Montag, 30. August 2010

Erst lachen, dann küssen

amazonen_negativEin Verehrer meiner Freundin Kaktusblüte arbeitet in einer Bar. Neulich beklagte sie sich: «Er steckt mir jeweils ganze Christbäume in meinen Drink, weil er nicht weiss, wie er mich sonst beeindrucken soll.» Damit meinte sie die dekorativen, glitzernden Strohhalme in Longdrinks. Gleichzeitig betont Kaktusblüte unter Freundinnen oft, dass ein Mann ihr sehr überzeugend glaubhaft machen muss, dass er sie begehrt. Nichts da mit Wischiwaschi-Geplänkel! Im Balztanz der Geschlechter gelten Hinhaltetaktiken oder Zögerlichkeiten gemeinhin als Liebeskiller. Ist es offensive Eindeutigkeit etwa genauso? «Da ist einfach jegliche Spannung weg», jammert Kaktusblüte. Und ich frage mich: Wie, um Himmels Willen, wollen wir eigentlich erobert werden?

Eine kleine Umfrage unter meinen Single-Freundinnen ergab folgendes: Die Römerin wird bei kreativer Umwerbung schwach, für Kaktusblüte sind ehrlich gemeinte Komplimente wichtig und die Eremitin stört sich grundsätzlich am Begriff «Eroberung»: «Erobern beinhaltet eine Art von Besitztum.» Fest steht schon mal: Wenn es ums Begehrtwerden geht, möchten Frauen wie wir als Subjekte betrachtet werden. Und FRAUEN WIE WIR haben ein sehr feines Sensorium dafür, wann Männer uns stattdessen als Objekte ansehen. «Wenn ich merke, er ist nur an mir interessiert, weil er meine Brüste toll findet und ich gerade verfügbar bin, hat er sich jegliche Glaubwürdigkeit verspielt», sagt die Eremitin. Wonach wir uns wirklich sehnen, ist der Blick in Ausschnitt UND Seele, der ganzheitliche Blick, der uns im 360-Gradwinkel erfasst.

Doch leider gibt es immer noch viel zu viele Männer, deren Balzverhalten einstudiert wirkt. So hat sich auch Kaktusblütes Kandidat brav und drehbuchkonform gemerkt, dass sie einen Opel Corsa fährt. Er war sich auch nicht zu schade, dieses Detail fast unbemerkt in ein Gespräch einfliessen zu lassen, in der Hoffnung, sie möge erkennen, was für ein bemerkenswert guter Zuhörer er doch sei. In den Augen von Kaktusblüte wirkte das sehr kontraproduktiv: «Es hat mir gezeigt, dass er nichts begriffen hat. Ich lege auf solche Dinge überhaupt keinen Wert. Mir ist es völlig gleichgütig, ob ich einen Opel Corsa fahre oder einen Seat. Das sagt rein gar nichts aus über meine Persönlichkeit.»

Das Geheimnis ist wahrscheinlich, dass wir uns fürs Anbaggern unmöglich eine Strategie zurechtlegen können. Hat ein Mann ein ehrliches Interesse an einer Frau, wird er ganz intuitiv spüren, welche Interessen diese Frau hat, worüber sie sich freut, worüber sie lacht oder wer ihre Freunde sind. Eigentlich ist das nicht anders als bei jeder anderen menschlichen Begegnung. Mit manchen Menschen kommt man nun mal ganz leicht und wie selbstverständlich auf eine darunter liegende Ebene, während man mit anderen ewig an der Oberfläche herumdümpelt und sich hinter Masken versteckt. Der einzige Unterschied zwischen dem Balztanz und einer «normalen» Begegnung ist die erotische Anziehungskraft.

Und eines, eines darf man auf dem steinigen Weg der Liebeswerbung auf keinen Fall vernachlässigen: Den Humor. Frauen lachen gern. Bereits Jerry Lewis wusste: «Mit Humor kann man Frauen am leichtesten verführen, denn die meisten Frauen lachen gerne, bevor sie anfangen zu küssen.» Wollt ihr also eine Frau küssen, liebe Männer, bringt sie zum Lachen. Bei einem Mann mit klugen Humor wird jede Amazonen-Frau schwach.

Dienstag, 24. August 2010

Weibsgeschichten - keck, ironisch, hundsgemein

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Im Bistro Dimensione Winterthur liest Edita Truninger (Winterthur) zusammen mit Sabine Eva Rädisch (Regensburg, D) Erzählungen aus dem weiblichen Blickwinkel. Mit einem harmlosen Kaffeekränzchen haben diese allerdings nicht viel zu tun, denn: Bei den Weibsgeschichten geht es durchaus handfest zu. Da wird erzählt von Zwängen und Leidenschaften, tattoo-geschmückten Hinterteilen und weiblicher Lust – und der List, wie sie IHN wohl am besten um die Ecke bringt. Facettenreich und bunt, mit garantiert lachfaltenverstärkender Wirkung.

Eintritt frei - Kollekte

«Weibsgeschichten! Keck, ironisch, hundsgemein»
19. September, 19 Uhr
Bistro Dimensione Winterthur

Montag, 23. August 2010

Das Goldschmiedmädchen

Den Sommer am Flughafen zu verbringen ist seltsam: Zuerst schwärmen die Menschen scharenweise aus, angefüllt mit Enthusiasmus und Entdeckerfreude zieht es sie in die Welt hinaus, und kaum sind sie weg, setzt bereits wieder der Rückreiseverkehr ein. Die Zahl allein reisender Kinder ist während dieser Zeit besonders hoch. Sie werden vom Bodenpersonal an der Flugzeugtüre abgeholt und zu den ungeduldig wartenden Eltern in die Ankunftshalle gebracht. Manche Kinder sind ruhig und eingeschüchtert, andere plappern drauflos; doch eines ist allen gemeinsam: Sie lieben Eiscrème. Wenn die Betreuerin oder der Betreuer einen besonders guten Tag hat, dürfen die Kinder bei mir eine Kugel Eiscrème kaufen. Salome, ein blondes, braungebranntes Mädchen mit einem sommerspossigen Gesicht, hat sich für Erdbeereis entschieden. Die 10-Jährige Salome hat die langen Ferien auf Korfu verbracht. Ihre Eltern sind geschieden, ihr Vater hat sich auf der griechischen Ferieninsel niedergelassen, wo er als Gold- und Silberschmied arbeitet. Der Goldschmied-Papa unter der Sonne der Ägäis... was für ein Sinn für Ästhetik diesem Mädchen bereits mit auf den Weg gegeben wird! Sie habe auch schon selber ein Schmuckstück anfertigen dürfen, erzählt sie stolz und streckt mir zum Beweis ihre Hand hin, an dessen Ringfinger ein einfacher Silberring steckt.

Bei näherer Betrachtung ist es nicht erstaunlich, dass ich Gold und einen sonnenhellen Ort ganz intuitiv als passend empfinde. Der Glaube an Gold war kulturgeschichtlich gesehen zunächst der Glaube an die Sonne. Typische Goldregionen sind Schwarzafrika, Indien oder Thailand. Silber hingegen ist das meist verwendete Schmuckmaterial des gesamten Maghrebgebietes und überhaupt der islamischen Welt. «Häufig waren Münzen das Ausgangsmaterial», belehrt mich Salome. Doch eigentlich gibt es kaum ein Werkstoff oder ein Material, das nicht irgendwo auf der Welt von Menschen zu Schmuck verarbeitet worden ist. (Klever, S. 31) Pflanzen sind das ursprünglichste Schmuckmaterial, und ich muss an die Kronen aus Gänseblümchen denken, mit denen wir uns als Kinder gegenseitig gekrönt hatten. Naturvölker verwenden oftmals Vogelfedern oder Muscheln, um sich zu schmücken. Die Menschen der Hochkulturen jedoch betrachten eher Edelmetalle und Edelsteine als die wichtigsten Schmuckrohstoffe.

Schmuck ist gesellschaftliche Kommunikation. Er verschönert den Träger nicht nur, sondern sagt etwas über ihn aus, insbesondere über dessen Stellung in der Gemeinschaft. Je üppiger sich ein Stammesmitglied schmückt, desto weniger muss der Trägerin oder der Träger in der Regel arbeiten. Die Übergänge vom Ästhetischen zum Magischen sind fliessend. «Wer sich eine durchlochte Muschel um den Hals hängt oder eine Feder ins Haar steckt, kann sich damit zugleich schöner und stärker machen.» (Klever, S. 9) Gerade bei Naturvölkern haben viele Schmuckstücke Amulettcharakter. Sie beschützen den Träger vor bösen Geistern; eigentlich sind sie Ausdruck für ein Gebet. (Klever, S. 16)

Salome überrascht mich erneut, als sie plötzlich eine filigran verzierte Schmuckschatulle anfasst, die an einem Lederband um ihren Hals baumelt. «Eigentlich bräuchte ich die jetzt nicht mehr. Ich bin ja fast daheim.» Meine Neugierde ist grösser als meine Höflichkeit und ich bitte sie, mir den Inhalt der Büchse zu zeigen. Vorsichtig öffnet sie die Schatulle, und ein kleiner ovaler Türkisstein kommt zum Vorschein. «Der Türkis, der Stein der Himalayaländer, ist Buddah geweiht. Er ist einer der ältesten Schmucksteine der Welt», doziert Salome und ich versuche zu begreifen, dass dieses 10-jährige Mädchen gerade das Wort «Buddha» in den Mund genommen hat. «Mein Vater ist auf Türkisschmuck spezialisiert», sagt sie leichthin. «Und die Schatulle?», frage ich ungläubig. «Das ist eine Amulettbüchse. Darin befindet sich eigentlich eine Art magischer Schutzbrief, ein Papierstück mit religiösen Inschriften. Kein Tibeter oder Ladakhi würde ohne eine oder mehrere Amulettbüchsen auf eine Reise gehen.» Ich bin erst mal platt und stammle : «Und die trägst du immer um deinen Hals, wenn du reist?» Salome zuckt mit den Achseln. «Nein, eigentlich nicht. Aber mein Papa hat sie mir mitgegeben. Wahrscheinlich stand sie zu lange im Laden herum.»

Salomes überwältigendes Wissen auf dem Gebiet des Schmucks ist etwas irritierend, und trotzdem gefällt mir, was sie von der alten Tradition der Tibeter erzählt hat. Viele Leute leiden unter Reisepanik. Sie sehen sich plötzlich auftretenden Urängsten ausgeliefert, kurz bevor sie eine Reise antreten. Etwas in ihnen sträubt sich mit aller Kraft gegen die bevorstehende Reise. Meine Mutter reist fürs Leben gerne, aber jedes Mal beschwört sie mich kurz vorher, sie diese Reise unter keinen Umständen antreten zu lassen. Eine Amulettbüchse würde einer von Reisepanik befallenen Person ein Gefühl der Sicherheit und Stärke vermitteln. «Warst du denn schon einmal in Tibet oder Ladakh?», frage ich Salome. Mittlerweile würde mich bei diesem Mädchen nichts mehr überraschen. «Nein, natürlich nicht. Dafür bin ich doch noch viel zu klein. Aber Papa hat mir viel davon erzählt. Weisst du, was in der Mongolei oder Tibet sehr teuer ist?» Ich verneine kopfschüttelnd. «Korallen, weil das Meer so weit weg ist und sie auf langen Wegen über das Gebirge gebracht werden müssen. Und ich habe auf Korfu beim Schnorcheln mit meiner Freundin Anita fast jeden Tag Korallen gesehen!»

Ich denke über die Bedeutung von Schmuck in unserer heutigen Zeit nach. «Schmuck» kommt von «schmücken». Wir schmücken uns, um zu gefallen. Das hat sich über Jahrhunderte hinweg nicht verändert. Im Unterschied zu den Naturvölkern schmücken wir uns jedoch kaum, um uns vor bösen Geistern zu schützen. Trotzdem kann das Tragen eines Schmuckstücks noch heute einem Gebet gleichkommen. Schliesslich tauschen Mann und Frau nach wie vor Ringe, wenn sie sich die ewige Treue schwören. Es gibt Familienringe oder Siegelringe, die Zugehörigkeit zu einer bestimmen Gruppe oder Gemeinschaft ausdrücken. Junge Männer oder Frauen bekommen zur Konfirmation oder Firmung eine Uhr geschenkt. Ja sogar kleinen Kindern werden bereits Bernsteinketten umgehängt, weil das angeblich gegen die Schmerzen hilft, die auftreten, wenn sie die ersten Zähne bekommen. Jedem grossen Moment in unserem Leben wird mit einem besonderen Schmuckstück zusätzliche, weihevolle Bedeutung verliehen, wobei auch die Beständigkeit von Edelmetallen eine grosse Rolle spielt. Schmuckstücke sind ein Statement, eine Art persönliches Manifest. Der Symbolcharakter ist aus dem Schmuckatelier jedenfalls nicht wegzudenken, so wenig wie aus dem Tattoo-Studio: Wir leben in einer mit Tätowierungen überschwemmten Gesellschaft, und viele der Tattoos haben für den Träger eine ganz bestimmte, sehr individuelle Bedeutung. Die Tatsache, dass Tätowierungen nur mit grossem Aufwand wieder zu entfernen sind, verstärken ihre hohe symbolische Bedeutung noch. Bei näherer Betrachtung ist unsere eigene Kultur also gar nicht so arm an Schmucktraditionen, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte.

Unter diesen Gesichtspunkten wird der Gold- oder Silberschmied zu so etwas wie einem Zauberkünstler, einem Magier oder Priester. Sein Handwerk hat sich in 3000 Jahren nur wenig geändert. Es ist genauso beständig wie das Material, mit dem er arbeitet. Auch weltweit gibt es kaum lokale Unterschiede in der Verarbeitung. Die Arbeit mit Hammer und Amboss bleibt immer dieselbe, egal ob ein Schmuckhersteller am Rande der Sahara lebt, in den Bergwäldern von Thailand, in Kabul oder Damaskus oder in den Dschungeldörfern Borneos. (vgl. Klever, S. 51) Sein Ansehen ist jedoch nicht überall so hoch wie bei uns: In Afrika wird die Berufsgattung der Schmiede manchmal missachtet, aber immer gefürchtet. Bei den Tuaregs wird nur untereinander geheiratet, Schmiede wohnen ausserhalb der Gemeinschaft. Auch bei den Massai leben die Schmiede ausserhalb der Gemeinschaft, sie gelten als unrein. (vgl. Klever, S. 51) Ich hingegen bin völlig vorurteilsfrei und seit der Begegnung mit dem Goldschmiedmädchen überzeugt davon, dass Salomes Vater das goldene Los gezogen hat: Auf einer griechischen Insel im Ionischen Meer filigran verarbeitete Schmuckstücke herzustellen, mit dem tiefblauen Meer direkt vor der Werkstatttüre und 3000 Sonnenstunden im Jahr... was für ein sinnliches, inspirierendes Leben!


Quelle: Katrin & Ulrich Klever, Exotischer Schmuck, Mosaik Verlag

Freitag, 20. August 2010

Vom Glück der Piano-Kinder

amazonen_negativ Die Eremitin und ich haben einmal gemeinsam Vietnam bereits und abgesehen davon, dass es in Vietnam beeindruckend guten Kaffee gibt, haben mir auch die kleinen Balkon-Restaurants mit den bunten Lampions gefallen, die hoch oben wie Vogelnester an den Hausfassaden kleben. Dort kann man dann stundenlang sitzen und das Gewimmel der Leute beobachten, die unten durch die Gassen strömen. In so einem Café haben wir eines Abends einen weitgereisten Geschäftsmann kennen gelernt, der in Vietnam medizinische Geräte für Krankenhäuser abzusetzen versuchte. Er hat uns auch von TV-Kochshows erzählt, in denen nackt moderiert wird; überhaupt hat er sehr viel erzählt. Ich fand ihn aufgeblasen, grosskotzig und arrogant. Das Dumme ist, dass solche Menschen manchmal eine Faszination auf uns ausüben, der wir uns nicht entziehen können, selbst wenn wir es wollen. Im Grunde war er vermutlich ein armes Schwein, so ganz allein und weit weg von Zuhause. Doch eines musste man ihm lassen: Sein Horizont war weit, und er wusste viel. Und er hatte sich seine eigenen Gedanken gemacht. Er war keiner, der nachplappert. Ob uns schon einmal aufgefallen sei, dass Lehrer, überhaupt mit dem Intellekt arbeitende Menschen, immer einen Volvo fahren würden? «Smart guys drive safe cars», brachte er es auf den Punkt. Die Eremitin und mich hat das sehr beeindruckt. Wir hätten nie gedacht, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Marke eines Autos und der intellektuellen Fähigkeit seines Fahrers.

Die Eremitin und ich sind seinem Beispiel gefolgt und haben ebenfalls eine Theorie entwickelt, die in eine ähnliche Richtung geht. Sie lautet: Es gibt einen unleugbaren Zusammenhang zwischen der Herkunft eines Menschen und dem Vorhandensein eines Pianos in dessen Elternhaus. Das Piano ist die kritische Grösse, es teilt uns Menschen in zwei Kategorien: Ein Piano im Haus bedeutet Büchergestelle mit dicken Lexikabänden, Eltern die Wein aus bauchigen Gläsern trinken und schmeichelnde Pianoklänge, die durch die luftigen Korridore wabern. In Haushalten von Arbeiterfamilien hingegen steht kein Piano. In erster Linie weil keiner die Zeit fürs Spielen findet. Zudem ist es meistens eng in solchen Wohnungen, und angesichts des vielen Raumes, das so ein Piano einnimmt, ist daran nicht zu denken. Die Eremitin und ich sind – wen wunderts - beide ohne Piano aufgewachsen. Das ist vermutlich auch der Grund, warum wir klugen Schwätzern gegenüber viel nachsichtiger sind, als sie es eigentlich verdienen würden.

Montag, 16. August 2010

Eine Ferienmaschine der anderen Art

Bald kommt sie wieder, die Zeit der Ferienrückkehrer. Einem typischen Ferienflieger entsteigen in Zürich-Kloten Ehepaare im mittleren Alter mit Bäuchlein und Sonnenbrand, leicht bekleidete Frauen mit Silikonbrüsten, Männer in Schweizerkreuz-T-Shirten, Kleinfamilien mit Kindern, die den Sandeimer noch hinter sich herschleifen, grölende Strohhüte tragende Junggesellen, das «All inclusive»-Armband noch ums Handgelenk... Die allgemeine Stimmung: Satt und zufrieden. Ich stehe dort, schaue zu wie sie aussteigen und frage mich, was sie in der vergangenen Woche wohl erlebt haben, was sie gesehen haben, welche emotionalen Berg- und Talfahrten sie durchgemacht haben.

Wie gross ist da der Kontrast zu einem Ferienflieger der etwas anderen Art, den ich vor kurzem abzuholen hatte: Die Mittagsmaschine der Emirates Airlines aus Dubai mit fast 300 Passagieren, das Flugzeug ist zum Bersten gefüllt mit Familien aus den Arabischen Emiraten, Kuwait oder dem Irak. Sie sind gekommen, um der sengenden Hitze in ihren Heimatländern zu entfliehen und in der kühlen Schweiz Zuflucht zu finden, der «guten Stube Europas». Drei Frauen in langen schwarzen Gewändern mit Kopftuch und Gesichtsschleier ziehen mich ganz besonders in ihren Bann. Lernen sie sich irgendwo kennen, wissen sie ja nicht mal, wie alt sie sind, geschweige denn, wie sie aussehen, schiesst es mir durch den Kopf. Oder ist es die Stimme, die solche für uns selbstverständliche Grundinformationen vermitteln kann? Lernt man mit der Zeit, auf gewisse Zeichen zu achten?

In der Zollhalle sehe ich die drei wieder, sie sitzen auf einer Wartebank, während sich die Männer ums Gepäck kümmern. Den Schleier haben sie inzwischen abgenommen oder besser gesagt unters Kinn gezogen. Nun kann ich ihr Alter schätzen: Eine der Frauen ist jung. Sehr jung. Ein Kind tollt mit einem roten Ball herum. Die Stimmung ist unaufgeregt, leicht erwartungsvoll, aber vor allem sehr entspannt. Sie sehen aus wie Menschen, die es geniessen, für einmal ganz genau zu wissen, was sie erwarten wird. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich eigentlich gar nicht gross von den Urlaubern eines typischen Ferienfliegers. Auch sie ziehen es vor, zu wissen, was sie erwartet.

Donnerstag, 5. August 2010

Weibsgeschichten I

«Weibsgeschichten» könnten manchmal unterschiedlicher nicht sein. Das habe ich in jenem Sommer erlebt, als ich bei einem Partyservice aushalf. Ich hatte es mir immer toll vorgestellt, an Hochzeiten für die Verköstigung der Gäste zuständig zu sein, weil ich generell viel übrig habe für Partys und Feste, vor allem dann, wenn sie rauschend sind, und das sind Hochzeiten ja meistens. Mein Einstand als Partyservice-Kellnerin an einer Hochzeit war also lange herbeigesehnt. Ich weiss noch genau, es war der 7.7.2007, ein beliebtes Hochzeitsdatum, und ich stand in meiner frisch gestärkten Schürze hinter dem Apéro-Tisch, bereit, den Gästen mit dem Prosecco aufzuwarten. Die vergangenen Stunden waren an Turbulenzen kaum zu überbieten gewesen. Am Nachmittag hatte sich mein Freund von mir getrennt, ich stand, wenn nicht vor dem Nichts, so doch wenigstens vor einer neuen Identität, einem neuen Lebensabschnitt und hatte keine Zeit gehabt, das auch nur annähernd für mich zu verarbeiten. Ich war mit dem Rad den Weinberg hinaufgekeucht, wo die Hochzeitsfeier stattfinden sollte, noch ganz ausser Atem wurde ich vom Anblick des stilvollen Décors überwältigt, wo sich ein weisses Zelt an den Rebberg schmiegte, zusammen mit einem von Sonnenblumen umrankten Triumphbogen für das Hochzeitspaar. Das war der Tag meiner Trennung, und für jemand anderes war es der Tag der Vereinigung.

Ich stand also da, sah die Braut und den Bräutigam einer Kutsche entsteigen, sah die Braut gemessenen Schrittes auf mich zukommen, und je näher sie kam, desto genauer erkannte ich ihr Gesicht und desto deutlicher dämmerte mir, dass ich diese Frau kannte. Es war eine alte Schulfreundin von mir, mit der ich drei Jahre die Schulbank gedrückt hatte! Mir fiel die Kinnlade herunter, genauso wie ihr, und darauf folgte eine stürmische Umarmung. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Hier stand ich also, vor einer gescheiterten Beziehung, hatte weder Geld noch einen richtigen Job, währenddessen meine Schulfreundin in diesem Traum aus Tüll steckte und bereit war, sich zu binden, einem Mann ihr «Ja-Wort» zu geben. Bis dass der Tod Euch scheidet. Was für ein Kontrastprogramm.

Doch ich mag diese Geschichte, gerade weil sie so kontrastreich ist. Denn Kontraste bedeuten auch immer ein Maximum an Gefühl. Es war offensichtlich: Wir standen an zwei völlig konträren Punkten in unserem Leben. Chaotisch, wild und unberechenbar der eine, gesittet, ordentlich und durchdacht der andere. Dass ich mangels Besteck zu mir nach Hause beordert wurde, um gabel- und messertechnisch für Nachschub zu sorgen, weiss die Schulfreundin bis heute nicht. Ihr Hochzeitsmahl hat sie unwissentlich mit einer aus dem Chaos geborenen Gabel zu sich genommen. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass das kein schlechtes Omen gewesen sein kann.

Freitag, 30. Juli 2010

Paradies hinter Gittern

Srinagar (IN), Kaschmirtal

Bei Sonnenuntergang auf der hölzernen Bootsveranda zu sitzen, an einem köstlichen Kashmiri Kawha zu nippen und den Blick über den Dal Lake schweifen zu lassen, ist ein geradezu mystisches Erlebnis. Von hier lässt sich beobachten, wie arabisch aussehende Männer in langen schmalen Booten gemächlich auf dem Wasser dahinrudern, in der Ferne schimmern die schneebedeckten Ausläufer des Vorderen Himalaja. Die Umstände, die mich damals nach Kaschmir geführt haben, waren schicksalhaft, die Reise in keiner Weise geplant, und dennoch bin ich dankbar, dass ich diesen besonderen Ort bereisen durfte. Das liegt jetzt vier Jahre zurück und etwas sagt mir, dass ich nie mehr ins grüne Kaschmirtal zurückkehren werde. Kaschmir ist zu einem Sehnsuchtsort geworden, genauso wie für Tausende Exil-Kaschmiris auch.

Der indische Teil Kaschmirs ist ein stark umkämpfter Flecken Erde. Soldaten des indischen Militärs, die mit dunklen Blicken die Strassen Srinagars patrouillieren, lassen keinen Zweifel daran. Der aufblitzende Gewehrlauf an den Schultern der Soldaten verursacht jedem Besucher eine Gänsehaut. Ich befinde mich in einem Kriegsgebiet, geht einem bei einer harmlosen Stadtbesichtigung durch den Kopf. Wie es heisst, sind 700 000 Soldaten in Kaschmir stationiert. Die Region gehört zu den am stärksten militarisierten Gebiete der Welt. «Kaschmir gleicht momentan einem wunderschönen Gefängnis», schreiben Ella von der Haide und Alexander Vorbrugg im «Friedensforum».

Tatsächlich liegen menschliche Tragödie und landschaftliche Schönheit nirgendwo so nah zusammen wie in Kaschmir. Mit der Besonderheit eines Ortes geht oftmals eine geografische Einzigartigkeit einher. Das Kaschmirtal liegt an den Ausläufern des Vorderen Himalaja auf ungefähr 1700 Metern über Meer, eingebettet zwischen Pakistan, Indien und China und war jahrtausendelang Kreuzungspunkt von Karawanenstrassen. Händler haben hier auf ihrer beschwerlichen Reise Rast gemacht und sich von anderen Handelsreisenden Informationen über unpässliche Bergrouten beschafft oder sich gegenseitig ihre mitgeführten Schätze vorgeführt, kunstvoll verarbeitete Stoffe oder Silberschmuck. Seit Jahrtausenden hat Kaschmir eine Brücken- und Knotenfunktion zwischen Vorder- Zentral und Südasien; es wird in einem Atemzug mit dem Wort «Seidenstrasse» genannt. Seit Alters her war Kaschmir ein Schmelztiegel der Kulturen.

Fremdeinflüsse haben dazu beigetragen, Kaschmir zu dem zu machen, was es heute ist. Die Briten hatten während ihrer indischen Herrscherzeit eine besondere Vorliebe für das Tal. Weil es ihnen aber aus gesetzlichen Gründen verboten war, Land zu erwerben, holten sie alte Lastkähne und vertäuten sie am Ufer des Dal Lake. Die Hausboote sind heute das eigentliche Wahrzeichen von Srinagar. In vieler Hinsicht scheint Kaschmir von der Welt vergessen zu sein und mindestens hundert Jahre zurückzuliegen. Die Lebensweise im Tal ist einfach und ehrlich, der arabische Einfluss vermischt sich auf ganz besondere Art mit dem asiatischen. Zehn Tage auf einem solchen Hausboot zu verbringen, fühlt sich an, als hätte man eine Zeitreise gebucht. Die Soldaten mit ihren grimmigen Blicken sind auf dem See weit weg, die Sicht von der Bootsterrasse auf den glitzernden See ist atemberaubend und die Szenerie mit den schaukelnden Shikaras und den schachtelartigen ineinanander verkeilten Häuserfassaden gleicht einem Holzschnitt aus dem Alten China.

Doch die Boote sind in einem schlechten Zustand. Auf dem Dach fehlen teilweise Dielenbretter, vieles sieht verwahrlost aus. Nachmittags treffen sich die wenigen ausländischen Touristen auf dem Sonnendeck und man liest ein Buch, bringt sich gegenseitig einzelne Wörter in der jeweiligen Sprache bei, spielt Gitarre oder erzählt sich Geschichten. Kurz gesagt: Auf dem Hausboot gibt es absolut nichts zu tun; die Händler, die mit ihren schwimmenden Langbooten am Hausbootsteg anlegen und Import-Schokolade, Zigaretten und Bier verkaufen, bedeuten die einzige Abwechslung. Doch langsam überträgt sich der gemächliche Lebensrythmus auf einem selbst und mündet in eine beharrliche Gelassenheit. Hier, auf dem Dal Lake, verliert alles, was man jemals für wichtig gehalten hat, an Bedeutung. Ob das heisse Wasser für eine Dusche ausreichen oder die heizbare Decke funktionieren wird, wenn man des Nachts ins Bett steigt, sind an einem solchen Ort die wirklich bedeutsamen Fragen.

Was für ein friedvolles Leben herrscht auf dem See, und wie sehr steht es im Kontrast zu den wütenden kriegerischen Handlungen, die sich in der Stadt Srinagar und den umliegenden Dörfern immer wieder ereignen. Unterschwellig sind die Spannungen dauerpräsent, doch die herzensguten Hausboot-Besitzer versuchen ein möglichst normales Alltagsleben zu führen. Frei bewegen können sich die Kaschmiris nur unter Vorbehalten, und das gilt erst recht für Touristen: Für die Erkundung des schwimmenden Gemüsemarktes oder der Shalimar-Gärten muss man sich von den Gastgebern begleiten lassen. Streifzüge auf eigene Faust sind nicht zu empfehlen. Die Ereignisse der letzten Monate, in denen es nach der Tötung von zwei jugendlichen Zivilisten zu Massenprotesten kam, deuten an, dass der Freiheitskampf nicht verebbt ist, sondern sich nur auf die nächste Generation übertragen hat. Die Konflikte und die Gewaltbereitschaft hat sich wieder verstärkt, «Go India Go», skandieren blutjunge Kaschmiris, die auf indischer Seite häufig in Verdacht stehen, mit pakistanischen Untergrundkämpfern verbündet zu sein. Eine Szenerie des Friedens aber fehlende Freiheit für die Zivilbevölkerung – ein haarsträubender Kontrast.

Wenn man dann abends nach einer kleinen nächtlichen Hausboot-Feier in sein eigenes Boot tappt und kurz vor dem Einnicken die Rufe des Muezzins über den stillen See schallen hört, fühlt man sich fremd und doch so geborgen. Geborgen im Bauch eines hölzernen Schiffes, einst vertäut von einem stammen Mitglied der britischen Armee, unter muslimischen Familien, die seit dem ersten Ausbruch des Konflikts vor zwanzig Jahren schon so viele Tote zu beklagen hatten, und dennoch ihren Lebensmut nicht verloren haben. Menschen, die nicht viel mehr besitzen als die aufrichtige Liebe füreinander. Nie werde ich das Geräusch des Regens vergessen, der stundenlang aufs Hausbootdach geprasselt ist und die musikalische Untermalung war für die kaschmirischen Volkslieder, gesungen von Menschen, die einen aufnehmen in ihren Reihen als wäre man der eigene Sohn, die eigene Tochter. Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn böse Menschen kennen keine Lieder. Kaschmir hat mir bewusst gemacht, wie arm an Gastfreundschaft meine eigene Kultur ist. Doch das grösste aller Paradoxe war die überwältigende menschliche Wärme, die sich diese Menschen an diesem kalten Bürgerkriegs-schauplatz bewahren konnten. Oder die sich vielleicht gerade deswegen so intensiv ausbilden konnte.

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Freitag, 23. Juli 2010

Bettlaken - blütenweiss

«It's just a silly love song», scheppert es aus den Radioboxen auf dem Eisschrank. «Nur ein dummer kleiner Liebessong, was für eine zynische Aussage», denke ich, während ich mit der Glacézange energisch die letzten Reste Zitroneneis aus dem Behälter kratze, eine ziemlich schweisstreibende Arbeit. Wann ist die Liebe etwas für Zyniker geworden? Und: Gibt es da draussen eigentlich noch irgendjemand, der an die alles verzehrende, unvernünftige, grenzenlose Liebe glaubt? Da fällt mir Mrs Doubtfire ein, was mich gleich viel versöhnlicher stimmt. Mrs Doubtfire heisst natürlich nicht wirklich Mrs Doubtfire, das ist nur mein Spitzname für sie, und mit ihrer üppigen Statur, dem vollen Busen, dem weissen Haarbausch und den schmalen, rot geschminkten Lippen sieht sie der schrulligen Nanny aus der gleichnamigen Komödie verblüffend ähnlich. Mrs Doubtfire ist Engländerin, eine typische noch dazu. Ich könnte schwören, dass sie tagtäglich um fünf Uhr nachmittags an ihrer geblümten Teeservicetasse nippt und dabei wohlig seufzt: «Es geht einfach nichts über eine gute Tasse heissen Schwarztee!»

Mrs Doubtfire ist um die sechzig und kommt ungefähr einmal im Monat nach Zürich. Abgeholt wird sie immer von einem stattlichen, gut gekleideten Herrn in ihrem Alter. Ihr Bruder? Ihr Mann? Ihr Geliebter? Jedes Mal, wenn ich die beiden dabei beobachte, wie sie an meinem Stand vorbeischlendern, fällt mir der Schalk auf, der ihre Umgangsformen prägt. Wie stark gründen ihre Dialoge auf diesem unverwechselbaren Witz und der Schlagfertigkeit, die dem englischen Humor so eigen sind. Die grösste erogene Zone – das muss man diesen zwei liebenswerten Menschen nicht mehr beibringen – ist immer noch der Kopf.

Wie die beiden zueinander stehen, war lange ein Rätsel für mich. Ein Geheimnis, das sich letzte Woche gelüftet hat, als Mrs Doubtfire ganz überraschend an meinem Stand auftaucht und sich in einen Korbstuhl fallen lässt. Entschuldigend meint sie, ihr Abholer würde sich ausnahmsweise verspäten und langes Stehen wäre ihr aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich. Und während ich ihr meine Basilikum-Eiscreme mit Basilikum aus dem eigenen Garten zum Versuchen gebe, verrät sie mir andeutungsweise den Grund für ihre häufigen Besuche: «Ich bin sehr dankbar, dass ich James kennen gelernt habe.» Sie würden sich sehen, sooft es eben ginge, ausserdem würden sie häufig miteinander telefonieren. Sofort tauchen Bilder von langen, leidenschaftlichen Telefongesprächen zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten vor meinem inneren Auge auf. Dieses Mal sei sie für vier Tage gekommen, James habe ein Auto gemietet und wenn das Wetter mitspiele, würden sie Ausflüge in die nähere Umgebung unternehmen. Aber verheiratet, nein verheiratet wären sie nicht. «Eine romantische Liebesreise», denke ich und male mir eine Frühstückspension zwischen Lavendelfeldern aus, wo zwei Liebende nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht bei Sonnenaufgang eine Tasse Kaffee trinken. Mrs Doubtfires Stimme reisst mich aus meinen Tagträumen: «Er hat sein Leben hier, ich habe mein Leben in England, ändern möchten wir das nicht».

Ich sinniere noch über ihre Worte nach, als meine Gedanken unterbrochen werden. Ein älterer, vornehmer Herr im guten Anzug nähert sich meinem Stand. Mrs Doubtfires Wangen werden rosig: «Da ist er ja, mein grossgewachsener, gutaussehender Mann!» Und dann lachen wir, es ist ein Verschwörerlachen, ein wissendes Lachen, ein Lachen von Frau zu Frau. «Mam, darf ich sie entführen», sagt James und hält Mrs Doubtfire den Arm hin. Sie hakt sich bei ihm unter und gemeinsam spazieren sie davon, während sie sich unterhalten, mit dieser typischen wohlerzogenen, zurückhaltenden Höflichkeit. «Diese Generation von Engländern ist wirklich noch so», denke ich, während ich ihnen nachschaue. Sofort bin ich bereit, der Liebe nochmals eine Chance zu geben. I am trapped. Ich bin ein hoffnungsloser Fall.

Allein bin ich mit dieser Liebessehnsucht allerdings bei weitem nicht. Genau genommen gründen ganze Industrien darauf. Seit einigen Jahren gesellen sich zur Hollywood-DVD-Sammlung im Büchergestell auch hier im Westen zusehends mehr Bollywood-Filme. Die Inder produzieren über 700 Filme pro Jahr und haben damit eine der grössten Filmindustrien der Welt, grösser noch als die Traumfabrik Hollywoods. Der indische Schriftsteller Kiran Nagarkar dazu: «Bollywood beeinflusst in Indien jeden Lebensaspekt auf ganz ungeahnte Art und Weise.» In Indien hat man für Angelina und Brad nur ein müdes Lächeln übrig. Die Inder haben ihre eigenen Stars, und ja, die Schönheit dieser Menschen, insbesondere die der Frauen, ist von ganz anderer Qualität, hat etwas Tiefes und Geheimnisvolles und nichts Dümmliches wie im Westen. Bollywood, das ist die Art von Kino, bei der man in der Pause ekstatisch seufzt: «Ja, gebt mir mehr!» Es ist ein Schmachten, ein sich-fallen-lassen, es ist pure Hingabe. Ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Pure, unverblümte Leidenschaft.

Würde in unser aller Leben nicht eigentlich viel mehr Leidenschaft gehören? Warum spannen wir den Schirm auf wenn es regnet, anstatt im Sommerregen zu tanzen, warum nehmen wir die Zahnbürste mit, wenn wir auswärts übernachten, warum haben wir noch immer den gleichen Job, obwohl er uns seit Jahren langweilt? Das Leben ist so kostbar. Machen wir etwas draus! Verbringen wir mehr Zeit mit Leben und weniger auf «facebook», küssen wir endlich den Mann, den wir schon lange begehren, tanzen wir in der Küche, wo uns die Nachbarn sehen können, machen wir jobmässig endlich das, was wir wirklich wirklich wollen, springen wir dem Teufel vom Karren, ja sind wir endlich wieder einmal leidenschaftlich! Das Leben hat keine Öffnungszeiten und der Schleudersitz ist unser bevorzugter Platz. Ergreifen wir die Chance, wachen wir endlich auf, wagen wir, verzeihen wir, singen wir laut im Frühlingsregen und schreien ja! Ja! Ja! in die Frühlingsnacht hinaus.

Das Bollywood-Kino malt die ganz grossen Gefühle an die Wand, es ist überschwänglich und im wahrsten Sinne des Wortes unersättlich. Übertrieben, sagen wir im Westen. Kitschig. Bollywood-Fans werden verächtlich als hoffnungslose Romantiker abgetan. Doch warum, frage ich mich, wird Romantik so geringschätzig betrachtet? Vielleicht weil sie etwas Naives an sich hat. Und niemand möchte in der Welt, in der wir heute leben, als naiv angesehen werden. Natürlich erfüllen solche Filme auch einen Zweck. Wir erwarten von ihnen, dass sie uns in eine andere Welt versetzen, einer Realitätsflucht gleich. Aber könnten sie uns nicht auch als Inspiration dienen? Könnten sie für uns nicht Anstoss sein, mehr auszubrechen, ein Leben zu führen mit blütenweissen Bettlaken wie im Film? Ich glaube, wir alle könnten leidenschaftlicher sein, wenn wir es denn nur wollten. Visionen müssen sich nicht eins zu eins manifestieren, wie wir sie uns erträumt haben. Sie weisen uns nur den Weg. Romantische Filme geben uns die Richtung vor, sie sind wie Sterne, an denen wir uns orientieren können. Doch Sattheit ist leider schwer in Bewegung zu bringen. Viel zu oft verpassen wir die Gelegenheit um verrückt, unvernünftig und ein bisschen wild zu sein.

Ich muss noch eine Weile über die «Besuchsehe» nachdenken, von der Mrs Doubtfire gesprochen hat. Ein Modell, das grössten Reiz auf mich ausübt. Schliesslich ist die Vorfreude in der ersten Zeit des Verliebtseins elementar, dieses fiebrige Element, das uns so lebendig macht. Und in einer Besuchsehe geht es nie verloren, die Leidenschaft erkaltet nie, die weissen Bettlaken haben nie ausgedient, müssen niemals der Bico-Matratze und dem atmungsaktiven Gänsefedernduvet weichen.«Mrs Doubtfire hat sich einen lover genommen!», denke ich, und ein schelmisches Grinsen überzieht mein Gesicht. Wie anrüchig und frivol, wie leidenschaftlich! Sollten wir uns von der Liebe nicht vor allem dann fürchten, wenn sie ihren gewohnten Gang nimmt, wenn das Gegenüber plötzlich allzu selbstverständlich wird, wenn das eigene Liebesleben plötzlich allzu «prosaisch» wird, also «frei von romantischen Gefühlswerten?» Die «neue Sachlichkeit» ist eine Stilrichtung, die in der Kunstwelt ihre Berechtigung hat. Für unser Leben ist sie denkbar ungeeignet. «Mehr blütenweisse Bettlaken!», ist die Parole, die es auszugeben gilt. Wir alle sind die Regisseure des Films, der unser Leben bedeutet. Deshalb können auch nur wir ganz allein dem Drehbuch mehr «masala» beimischen.

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Chalid al-Chamissi
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