mehrmals versucht hat, den Kaffee als «Ursache revolutionären Aufruhrs» zu verbieten. Doch durchsetzen liess sich ein solches Gesetz nie.
Es scheint fast so, als hätte der Kaffee schon immer mehr Freunde als Feinde gehabt. «So viel Geschrei um ein bisschen schwarze, bittere Brühe», denke ich, als ich nach dem Kaffeetrinkdate mit Mauro an meinen Stand zurückkehre. «Dabei handelt es sich doch eigentlich nur um den Fruchtkern eines äthiopischen Strauchs», hatte Mauro ganz richtig bemerkt. Über meine genaue Sachkenntnis, welcher Kaffee wo am Flughafen am Besten schmeckt, konnte er sich sehr amüsieren. Dabei bildeten sich ganz kleine, feine Lachfältchen um seine Augen. «Ich weigere mich einfach standhaft, Pfützenwasser zu trinken!», brachte ich zu meiner Verteidigung hervor. Und fügte mit dem Brustton der Überzeugung hinzu: «Das Leben ist einfach viel zu kurz für schlechten Kaffee.»
Wo sich ein angenehmes Denk-Klima herausbildet, zieht es auch eine andere Gruppe Menschen hin: Philosophen, Literaten und Intellektuelle. In Wien wurde der Kaffee innerhalb weniger Jahrzehnte zum Treibstoff für das intellektuelle Leben der Stadt, in Grossbritannien wurden die Kaffeehäuser als «Pfenniguniversitäten» bekannt, weil man für diesen Preis eine Tasse Kaffee bekam und dabei stundenlang aussergewöhnlichen Unterhaltungen lauschen konnte. (Pedergrast, S.31) Die Theorie auf die Spitze treibend, kann man sagen, dass die Cafés ein solch wunderbares intellektuelles Klima erzeugten, was letztendlich die französische Revolution hervorbrachte. Und es bestreitet wohl niemand, dass die französische Revolution mit ihrem Leitsatz von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit so etwas wie die Wiege unserer demokratischen Kultur ist. Hauptkatalysator für eine solche tiefgreifende, gesellschaftliche Reform war nichts anderes als eine Kaffeekirsche von einem äthiopischen Strauch! Das gefällt mir. Man sollte die Bedeutung des Kaffees in der Geschichte niemals unterschätzen.
Doch was ist in Zeiten von «Starbucks» davon geblieben? Der «Starbucks»-Kult hat wieder andere Menschen hervorgebracht, die sogenannten «globalen Nomaden», die überall auf der Welt zu Hause sind, und von überall aus arbeiten können. Alles, was sie dafür brauchen, ist eine Steckdose und einen Internetanschluss. Sie sind Projektarbeiter; sie arbeiten, wie sie leben und sie leben nicht, wie sie arbeiten. Im «Starbucks», dem Kaffeehaus der Moderne, profitieren sie von diesem geistig anregenden Klima und doch ist jeder letztendlich ganz für sich allein. Vielleicht hat die globale Vernetzung übers Internet die Versammlungsmentalität der Kaffeehäuser überflüssig gemacht. Im «Starbucks» lebt dieses geistige Klima dennoch irgendwie weiter, wenn auch viel kommerzialisierter. Und doch findet man sie überall auf der Welt, sobald man einen «Starbucks» betritt: Menschen an ihren PC's, die aussehen, als würden sie mit ihrem Apple Mac gerade die Welt revolutionieren. Sie sind die geistige Elite der Neuzeit, die Descartes und Sartres des 21. Jahrhundert. Ob sie dabei nur so tun, als wüssten sie die Antworten, während sie in ihre Bildschirme starren, wird immer ein Geheimnis bleiben. Denn das ist ja gerade das Faszinierende am Kaffee: Beim Kaffeetrinken kann von fast nichts bis fast alles geschehen. Kaffee ist wie das Leben selbst, er enthält die ganze Bandbreite. Und manchmal, manchmal bleibt auch ein bitterer Nachgeschmack zurück. Ich habe ein Mittel gefunden, das zu vermeiden: Meistens lasse ich den letzten Schluck ganz einfach in der Tasse stehen. Und was Mauro betrifft: Das Kaffeetrinkdate war schön. Vielleicht wiederholen wir es bei Gelegenheit.
Zumindest wird er sich nicht genötigt fühlen, sein Kaffeegenuss auf so kreative Art und Weise rechtfertigen zu müssen wie die britischen Männer im 17. Jahrhundert. Damals fürchteten die Frauen nämlich um den Sittenzerfall ihrer Männer und hätten die Kaffeehäuser gern geschlossen gesehen. Die Männer jedoch meinten, der Kaffee sei weit davon entfernt, sie impotent zu machen, er mache Kaffee die Erektion kraftvoller, die Ejakulation gehaltvoller und füge dem Sperma eine geistige Komponente hinzu...
Quellen:
Kaffee. Wie eine Bohne die Welt veränderte. Mark Pendergrast. Edition Temmen.
«Genuss des Müssiggangs». Reinhard Hesse. In: Merian. Ägypten. August 2001
Eduschka - 24. Feb, 17:53