Donnerstag, 15. Juli 2010

«Dinner for one» à la Lockenkopf

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Freundschaften zu pflegen ist nicht immer ganz einfach. Schweizerinnen und Schweizer seien gut darin, heisst es zwar. Und dennoch geht auch in Zeiten von «Facebook» nichts über den persönlichen Kontakt, das Gespräch. Entweder von Angesicht zu Angesicht oder per Telefon. Meine Freundin Lockenkopf hatte in dieser Hinsicht früher eine sehr nachahmenswerte Angewohnheit: War sie in leicht aufgekratzter Stimmung und lag gerade ein freier Abend vor ihr, nahm sie ihr Adressbuch zur Hand und rief von A bis Z all jene Leute an, von denen sie seit geraumer Zeit nichts mehr vernommen hatte. Alte Schulfreunde wurden nach ihrem Wohlbefinden gefragt, rauschende Feste in der gemeinsamen Erinnerung aufgefrischt, Hochzeitsmeldungen und Babyniederkünfte ausgetauscht, alte Lehrer durchgehechelt. Szenen einer Vergangenheit. Im übertragenen Sinne hat Lockenkopf all ihre Weggefährten zu Tisch gebeten, wobei die Gästeschar nach jedem getätigten Anruf wieder um eine Person reicher wurde. Den Klatsch, den sie erfuhr, konnte sie gleich für die nächsten «Gäste» an ihrem Dialogtisch zweit- und drittverwerten. Bald entstand eine bunte, laute Party, eine Art privat inszenierte Klassenzusammenkunft mit all jenen Menschen, mit denen Lockenkopf ein Stück Vergangenheit geteilt hatte. Und das bequem vom Sofa aus! Nicht mal eine Tasse Kaffee brauchte sie ihren Gästen anzubieten.
Zudem hat es den Vorteil, dass man das Gespräch ohne grosse Mühe («oh es klingelt an der Tür!») wieder beenden kann, wenn man sich doch nicht mehr so viel zu sagen hat, wie man eigentlich dachte. Bei einer richtigen Klassenzusammenkunft hingegen kommt es selten gut an, wenn man sich bereits vor dem Hauptgang wieder vom Acker macht. Ohne Alkohol, der die Zunge lockert, dessen Genuss sich aber spätestens am nächsten Tag rächt und ohne ein üppiges Essen, das schwer im Magen liegt, kann man so ganz lustvoll in der Vergangenheit schwelgen. Höchstens auf der Telefonrechnung schlägt es zu Buche. Aber zumindest so viel sollten einem alte Freunde Wert sein.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Peace country Switzerland

Ich mag es, Menschen Willkommen zu heissen. In meiner Tätigkeit als Passagierbetreuerin am Flughafen sehe ich es als Teil meiner Aufgabe. Für meine Passagiere bin ich die Brücke in die neue Welt, die sie gleich betreten werden. Ich schaue in die neugierigen, offenen Gesichter mit den wachsamen Augen und bin mir meiner Verantwortung bewusst. Die Verantwortung für einen gelungenen Start. Meistens unterhält man sich über Leichtes. Den vergangen Flug. Das Wetter. Ferienpläne. Die Passagiere lassen sich gerne durchs Gespräch führen. Doch manchmal kommt es vor, dass jemand ganz unverhofft die gefürchtete Frage stellt, die eigentliche Killerfrage: «Do you love Switzerland?» Für einen Moment stockt mir der Atem. Wie kann man auf so eine Frage nur ansatzweise eine angemessene Antwort geben? Ich bin schon bei Menschen überfordert, wie kann ich da einem Land in meinem Urteil gerecht werden, noch dazu meinem eigenen? All meine Vorväter waren bereits Eidgenossen, ich habe nichts anderes, worauf ich mich berufen kann, keine fremdartigen Wurzeln haben meine Gene mitgeprägt. Mein Stammbaum ist ein knorriger Apfelbaum ohne jeglichen Hauch von Exotik.

Ich weiss nicht, ob ich die Schweiz liebe. Aber ich liebe die Fahrt mit der Rhätischen Bahn von Landquart nach Davos. Ich liebe das rhythmische Rattern, wenn der Zug nach jedem Drehtunnel an Höhe gewinnt, ich liebe es, wie sich der rote Pfeil durch die dicht bewaldete Landschaft schlängelt, insbesondere im Winter, wenn die Tannenzweige unter dem Gewicht der Schneemengen ächzen. Ich liebe die winzigen Bahnhofhäuschen, die von Zeit zu Zeit zu beiden Seiten auftauchen, mit Zinnen aus Holz und so schönen Namen wie «Cavadürli» oder «Laret». Im Gehörgang das «plopp» des Druckausgleichs. Die 1500 Meter über Meer sind bald erreicht. Nach unzähligen Kurven kommt irgendwann die letzte Kurve, bevor sich die Landschaft in die Ebene öffnet und der grünlich schimmernde Davosersee vor dem Zugfenster erscheint. Die Veränderung der Landschaft ist das Zeichen, dass sich die Fahrt bald ihrem Ende zuneigt, die Bahn ihr Ziel erreicht hat: Davos, die höchst gelegenste Stadt Europas mit ihren drei Seitentälern und der Luft, so frisch und rein, dass sie für Lungenkranke einst letzte Chance auf Heilung war.

Der Satz «Ich liebe die Schweiz» kommt niemandem leicht über die Lippen. Er will nicht so ganz zu einem der unpatriotischsten Völker dieser Erde passen. Selbst Personen, die Militärdienst geleistet haben, können den Text der Schweizer Nationalhymne nur in Ausnahmefällen auswendig. Dabei sagt der Hymnentext bereits so viel aus über die Schweiz. «Unsere» Nationalhymne hat nichts Triumphales, kein Säbelrasseln wie vielerorts sonst, keine Kriegsverherrlichung wie man sie anderswo findet. Der «Schweizer Psalm» ist ein Gebet und gleichzeitig eine Anrufung an die Schönheiten der Natur. Von «Morgendämmerung» ist da die Rede und von «Abendglühn», von «Strahlenmeer» und «Nebelflor». Ja, naturverbunden sind wir alle auf die eine oder andere Art. Bodenständig. Wandern oder Ski laufen ist in Schweizer Familien als Freizeitprogramm gesetzt. So wie mein Grossvater, der im Jahr 1927 an einem Brief an seine Schwester schrieb:

«Jetzt marschierten wir dem Höhenweg nach. Das war sehr fein zu laufen. Es ging immer gerade. Im Augenblick waren wir ob dem Mäder. Dort liessen wir ein paar Jauchzer los. Bald war eine Stunde verflossen. Das Znüni war auch bald geschmaust.»
27.08.1927 Jakob Prader an einem Brief an seine Schwester Maria Prader


Der Schweizer jauchzt vor Glück über die Herrlichkeiten der Natur, die ihn umgeben – und dann schmaust er noch seinen «Znüni»... was für ein liebreizendes, unbedarftes Völklein! Des Schweizers Blick auf die Welt ist von Liebenswürdigkeit geprägt. Er schätzt die kleinen Dinge. Noch heute versieht jeder Schweizer Bauer seine Milchkuh mit einer Glocke. Einerseits macht er das aus rein praktischen Gründen. Türmt sie, kann sie mit Hilfe der bimmelnden Glocke geortet werden. Gleichzeitig kommt es aber auch einem schmücken gleich. Der Bauer staffiert seine Kuh aus, die Glocke hängt an einem farbenfrohen Band, es ist eine Art Ehrerbietung, er baut eine Beziehung zu ihr auf, schliesslich nährt sie ihn und sichert das Auskommen seiner Familie. In Puerto Rico oder Argentinien sind Kühe «Vieh», sie werden gemästet, sind von Anfang an für den Verzehr gedacht, sehr nüchtern, sehr prosaisch. Ihnen eine Glocke anzulegen würde den Bauern dort niemals einfallen. Der Schweizer «hebed Sorg», zu dem, was ihm anvertraut wurde. Das zeigt sich auch an unserem Umgang mit dem Dreck, den wir hinterlassen: Wir sind Weltmeister in der Abfalltrennung, auch das kleinste Papierfetzchen tragen wir solange mit uns herum, bis wir einen Abfalleimer dafür erspäht haben. Selbst im Ausland, wo meistens lockere Abfallsitten herrschen, widerstrebt uns «littering» von ganz, ganz tief innen her.

Ich weiss nicht, ob ich die Schweiz liebe. Aber ich liebe die Schweiz dafür, dass ich als Frau mitten in der Nacht durch die Stadt gehen kann und mich absolut sicher fühle. In der Schweiz herrscht Frieden, so gross, dass man ein neues Wort dafür erfinden müsste. Die Schweiz hat sich in ihrer Verfassung zur Neutralität verpflichtet und hat eine lange humanitäre Tradition. Swisscoy und andere Friedenstruppen leisten wertvolle Arbeit zur Sicherung des Friedens in kriegsgeschüttelten Regionen. Der Frieden ist der Schweiz viel Wert. Doch hatte die Schweiz jemals eine andere Wahl? Geografie bedeutet gleichzeitig Schicksal, und im Falle der Eidgenossenschaft heisst das: Durch ihre geografische Lage als kleines Alpennest, umgeben von Ländern so viel grösseren Ausmasses, fand sie sich fast zwangsläufig immer irgendeiner Bedrohungslage ausgesetzt. Kooperationswille wird unter diesen Bedingungen zum puren Überlebensinstinkt. Die Schweiz möchte es gerne allen Recht machen, ihr fehlt den Mut für den klaren Schnitt und die unpopulären Entscheide. Die Schweiz hat etwas Kleinherziges, Feiges. Sie ist die Katze Aug in Aug mit der Würgeschlange – als einziges Tier bewegt sich die Katze auf so leisen Sohlen, dass sie von der Schwarzen Mamba unentdeckt bleibt. Um nicht vom grossen Feind entdeckt und kalt gestellt werden, veranstaltet die Schweiz keinen unnötigen Lärm. Sie kuscht, schlängelt sich durch.

Die schweren Anschuldigungen aus dem Ausland der jüngsten Zeit haben der Schweiz arg zugesetzt. Vorwürfe stehen im Raum: Der Schweiz wird angelastet, dass sie sich zur Sicherung ihres Wohlstands unlauteren Methoden bedient, Vermögen von Steuerflüchtlingen hortet und die Reichtümer von Schurken auf Nummernkonti lagert, was ihre Machterhaltung überhaupt erst ermöglicht. Die Schweiz muss sich wandeln – doch die Schweiz hat ihren ganz eigenen Zugang zum Wandel. Sicherheitsdenken hat hier hohen Stellenwert, das auf Konsens ausgerichtete, politische System verhindert plötzliche Umstürze, die Schweiz hat etwas ausgesprochen Bewahrende an sich. Das Gotthardmassiv steht symbolisch für dieses Unverwüstliche an der Schweiz - aber gleichzeitig auch für das Starre, Statische.

Wie so ganz anders verhalten sich Einwanderer. Menschen aus Ländern des Südens kommen hierher und ziehen aus dem Nichts einen Gemüsehandel, eine Frittenbude oder ein florierendes Baugeschäft auf. Ohne Managerkurs, ohne Businessplan, aber mit einer Extra-Portion Feuer, Willenskraft und Tüchtigkeit. Tüchtig sind wir Schweizer auch, aber es fehlt uns an der nötigen Leichtigkeit und der richtigen Einstellung in Bezug auf das Scheitern. Ein Plan scheitert in seiner Umsetzung? Schwamm drüber und her mit einem neuen Plan! Der eben verstorbene Swatch-Gründer Nicolas Hayek stand für diese in der Schweiz so rar gesäte Tatkraft und Entschlossenheit. Das hat ihn zu einem erfolgreichen Unternehmer gemacht. Und zu einer Persönlichkeit. Bezeichnend ist, dass auch Hayek einst aus dem Libanon eingewandert ist. Einfach mal loszulegen ist ein ausgesprochen unschweizerisches Verhalten. Hierzulande werden Risiken abgewägt, Zeitpläne erstellt, Umsatzprognosen gemacht. Wir sind ein gehemmtes Volk, von tief innen her constipated.

Dafür sind wir gute Denker. Bildung hat hierzulande einen hohen Stellenwert, in punkto Chancengleichheit steht die Schweiz weltweit an erster Stelle. Das hiesige Schulsystem erlaubt auch Kindern aus der Arbeiterklasse eine Karriere als Arzt oder Forscherin. Die Freiheiten, die dem Einzelnen in der Schweiz gewährt werden, sind einzigartig. Doch leider verhindert ein gewisses geistiges Klima, das wir sie nutzen könnten. Es ist hierzulande nicht besonders gern gesehen, wenn jemand nach den Sternen greift und seine eigenen Ideen umsetzt. Jemand, der die Komfortzone verlässt und sich zu neuen Ufern aufmacht, wird gerne als Nestbeschmutzer angesehen. Gerade junge Menschen erleben oftmals erst im Ausland, wie Leute ihre Ideen verwirklichen, wie viel Spass das macht und wie selbstverständlich es ist. Ein solcher Impuls aus der Fremde kann für die persönliche Entwicklung und für den weiteren Verlauf der Berufslaufbahn absolut wegweisend sein.

Es ist deshalb wohl kein Zufall, dass viele Schweizer im Ausland beruflich Erfolg haben. Im Ausland wird es plötzlich zur wohltuenden Selbstverständlichkeit, in grösseren Dimensionen zu denken. Etwas, wofür man sich in der Enge der Schweiz immer irgendwie rechtfertigen musste. Zudem bringen Schweizerinnen und Schweizer Qualitäten mit, die in der Geschäftswelt gefragt sind und wiederum für sie selbstverständlich sind: Korrektheit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit. Etwas überspitzt formuliert könnte man also sagen: «Wenn man nicht hier geboren ist oder nicht dauernd hier gelebt hat, ist die Schweiz das perfekte Land.» Doch schliesslich hat jeder Ort das Potential, etwas Gutes hervorzubringen. Auch auf ein bisschen Staub können Kartoffeln wachsen.

Dienstag, 13. Juli 2010

Mombasa einfach

Manche Orte möchte man besuchen allein ihres klingenden Namens wegen: Ljubljana, Bilbao, Mombasa. Der Klang solcher Ortsnamen kommt einem Versprechen gleich, sie sind nichts als pure Verheissung. Beim Wohlklang solcher Namen gibt man sich freiwillig der Illusion hin, dass man nur hinzufahren braucht und alles wird anders sein. Auf alle Fälle wird etwas geschehen. Etwas Überraschendes. Etwas Verrücktes, noch nie da gewesenes. Eine Geschichte, die sich in Bilbao oder Mombasa zuträgt, hat als Schauplatz einfach so viel mehr Potential. Namen haben ihr Schicksal. Davon bin ich überzeugt.

Nehmen wir für einen Augenblick an, nur wir selbst wären die Regisseure unserer eigenen Geschichte. Eine Geschichte, die es aufzuführen gälte auf der Bühne des Lebens. Manche sind um das Catering besorgt, möchten den Flyer für die Aufführung selber gestalten, am Liebsten würden sie auch gleich noch die Bühne eigenhändig zusammennageln und den roten Samtvorhang nähen. Andere wiederum fühlen sich wohl im Hintergrund, sollen die anderen doch im Mittelpunkt stehen, sie sind lieber Statisten, Beobachter.

Und dann gibt es noch die dritte Sorte Menschen: Menschen, die eine Statistenrolle einnehmen, aber eigentlich vom Rampenlicht träumen. Sie träumen von Ljubljana, Bilbao oder Mombasa. Aber hinfahren, hinfahren würden sie nie. Zu gross wäre die Gefahr, dass sich ihre Träume doch noch verwirklichen könnten. Lieber lachen sie laut und hämisch über jene Menschen, die nach Mombasa aufbrechen und sich damit dem Risiko zu scheitern aussetzen. «Mombasa einfach» ist ein Freiflugticket. Aber Flugangst, Flugangst darf man keine haben.

Dienstag, 29. Juni 2010

Randolph: Hinaus in die Welt

Randolph war stets gerne gereist. Er empfand es als belebend, und mit einem riesigen Schatz an Farben, Geschichten und Gerüchten kehrte er jeweils nach Hause zurück. Kaum hatte er seinen Koffer im Flur abgestellt, nahm er im Kopf bereits die Planung für seine nächste Reise in Angriff. «Wenn das Reisen doch nur zu meinem Beruf machen könnte!», hatte er mehr als nur einmal geseufzt. Seine Eltern hingegen schüttelten den Kopf über ihren herumvagabundierenden Sohn, sie fürchteten um Randolphs guten Ruf, sein «streunern», wie sie es nannten, konnte kein gutes Ende nehmen. Eines Tages packte Randolph ein paar Wechselklamotten in einen brauen Lederkoffer, schloss die Tür hinter sich und bestieg den nächsten Zug nach Triest. Randolph war entschlossen, seinen Traum zu leben, er wollte Erfahrungen machen, die Welt sehen, er wollte alles Neue und Fremdartige mit offenen Armen Willkommen heissen, ja er wollte LEBEN!

Die erste Ernüchterung nach seiner Ankunft in Triest liess nicht lange auf sich warten. Fremde Zungen redeten auf ihn ein, von denen er kein Wort verstand, es war backofenglutheiss und die Gassen stanken zum Himmel. Und erst der Hafen! Der Hafen von Triest war ein Hort von Frivolitäten und Exzessen. Randolph, eben erst der Provinz entkommen, schaute ungläubig dem wilden Treiben am Hafen zu. Waren wurden ein- und ausgeladen, exotische Tiere wie Papageien oder Schlangen standen auf dem Schwarzmarkt zum Verkauf, bärtige Matrosen versoffen ihre Heuer in nur einem Abend, Huren bezirzten die willigen Rückkehrer, die mit müden Augen und schwankenden Schrittes durch die Hafengässchen wankten. Die Matrosen schienen ein Volk von Gefallenen zu sein, und Randolph befand sich mitten unter ihnen. Klamm wurde ihm ums Herz. Sein Vater hätte ihn geradewegs enterbt, hätte er ihn unter dieser Meute gewusst. Randolph konnte sich gerade noch ein kleines, schäbiges Zimmerchen in einer heruntergekommenen Pension leisten. Durch das kleine Fenster hatte er Blick auf den Golf von Triest und den grenzenlosen Horizont. Heimweh packte ihn, Heimweh nach dem Vertrauten und dem Gefühl, die Kontrolle über sich und sein Leben zu haben. In den Kleidern legte er sich aufs Bett und schlief sofort ein, der Schlaf forderte sein Recht, trotz des Kummers in seinem Herzen. Seine Situation verbesserte sich erst, als er ein paar Tage darauf Heinrich kennen lernte. Heinrich war Deutscher und ging schon seit zwanzig Jahren auf See. Er war ein richtiger Seebär und sah auch dementsprechend aus. Heinrich lehrte Randolph alles, was man über das Matrosenleben wissen musste.

Montag, 21. Juni 2010

Randolph

Randolph sass in seinem Korbstuhl im Garten, er hatte sich einen Sarong um die Hüften geschlungen. Oben trug er ein marineblaues Hemd. Er liess den Blick über sein Anwesen streifen, aus der Ferne drangen Tierlaute an sein Ohr. Zufrieden lächelnd schenkte er sich Whiskey nach, leise klirrten die Eiswürfel im Glas. Ja, er hatte sich wirklich etwas aufgebaut mit dieser Farm. Und nun sollte ihm alles genommen werden. Morgen würden die Bulldozer auffahren.
«Randolph?» Eine asiatische Schönheit trat aus dem Haus, in ein Seidenkleid gehüllt, die langen dunklen Haare trug sie offen. Sie trat näher zu ihm heran, einige Haarsträhnen berührten leicht seine Schultern. «Was machst du hier draussen, so ganz alleine?» Randolph seufzte. «Ich weiss nicht. Ich sinniere.» Er dachte an all die rauschenden Feste, die er gemeinsam mit Freunden in diesem Garten gefeiert hatte. Randolph hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, alle paar Monate eine Handvoll Freunde einzuladen. Hier draussen im Busch hatten seine Cocktail-Partys längst einen festen Platz im sozialen Leben der paar Menschen, die sich diesen verlassenen Landstrich für ihr Leben ausgesucht hatten. «Ein soziales Grossereignis», murmelte er vor sich hin. Und plötzlich standen ihm Tränen in den Augen.
Elaine schien die Geduld zu verlieren. «Komm zurück ins Bett», schnurrte sie. Seit Randolph sich die junge Philipinin ins Haus geholt hatte, war einiges in seinem Leben in Schieflage geraten. Nachdem seine Frau von seiner Liebschaft Wind bekommen hatte, hatte sie alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihm den Ehebruch zum Verhängnis zu machen. Dabei lebten er und seine Frau schon lange getrennt. Doch im rückständigen Tansania waren die Gesetze anders, seine Frau zog vor Gericht und gewann. Randolph musste ihr das Anwesen als Schadenersatz überlassen, so entschied es das Gericht, plus eine Summe Bargeld in erheblicher Höhe als Abfindung.
Morgen würde Randoph nicht nur plötzlich ein mittelloser, fünfzigjähriger Weisser sein, sondern schlagartig auch seines sozialen Status beraubt. Denn was war ein Farmbesitzer ohne seine Farm? Behäbig stemmte er sich aus dem Sessel, sein fülliger Leib schränkte ihn in seiner Bewegungsfreiheit ein. Barfuss schritt er über den gepflegten englischen Rasen, der in der Abenddämmerung glitzerte. Die Grashalme kitzelten ihn an den Fusssohlen. Bald würde es ganz dunkel sein. Sein Haus stand auf einer Anhöhe, rund herum war das Gelände abfallend. Bloss ein Zaun trennte ihn von den wilden Schakalen, die ihn nachts mit ihrem Geheule beinahe um den Verstand brachten. Randolph drehte sich kurz um, um sich zu vergewissern, dass Elaine zurück ins Haus gegangen war. Viel Zeit hatte er nicht. Er musste handeln. Und zwar jetzt.

Dienstag, 8. Juni 2010

Labour of love

In der Gepäckhalle hatte ich letzte Woche eine rührende Begegnung mit einem älteren Herrrn. Noch tagelang hat mich die Erinnerung an ihn begleitet. Er mühte sich gerade in der Zollhalle mit einem sperrigen Gepäckstück ab, als ich zu ihm hineilte und ihm dabei half, seinen schweren Reisekoffer auf eines der Gepäckwägelchen zu hieven. Noch etwas ausser Atem, aber sichtlich gerührt, begann er zu erzählen: Als Gastarbeiter jung von Italien in die Schweiz gekommen, sei er vierzig Jahre lang für jene Firma tätig gewesen, die bis heute die Gepäcktrolleys für Flughäfen und Bahnhöfe entwickelt und produziert. Plötzlich bekamen die schwer steuerbaren Ungetüme, die die wuchtigen Gepäckwagen in meinen Augen bisher gewesen waren, ein ganz anderes Gesicht. Sein liebevoller Blick hauchte ihnen Leben ein. Ich stellte mir vor, wie er in einer grossen, schlecht beleuchteten Fabrikhalle in einem tintenblauen Arbeiter-Overall tagein, tagaus, Metallteile ausgestanzt und zusammengeschweisst hat. In der Pause schob er sich die Schweisserbrille auf die Stirn und wickelte das Fleischkäse-Sandwich aus der Alufolie, das seine Frau morgens liebevoll für ihn vorbereitet hatte, oder er genehmigte sich ein Rad eines aus Italien mitgebrachten, selbstgeräucherten Salamis. Vielleicht wechselte er auch ein paar scherzende Worte mit dem Arbeitskollegen aus dem Heimatland oder inhalierte rasch eine rote Marlboro, nur um sich dann wieder seiner Arbeit zuzuwenden. Acht Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Labour of love.

Heute verwenden junge Menschen sehr viel Energie darauf, herauszufinden, welcher Arbeit sie ihr Leben widmen möchten. Und das nicht ohne Grund. Wir identifizieren uns mit unserer Arbeit wie mit nichts Vergleichbarem. Indem wir arbeiten, hören wir auf zu WERDEN und fangen an zu SEIN. Arbeit ist weit mehr als blosses Geldverdienen. Arbeit schenkt uns Identifikation. Dabei spielt es keine Rolle, ob man als Arzt Menschenleben rettet, in der Strassenbahn Fahrkarten kontrolliert oder von Haus zu Haus geht und Staubsauger verkauft. Wichtig ist, dass unsere Arbeit etwas mit uns zu tun hat, dass sie einen Resonanzboden bildet. Im besten Falle schafft Arbeit einen Raum, in dem wir uns entfalten können.

Mein alter Mann wird die Gepäckwagen nie mehr nüchtern als das betrachten können, was sie eigentlich sind: metallene Gefährte auf Rollen. Die Beziehung, die wir zu unserer Arbeit eingehen, verändert unseren Blickwinkel auf die Welt für immer. Wir sind heute in der glücklichen Lage, dass wir die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, womit wir uns beschäftigen möchten. Mein Gastarbeiter hatte diese Freiheit kaum. Es war purer Zufall, dass er ausgerechnet in der Metallindustrie und darin in der Produktion von Gepäcktrolleys tätig war. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, die Gepäcktrolleys zu «seinen» zu machen und vierzig seiner kostbaren Jahre in diese eine Sache zu investieren. Ein guter Arbeiter vereint Tugenden wie Pflichtgefühl, Treue und Disziplin auf sich. Im Austausch gegen Lohn stellt er seiner Firma weit mehr als nur seine Arbeitskraft und sein Know-How zur Verfügung. Er gibt ihr auch etwas, das sich nicht mit Vorschriften einfordern lässt: Ein Stück seiner eigenen Menschlichkeit.

Diese Vereinnahmung durch Arbeit kann im schlechtesten Fall soweit führen, dass Menschen im Hamsterrad der Lohnarbeit abstumpfen. Die Begründer der «New Work»-Bewegung des amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann will Menschen dazu inspirieren, der Frage nachzugehen, welche Arbeit sie wirklich wirklich tun möchten. Bergmann spricht in seinem Grundlagenwerk «Neue Arbeit, neue Kultur» davon, dass eine Arbeit ein unglaublicher «Zug» entwickeln kann. Arbeit, welche die Menschen fasziniere und mitreisse, Arbeit, die sie liebten und der sie sich hingeben könnten, entfessle mehr Kräfte in den Menschen, als sie zu besitzen glaubten. Bergmann: «Wir werden Teil einer grösseren Situation, und diese Situation bringt unerkannte Energien in uns zum Vorschein.» (Bergmann, S.14). Arbeit sollte uns so viel Spass machen, dass wir ihr restlos verfallen können. Von der Leidenschaft, die die Arbeit in einem entfesseln kann, schreibt auch der Philosoph Peter Bieri: «Nichts schafft so intensive Gegenwart wie eine Leidenschaft. Leidenschaft – das ist eine Organisation der inneren Zeit, welche diese Zeit in besonderer Zeit zu meiner Zeit macht. Sie schafft, könnte man sagen, angeeignete Zeit.» (Bieri, S. 426)

Letztendlich geht es also darum, dass jemand lebt und nicht gelebt wird. Das soll auch der Gesellschaft als Gesamtes einen Nutzen bringen. Die «New Work»-Bewegung hat die Vision eine Gesellschaft, in der die Menschen zu einem Drittel ihrer Zeit einer regelmässigen Erwerbsarbeit nachgehen, zu einem Drittel Selbstversorger sind und zu einem Drittel das tun, was sie wirklich wirklich wollen. Die Menschen sollten so erfüllter und mit mehr Vitalität und Freude durchs Leben gehen und sich dadurch stärker, fröhlicher und lebensvoller fühlen. Letztendlich geht es um nichts Geringeres als darum, sich selbst und damit die ganze Gesellschaft als lebensfähiger und zufriedener zu erleben. Selbst- und nicht fremdbestimmt zu sein. Denn: Wer Respekt hat für seine Arbeit, hat auch Respekt für sich selbst.

Auch nachdem ihr Erschaffer gegangen ist, stehen die Gepäckwagen noch da, aufgereiht wie diensteifrige Soldaten, und warten auf ihre Pflichterfüllung. Sie sind aus robustem Metall gefertigt, viel robuster als Einkaufwagen in Supermärkten, und strahlen den Nimbus der Unzerstörbarkeit aus. Der alte Mann ist mit gutem Recht stolz auf eine Fabrikation, die ihren Zweck noch heute erfüllt. Offenbar hat man bisher noch keinen Grund gesehen, die Gepäckwagen durch zeitgemässere Modelle zu ersetzen. Wer weiss, wie viele Abermillionen Reisende bereits Berge von Gepäck auf ihnen transportiert haben, und dennoch existieren sie einfach weiter. Das, was der Mann mit seinen eigenen Händen erschaffen hat, erfüllt heute noch seinen Zweck, obwohl er selbst längst aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden ist. Es scheint, als hätte er der Nachwelt etwas hinterlassen, das Bestand hat für die Ewigkeit. Ich frage mich, ob in uns allen die heimliche Sehnsucht verborgen liegt, der Welt etwas zu hinterlassen, das über unseren Tod hinausführt. Etwas, das wirklich von uns kommt. Das einzige, das wir tun müssen, ist dem enormen Potential von guter Arbeit zu vertrauen. Arbeit, der man sein ganzes Leben widmen kann, die einem belebt und von innen her erneuert. Das wird weite Kreise ziehen. Weiter, als wir heute jemals denken könnten.


Quellen:

Bergmann Frithjof: Neue Arbeit, neue Kultur
Bieri, Peter: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens. Hanser

Montag, 31. Mai 2010

Mein Körper und ich möchten verreisen

Manchmal verspüre ich diese unbändige Lust, eine längere Reise zu unternehmen und damit mein eigenes Selbst zur Disposition zu stellen. Sämtliche Bindungen zu lösen, alte Fesseln loszuwerden, Abstand zu gewinnen, vom eigenen Leben, und manchmal auch vom eigenen Selbst. Die Schriftstellerin Francesca Marciano hat einst gesagt: «Ein Reisender ist jemand, der eingewilligt hat, die Kontrolle aus der Hand zu geben.» Menschen reisen – soviel ist mir klar – aus ganz unterschiedlichen Gründen. «Daheim-Menschen» finden reisen vor allem anstrengend. Für sie ist es ein energetisches Problem, und zwar gleich auf zwei Ebenen: Einerseits ist da die physische Anstrengung. Um einen Körper von A nach B zu bewegen, muss Energie freigesetzt werden, lernen wir im Physikunterricht, und der eigene Körper stellt hier leider keine Ausnahme dar. Hinzu kommt eine unbestimmte, psychische Anstrengung, denn irgendwie muss der Mensch all die neuen Sinneseindrücke verarbeiten. Wer sich das nicht mehr gewohnt ist – jemand, der aus gesundheitlichen Gründen an einen Ort gebunden ist, beispielsweise – kann auf Reisen eine regelrecht Reizüberflutung erfahren. Die hungrigen Sinne, die auf einer Reise urplötzlich ein solches Übermass an Nahrung erhalten, können den Reisenden in einen übermütigen, geradezu rauschartigen Zustand versetzen. Beim Reisen gibt es keine sanften Übergänge, auch keine lauwarmen Gefühle. Das macht es zu einem solch unberechenbaren Unternehmen. Es gibt das An-Ort-Treten, und es gibt das Unterwegssein. Und es gibt einen schmalen Streifen Übergang: den Flughafen.

Der Flughafen ist eine Schatzkammer an Gefühlen und Emotionen. Menschliche Freudenmomente und Tragödien ereignen sich auf engstem Raum. Am Flughafen befindet sich statistisch gesehen eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Menschen in einer Ausnahmesituation; einem Krankenhaus nicht unähnlich. Doch im Unterschied zum Krankenhaus haben sich die Reisenden freiwillig in diese Situation begeben. Genau das macht das Reisen auch so «thrilling»: Die Tatsache, dass man aus freien Stücken eingewilligt hat, die Kontrolle aus der Hand zu geben. Das ist wie auf einem 10-Meter-Sprungbrett zu stehen im klaren Bewusstsein darüber, dass man sich jetzt dann gleich fallen lassen wird. Über die Massen Angst einflössend – und gleichzeitig über die Massen erregend.

Für Menschen, die das Reisen lieben, ist es körperlich genauso anstrengend wie für «Daheim-Menschen» – nur wird ihnen die Energie, die sie verlieren, an einem anderen Ort gleich wieder zugeführt. Ein passionierter Reisender erlebt es als sehr lustvoll, sich dem Strom des Lebens hinzugeben, neue Dinge zu erfahren, nicht zu wissen, was der nächste Tag, die nächste Stunde, ja was der nächste Moment bringen wird. Der Erfahrungshunger treibt ihn an. Reisen ist eine sehr vielschichtige Herausforderung, vielleicht eine der vielschichtigsten überhaupt, und passionierte Reisende erleben es als äusserst erhebend, sich ihr zu stellen. Reisen hat aber auch ein reduktionistisches Element. Eine längere Reise zu unternehmen bedeutet, für einige Wochen nichts anderes zu besitzen als ein paar Kleidungsstücke, ein Buch und die eigene Geschichte.

Dann wird Reisen zum Wunderinstrument, ähnlich einem Vergrösserungsglas. Es vermag den Fokus auf jene Dinge zu richten, die in unserem Leben gerade wirklich wichtig sind, alles andere fällt von uns ab. Unterwegs erkennen wir klarer, was Beziehungen uns bedeuten, woran es uns mangelt, was derzeit unser Bedürfnis ist und können dann «neu sortiert» nach Hause zurückkehren. Gesetzten Falles, wir lassen diese Gedanken überhaupt an uns heran. Andernfalls kann Reisen auch einfach eine intelligente Art der Zerstreuung sein. Auf jeden Fall ist Reisen – betrachtet man es vom Standpunkt einer bewussten Lebensgestaltung aus – ein ganz besonders effektvolles Stilmittel. Der Entscheid, sich auf eine längere Reise zu begeben, hat nicht selten direkt etwas mit unseren Lebensumständen zu tun. Wir reisen in Übergangsphasen. Vor dem Beginn eines Studiums, vor Antritt einer neuen Stelle, vor der Geburt des ersten Kindes. Jede Reise hat ihren Grund, ihre innere Logik. Junge Erwachsene begeben sich gerne auf eine längere Reise, um die Bindung zum Elternhaus zu kappen, wir reisen aus Gründen der spirituellen Selbsterfahrung, ja manchmal kommt Reisen sogar einer Flucht gleich, um sich aus alten Mustern zu befreien. Wenn wir aufbrechen, verändert sich der Rhythmus unseres Lebens, aus Kontrollverlust wird Tempogewinn, die unendliche Anzahl an Möglichkeiten lockt, hinzu kommt intensives Erleben, weil wir jegliche Sicherheiten hinter uns lassen. «Wer will schon ein durch Sicherheiten eingeengtes Leben?», fragt sich Amelia Earhart, US-amerikanische Flugpionierin. Und Francesca Marciano sagte einst: «Sich in Gefahr zu begeben heisst, sich bis ins Innerste berühren zu lassen.»

Niemand kommt als der gleiche Mensch von einer Reise zurück, als der er aufgebrochen ist. Fast immer bedeutet Reisen das Aufbrechen von alten Mustern, was im Wort Auf-Bruch eigentlich bereits verborgen liegt. Wenn innerlich etwas aufbricht, kann das sehr schmerzhaft sein. Daher sollte es eigentlich nicht erstaunen, dass es immer wieder Menschen gibt, die auf einer Reise ernsthaft psychisch erkranken. Dafür gibt es unzählige Beispiele aus der Vergangenheit. Albert Camus, Annemarie Schwarzenbach oder Nicolas Bouvier sind berühmte Reisende, die in der Fremde eine schwere Krise durchleben mussten. Eine Reise, zum Beispiel eine Pilgerreise, kann mit einem Heilsversprechen locken und es manchmal sogar erfüllen. Doch leider kann auch das Umgekehrte passieren und jemand verliert durch eine Reise völlig den Boden unter den Füssen. An seinen Polen – ob positiv oder negativ - ist Reisen immer eine Grenzerfahrung. Die Frage ist nur noch, in welche Richtung das Pendel ausschlagen wird. Reisen ist ein grosses Wagnis, der gestiegene Komfort von heute hat daran nichts geändert. Obwohl die Rückkehr in der heutigen Zeit – anders als früher – als selbstverständlich angesehen wird und bereits im Element der Abreise angelegt ist, hat eine Reise dennoch immer etwas Endgültiges. Abschied bedeutet Verlust. Jede Reise enthält die Erfahrung des Verlustes und schafft gleichzeitig Platz für Neues. Die äussere Befreiung, für die man sich entscheidet, zieht nicht selten eine innere Befreiung nach sich. Und am Ende steht die Befriedigung, das Abenteuer einer Reise bestanden zu haben. Das macht stolz. Und mutig. Und Lust auf mehr. Gegen das Reisen gibt es, ähnlich wie beim Küssen, ganz einfach nichts einzuwenden.

Freitag, 14. Mai 2010

Der Panorama-Blick im Herz

Ich habe verschiedene Standorte für meinen kleinen, fahrbaren Eiscrèmewagen. Doch am Liebsten arbeite ich im Aussendock, direkt vor der Glasfassade. Ich mag die grossen Fenster, die dem Tageslicht dieses Übermass an Raum zugestehen. «Die Schönheit eines Flughafens», schrieb bereits Le Corbusier, «liegt in der Pracht des offenen Raumes». Seine Tage am Fenster zu verbringen, bedeutet, nicht eine einzige Verfärbung des Himmels, nicht eine Stimmung oder Wolkenformation zu missen, ohne den Elementen als solches ausgesetzt zu sein. Die Weite vor meinem Fenster erinnert mich an die unermessliche Weite des Ozeans. Habe ich gerade nicht viel zu tun, stelle ich mir zum Spass manchmal vor, ich würde mich an Bord eines riesigen Ozeandampfers befinden.

Es ist eine Art Spiel von mir. In meiner Vorstellung befindet sich auf der untersten Etage – dort, wo die ankommenden Passagiere aus den Fluggastbrücken strömen – das Unterdeck mit dem Maschinenraum. Von den schmucklosen Betongängen führen die einzelnen Türen zu den Kabinen der Besatzung. Auf der Ebene darüber – dort, wo die abfliegenden Passagiere das Boarding ihres Flugzeugs warten – öffnet sich die Rundsicht, hier beginnt das Leben zu pulsieren, kleine Läden reihen sich aneinander, Cafés laden zum Verweilen ein. In meiner Fantasie verschwinden die modernen Reisenden mit Laptop und Kopfhörer und machen den Damen in eleganten Roben Platz, die – eingehängt am Arm eines eleganten Herrn in feinem Zwirn – über Deck flanieren, lesen, Schach spielen, hinter vorgehaltener Hand über die Mitpassagiere tuscheln oder einfach nur die Sonne geniessen. Auf der obersten Etage - dort, wo sich in Wirklichkeit Zuschauerterrasse und die Lounge befinden – breitet sich ein grosses Sonnendeck vor meinem inneren Auge aus, mit Liegestühlen, in denen die Transatlantik-Passagiere in der sechs Tage dauernden Überfahrt stundenlang vor sich hindösen werden. Ist der grosse Moment des «Leinen los!» gekommen, stellen sich die Reisenden an die Reling und winken den Zurückbleibenden auf der Mole zum Abschied zu. Selbst als das Getöse der Motoren ohrenbetäuend wird, stehen sie noch dort sehen dabei zu, wie die Silhouetten am Ufer kleiner und kleiner werden – bis sie nur noch als winzige Punkte am Horizont zu erkennen sind und schliesslich ganz verschwinden.

Lange Zeit war das Meer ein angstbesetzter Ort. Kaum jemand wäre in früheren Zeiten auf die Idee gekommen, ohne zwingenden Grund das Meer aufzusuchen. (Clausen, S. 82) Erst mit der Urbanisierung veränderte sich die Einstellung zum Meer. Plötzlich schien das Meer mit seiner Dauerhaftigkeit und seiner unendlichen Weite dem flüchtigen Stadtleben überlegen. Das Meer als Gegenkonzept zum hektischen, krank machenden Stadtleben wurde zum Sehnsuchtsort, genau wie die Berge. Für den «neuen Menschen» ist das Meer ein Ort der Kontemplation und des Lichts, der ihm die Möglichkeit gibt, sich selbst zu relativieren (Clausen, S.82). Eine offene Landschaft, die ausserhalb von Raum und Zeit steht. «Wer am Meer entlanggeht, der sieht in allem etwas Fernes, anders als nur in geografischem Sinn», hat der ungarische Schriftsteller Sandor Marai einst gesagt. Ob todbringend oder beschwichtigend, das Meer hat ohne Zweifel eine besondere Wirkung auf die menschliche Seele. «Sand in my shoes», singt die Popsängerin Dido und beschwört damit diesen leicht entrückten Zustand herauf, den ein Tag am Meer in unserer Gefühlswelt hinterlässt und uns mitunter noch tagelang begleitet.

«Wohnen sie am Meer?», das ist eine Frage, die ich meinen Kunden häufig stelle. Sie interessiert mich deshalb so brennend, weil sie zu einer Thematik gehört, die mich schon lange beschäftigt: Fördert die Weite vor unserer Haustür die Weite unseres Denkens? Werden wir offener, durchlässiger, toleranter? Überträgt sich der Panorama-Blick in unser Herz? Zuerst sind die meisten Befragten etwas irritiert angesichts der Unvermitteltheit meiner Frage. Ist der erste Moment der Verwunderung einmal überwunden, geben sie jedoch meistens sehr freudig Auskunft. Die häufigste Antwort, die ich bekomme, verblüfft mich immer wieder aufs Neue, denn sie lautet: «Wir wohnen zwar am Meer, doch wir spazieren nur äusserst selten am Strand.» Um dann meistens noch halb entschuldigend hinzuzufügen: «Das, was man von der eigenen Haustüre hat, weiss man eben einfach zu wenig zu schätzen.» Zeigt sich das Meer also zu offensichtlich, scheint es seine Wirkung zu verlieren. Und muss wie eine Diva jede Gelegenheit nutzen, um auf sich Aufmerksam zu machen. Es wird launisch, wild und unberechenbar. «Das Land ist sicher, auf das Meer ist kein Verlass», hat bereits der Griechische Philosoph Pittakos gesagt und bringt damit diese Urangst des Menschen vor dem Meer zum Ausdruck. Im Grunde genommen ist das Meer ein menschenfeindlicher Ort.

Und dennoch lassen wir im Sommer keine Gelegenheit aus, ans Meer zu fahren. Das Meer ist ein beliebter Ort für Spiel, Spass und Freizeit. «Warst du schon mal am Meer?», fragt das Kind seine Freundin. Die ersten Ferien am Meer prägen sich tief in die Erinnerung ein. Noch als Erwachsene lässt uns das Salz, das wir nach dem Schwimmen auf unseren Lippen schmecken, an längst vergangene, unbeschwerte Kindertage zurückdenken. Das Meer ist aber auch ein bevorzugter Ort, um seine Gedanken schweifen zu lassen und den Kopf frei zu bekommen. Welche Tätigkeit eignet sich besser, um über sich und sein Leben zu reflektieren, als ein Spaziergang am Strand? Aus der Sicht der Ästhetik des Erhabenen, wie sie von Kant entwickelt wurde, kann das Innehalten am Strand eine besondere Schwingung des Ich auslösen, das sich erregt den Elementen gegenübersieht. Am Meeresufer, dort, wo Luft, Wasser und Erde ineinander übergehen, treffen die elementarsten Kräfte aufeinander. «Die Leere des Ozeans, zum metaphorischen Ort des persönlichen Schicksals erhoben, lässt den Strand als einen Grenzbereich erscheinen, der den Spaziergänger, unentwegt den Rhythmen des Wassers und des Mondes ausgesetzt, zu einer periodischen Lebensbilanz auffordert.» (Corbin, S.214)

Das Meer lädt uns aber nicht nur ein, über uns selbst nachzudenken, es kann auch eine Metapher sein für die unendliche Zahl an Möglichkeiten, die das Leben zu bieten hat. Demnach würde das Meer uns stetig zuflüstern: «Komm, verändere dich!» Es selbst macht es ja nicht anders. Dem Wind und den Kräften des Mondes ausgesetzt, ist das Meer nichts anderes als ein Sinnbild für Veränderung. Es wechselt von Ebbe zu Flut und dann wieder zu Ebbe, es lässt die Wellen branden, nur in seltenen Momenten liegt es still und schön da wie ein Seidentuch. Auch für Generationen von Auswanderungswilligen bedeutete das Meer nach der Entdeckung Amerikas das Tor in eine neue Welt. Sie mussten das Leben, so wie sie es gekannt hatten, hinter sich lassen im Wissen darum, dass sie niemals zurückkehren würden. Sich hingeben. Sich den Wellen und dem Meer überlassen, den Launen der Natur, der Technik, dem eigenen Schicksal. Es war der grosse, beherzte Sprung in ein neues Leben.

Besonders schön ist es im Aussendock, wenn die Sonne scheint. Die direkte Sonneneinstrahlung verleiht jedem Staubkörnchen Glanz, die Sitzreihen werden in ein goldenes Licht getaucht. Sonne und Architektur ist ein hinreissendes Paar. Alles wirkt plötzlich so anmutig, so überaus erhaben. Und manchmal, ja manchmal, wenn nachmittags die Sonne scheint und ich blinzeln muss, weil die Schneeberge der Glarner Alpen in der Ferne verführerisch glitzern, kommt es mir vor, als könnte ich am fernen Horizont die Fackel der Freiheitsstatue verheissungsvoll schimmern sehen.

Quellen: Corbin, Alain. «Meereslust». Das Abendland und die Entdeckung der Küste. Wagenbach.
Clausen, Jens. «Das Selbst und die Fremde». Über psychische Grenzerfahrungen auf Reisen. Edition Das Narrenschiff.

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